"Viele denken, dass sie bis in die späten 40er sehr fruchtbar sind. Die Realität ist leider eine andere"

Wir denken in vielen Bereichen an Vorsorge, nur nicht bei unserer Fruchtbarkeit – sollten wir aber.

Was ist das Problem mit Eizellen von älteren Frauen?

Der Krebsabstrich ist negativ, der Ultraschallbefund unauffällig, bei der Brustuntersuchung wird nichts entdeckt und auch sonst sind keine Auffälligkeiten zu beobachten: Einmal im Jahr hören die meisten Frauen von ihrer Gynäkologin oder ih­rem Frauenarzt "Passt alles!" und sind beruhigt. Und so ganz falsch ist das auch nicht – bis zu dem Zeitpunkt, wo Kinder Teil der Lebensplanung werden und es dann doch nicht so spontan klappt wie erhofft.

Wenn das Thema Familienplanung aktuell wird, sind die meisten Frauen in Österreich mittlerweile knapp 30 Jahre alt, viele noch um einiges älter. Den wenigsten von ihnen ist bewusst, dass es unzählige Faktoren dafür gibt, warum das Thema zum Problem werden könnte: Häufige Ursachen sind lange Zeit unerkannte chronische Erkrankungen wie Endometriose oder das PCO-Syndrom*, aber auch Schilddrüsenerkrankungen, Probleme mit dem Immunsystem, Eierstockzysten oder Entzündungen und Lebensstilfaktoren können die Gründe sein. Vieles davon schlummert so lange unentdeckt im Körper, bis sich Betroffene mit dem Thema Kinderwunsch auseinandersetzen.

Dabei wäre eine frühzeitige Vorsorge in dieser Hinsicht wichtig für unsere Gesundheit, meint auch Alexander Just. Der Reproduktions­mediziner ist eigentlich Spezialist für künstliche Befruchtung, will Frauen aber dazu ermutigen, ihre reproduktive Vorsorge frühzeitig in die Hand zu nehmen und – sollten Kinder Teil der Lebens­planung sein – besagtes Problem erst gar nicht zu einem ­solchen werden zu lassen.

*Das Polyzystische Ovarialsyndrom ist eine häufige Erkrankung von Frauen im gebärfähigen Alter. An den Eierstöcken treten dabei kleine Bläschen auf, die die Funktion des Ovars stören und den Eisprung verhindern. Bei Frauen mit PCO sind außerdem zu viele männliche Hormone vorhanden, die den normalen Zyklus stören.

WIENERIN: Wie kommen Sie auf das Thema reproduktive Vorsorge?

Alexander Just: Ich habe als Reproduktionsmediziner hauptsächlich mit Kinderwunschpatientinnen zu tun und musste in den letzten sieben Jahren immer mehr Leuten sagen, dass ich ihnen bei ihrem Kinderwunsch nicht mehr helfen kann. ­Viele Frauen, die zu mir kommen, sind zu alt, kommen zu spät, ­wollen keine fremden Eizellen und nicht adoptieren. Nachdem die Eizellqualität der Frau mit dem Alter abnimmt, sinkt eben auch die Chance auf ein leibliches Kind. Viele denken, dass sie bis in die späten 40er sehr fruchtbar sind. Die Realität ist aber leider eine andere. Ganz ehrlich: Die Baby-Take-Home-Rate bei 40-bis-45-jährigen Frauen liegt bei unter fünf Prozent. Wenn ich das einer Patientin sage, ist sie erschrocken und geschockt. Ich will und muss jedoch ehrlich sein. Aber natürlich habe ich irgendwann gedacht, dass das doch anders gehen muss.

Wie?

Indem man Pa­tientinnen frühzeitig aufklärt. Wir wissen mit hundertprozentiger Sicherheit, dass für jede Frau in ihrem Leben irgendwann der Punkt kommt, an dem sie keine Eizellen mehr haben wird. Viele Frauen sind aber überrascht, wie früh dieser Punkt manchmal erreicht ist. Das Thema Familienplanung verschiebt sich immer weiter nach hinten – wenn es dann schwierig wird, ist die Enttäuschung oft sehr groß.

Was sind die Optionen?

Je früher Frauen sich melden, desto früher kann man ansetzen. Ich habe Patientinnen mit schlechter Prognose, die kann man mit Infusio­nen optimal vor­bereiten, Eizellen einfrieren oder künstlich befruchten. Auch junge Frauen profitieren.

Ich kann Eizellen nicht jünger machen oder nachwachsen lassen, aber ich kann Frauen mit Kinderwunsch bestmöglich beraten, sofern noch Eizellen vorhanden sind.

von Dr. Alexander Just

Was ist das Problem mit Eizellen von älteren Frauen?

