Vielleicht wäre es jetzt auch einfach mal Zeit für Frauen

Die aktuellen Ereignisse im politischen System Österreichs haben gezeigt: Das Patriarchat hat ausgedient. Warum wir endlich mehr Frauen in der heimischen Politik brauchen - und warum wir scheitern. Ein Kommentar.

Frauen in die Politik Kommentar Ibizagate

Fragile Männlichkeit und Balzgehabe haben die österreichische Regierung in den letzten Tagen ordentlich in die Krise gestürzt. Ein Vizekanzler im Größenwahn, der mit überzogenen Prahlereien einer Frau imponieren will - das ist nicht nur peinlich, sondern höchst unprofessionell (schön zusammengefasst in dem Artikel "Er wollte doch nur flirten"). Bei so viel hormoneller Verwirrung, kann man sich schon einmal fragen: Sollte man Männern diese hohen Ämter überhaupt zumuten?

Natürlich kann man das und die Frage ist freilich überspitzt formuliert. Aber als Frau muss diese Frage schon erlaubt sein, schließlich erklärt uns das Patriarchat schon seit ein paar hundert Jahren, dass wir zu weich, zu emotional und zu fragil sind, um Regierungsgeschicke zu lenken. Nun, wie viele Frauen sind uns denn in den letzten Jahren in Österreich untergekommen, deren politische Karriere dadurch zerstört wurde, dass sie ihre Gefühle nicht im Griff hatten? Eben.

(Wie absurd diese Argumentation ist, wird in dem Satire-Video der "Burschenschaft Hysteria" übrigens großartig veranschaulicht.)

Frauen können es sich nicht leisten

Genau das ist der Punkt: Eine Frau hätte sich das nie geleistet. Erstens, weil Frauen diesen imponierenden Macho-Blödsinn sowieso nicht nötig haben. Und zweitens, und viel wichtiger, weil eine Frau, die es in diese Position geschafft hat, genau weiß, dass sie sich so ein Verhalten nicht leisten kann. Und trotzdem müssen wir Regierungsbildung für Regierungsbildung dabei zusehen, wie mächtige Männer andere (noch nicht so mächtige) Männer in wichtige Positionen hieven und Frauen zunehmends durch die Finger schauen. Das gilt im Übrigen nicht nur für die politischen Ämter. Der Postenschacher in staatsnahen Unternehmen, der seit der türkis-blauen Regierungsangelobung stattgefunden hat, zeigt ein ähnliches Bild. ÖVP und FPÖ setzten ihre Lieblinge bewusst in Führungspositionen - und diese Lieblinge waren, bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Bettina Glatz-Kremsner) immer männlich (und hießen oft Harald Mahrer, aber das ist wieder eine andere Geschichte ...).

Frauen sind "Ehefrau", keine "Politikerin"

Wenn man auf der Fotoplattform Getty Images die Worte "Austria, Politics & Women" eingibt, findet man vor allem eins: Ehefrauen, Freundinnen und Wegbegleiterinnen von wichtigen Männern. Frauen als handelnde Subjekte, ja sogar als mächtige Politikerinnen? Fehlanzeige. Vor allem nicht in Österreich. In der letzten Regierung sind wieder fast alle wichtigen Posten (Kanzler und Vizekanzler, Innen-, Finanz- und Justizminister) mit Männern besetzt worden. Für Frauen blieben abgesehen von Wirtschaft (Margarete Schramböck) und Äußeres (Karin Kneissl) die "weichen" Bereiche Soziales & Gesundheit (Beate Hartinger-Klein, nicht wirklich weich, nicht sehr sozial), Umwelt & Tourismus (Elisabeth Köstinger) und Frauen (Juliane Bogner-Strauß, mit einem Witz von Budget quasi handlungsunfähig) & Familie (kann man Männern nicht zumuten, scheint es) übrig.

Dabei hätte Sebastian Kurz nur in die Vergangenheit blicken und aus den Fehlern seiner Vorgänger (generisches Maskulinum sei an dieser Stelle angebracht) lernen müssen: Wer hat denn die letzten Koalitionen platzen lassen? Alte weiße Männer.

Zu wenig Frauen

Nun kann man natürlich argumentieren, dass es nun einmal weniger Frauen in der Politik gibt. Jö, die Frauen, die interessieren sich einfach nicht für so harte Themen. Und tatsächlich: Die Anzahl an Frauen in politischen Funktionen ist schon auf Gemeindeebene erschreckend niedrig (zur Erinnerung: in Österreich gab es laut Statistik 2016 mehr Bürgermeister mit dem Vornamen "Josef" als Bürgermeisterinnen). Das ist ein Problem, das sich freilich auf höheren politischen Ebenen widerspiegelt.

Wer mit diesem Argument kommt, muss aber auch einen Schritt zurückgehen und fragen: Warum ist das so? Nun, wenn Frauen immer noch einen Großteil der unbezahlten Haus- und Carearbeit übernehmen (eben erneut belegt), dann bleibt wenig Zeit für "Hobbies" wie politisches Engagement. Wenn Kindergärten um 13:00 schließen und die Nachmittagsbetreuung teuer ist, dann bleibt wenig Zeit für "Hobbies" wie politisches Engagement. Und wenn Frauen immer noch Opfer von sexueller Belästigung in politischen Ämtern sind (40 Prozent der weiblichen Abgeordneten in der EU sagen, sie wurden schon mal während der Parlamentsarbeit belästigt), dann kann man jede Frau verstehen, die sagt: Nein, danke, das tue ich mir nicht an.

Machtbesoffene teilen - nicht

Genau hier sollte die Politik ansetzen, tut sie aber nicht und das schon seit Jahren. Das hat man nicht zuletzt bei der parlamentarischen Behandlung des "Frauenvolksbegehrens" gemerkt, in der die Regierung alle Anträge diesbezüglich abgelehnt hat. Wenn man an den oben erwähnten Stellen ein paar Schrauben drehen würde, könnte man schon einiges bewirken. Und da haben wir mit der Quote noch gar nicht angefangen. Aber Macht teilen die "Machtbesoffenen" (O-Ton Kickl über ÖVP) eben nicht gerne und so wird es auch wohl bei der nächsten Regierungsbildung wieder heißen: Wir haben halt niemanden gefunden. Dabei gibt es schon jetzt genug Frauen, die das Zeug zu ausgezeichneten Ministerinnen hätten. (Traurig genug, dass man es überhaupt erwähnen muss, es sollte eh allen klar sein.) Wenn man Profession und Können vor das Herkunfts-Bundesland und die Vereinsmitgliedschaft stellt, wird man die auch schnell finden, wenn man will. Genau daran wird man die kommende Regierung messen müssen.

Letztlich darf man aber vor allem nicht außer Acht lassen, dass die fehlende Repräsentation von Frauen und Diversität in der Politik, ein Grund für das derzeitige Missverhältnis ist. Vorbilder wirken. Eine Beate Meinl-Reisinger, die wenige Wochen nach der Geburt ihres Kindes in Protestlaune vor dem Bundeskanzleramt demonstriert und wenige Stunden später die verbleibende Regierungsmannschaft im "Im Zentrum" zur Verantwortung zieht, ist so ein Vorbild. Eine Maria Stern, die die Regierung konstant an ihre nicht gehaltenen Versprechen zum Schutz von AllererzieherInnen erinnert, ist so ein Vorbild. Eine Claudia Gamon, die als einzige Frau als Spitzenkandidatin in die Europawahl geht und in der Puls4 "Wahlarena" klarstellt, dass Politik in keinem Uterus etwas zu suchen hat, ist so ein Vorbild.

Es gibt immer noch viel zu wenige von ihnen. Und das sollte sich ganz schnell ändern.

 

Aktuell