Kurz gesagt: die Qualität. Eine Frau zwischen 20 und 28 Jahren hat eine sehr gute Eizellqualität. Mit dem Alter nimmt diese ab. Wir versuchen, durch gezielte Ana­lysen und Behandlungen wie Infusionen das Plasma der Eizelle wieder fit zu machen. Wenn jemand mit 40 viel Sport macht, wird der Körper fitter und gesünder und damit widerstandsfähiger. Wir versuchen, den Körper stoffwechseltechnisch zu unterstützen, zu entgiften und dann personalisierte Medizin und altersadaptierte Beratung anzubieten. Ich kann Eizellen nicht jünger machen oder nachwachsen lassen, aber ich kann Frauen mit Kinderwunsch bestmöglich beraten, sofern noch Eizellen vorhanden sind.

Ist das Thema auch abgesehen vom Kinderwunsch – also für die Frauengesundheit – relevant?

Definitiv ja – um gynäkologische Erkrankungen wie Endometriose, PCO-Syndrom oder Probleme mit den Eileitern frühzeitig zu erkennen, aber auch für die Verbesserung des Lebensgefühls. Es gibt Frauen, die gehen von Arzt zu Ärztin und es geht ihnen schlecht, aber man findet nichts. Da kann die Ursache im Stoffwechsel liegen, das wäre einfach zu beheben! Manche Stoffe, die sich im Körper abgelagert haben, wie Quecksilber oder Blei, kann man ausleiten. Das hat mit Esoterik nichts zu tun, das ist medizinisch erwiesen und nachweisbar. Und wenn der Serotoninstoffwechsel gestört war und das die Ursache für Depressionen war, geht es einem nachher besser. Es ist bewusst ein ganzheit­licherer Ansatz und die Art und ­Weise, wie ich Medizin machen will: nicht nach dem Gießkannenprinzip.

Aber auch beim Kinderwunsch ist das Thema Entgiftung relevant. Manchmal übertragen wir wunderschöne Embryonen und sie nisten sich nicht ein. Warum? Es kann sein, dass Giftstoffe im Endometrium, also der Gebärmutterschleimhaut, nach einer Schwangerschaft dafür verantwortlich sind, dass sich neue Eizellen nicht einnisten können; es kann eine Infektion in der Gebärmutterschleimhaut sein, Antibiotika et cetera. Manchmal sind es Giftstoffe in der Schleimhaut, die man ausleiten kann, und dann klappt es. Dafür ist diese Blutabnahme prinzipiell nicht gedacht, aber man kommt dann drauf. Ich glaube, dass hier viel Potenzial für Frauen, die schlechte Prognosen haben, liegt; denen könnte man noch helfen.

Gibt es Lifestylefaktoren, mit denen man reproduktiv vorsorgen kann?

Ja, man sollte sich sehr divers ernähren, Sport machen und allgemein gesund leben. Das klingt banal, aber der Lifestyle ist sehr wichtig. Es geht auch darum, wie man schläft, ob man Hobbys hat, ob man glücklich ist im Job; das macht einen großer Unterschied. Ärztinnen und Ärzte fragen solche Sachen ab, aber viele denken, das hat nichts mit dem Problem zu tun. Die funk­tionelle Medizin wird belächelt – man schaut auf die Genetik, aber den Rest nicht an.
Zumeist werden Frauen für die Verhütung verantwortlich gemacht, auch jungen Frauen wird oft achtlos die Pille verschrieben – jetzt sollen sie sich auch noch um ihre Reproduktionsfähigkeit sorgen.

Man kann dazu stehen, wie man will, aber ich denke, jede Frau sollte über den eigenen Körper Bescheid wissen.

von Dr. Alexander Just

Setzt das Frauen nicht unter Druck?

Ich hoffe nicht, denn man zwingt ja niemanden dazu, sich untersuchen zu lassen. Aber wir können mittlerweile die Eizellenreserve mittels Anti-Müller-Hormon (AMH, Anm.) bestimmen und diese auch richtig interpretieren. Das sagt ab dem 25. Lebensjahr schon sehr viel da­rüber aus, ob man mit Mitte 30 noch gute Chancen hat, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen. Das fer­tile Fenster einer Frau ist limitiert, das wird sich in den nächsten tausend Jahren nicht ändern. Wir können mit dem AMH und differenzierten Bluttests feststellen, ob eine Patientin zur Gruppe jener Frauen mit vielen Eizellen gehört oder nicht.

Das Bestimmen der Eizell­reserve durch das Anti-Müller-Hormon wurde auch kontrovers diskutiert – es gab Kritik, dass Frauen nur auf ihre Fruchtbarkeit reduziert werden …

Das sehe ich anders. Man könnte vieles abfedern und Frauen belastende, teure künstliche Befruchtung ersparen. Und man kann generell für das Thema sensibilisieren. Ich kenne aus der Praxis nur Fälle, die sagen, wenn sie es früher gewusst hätten, hätten sie es nicht so weit kommen lassen und früher überlegt, etwas zu tun. Man kann dazu stehen, wie man will, aber ich denke, jede Frau sollte über den eigenen Körper Bescheid wissen.

 

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