Verzweiflung: Wenn Kinder depressiv werden

Depressionen machen auch vor Kindern nicht halt. Gerade bei den Kleinen werden sie nur bei einem von fünf Betroffenen diagnostiziert. Traurigkeit, Lustlosigkeit, Gereiztheit über längere Zeiträume sind mögliche Symptome. Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Claudia Klier über die Erkrankung bei Kindern.

Jede zweite depressive Erkrankung würde sich durch Prävention verhindern lassen", so die Kinder- und Jugendpsychiaterin, Dr. Claudia Klier, von der Universitätsklinik für Kinderheilkunde der Medizinischen Universität Wien. „Erste Anzeichen zeigen sich bereits in den ersten Lebensjahren." Uns verrät sie klassische Risikoquellen und wie Hinweise auf diese Erkrankung in den unterschiedlichen Altersstufen aussehen können.

Schwangerschaft und Babyalter


„Ist die Mutter bereits in der Schwangerschaft oder nach der Geburt depressiv, hat das Kind ein hohes Risiko ebenfalls an einer Depression zu erkranken. Stress während der Schwangerschaft wirkt sich ebenfalls negativ aus", erklärt Dr. Claudia Klier. Auch im ersten Lebensjahr ist die Wechselwirkung von Mutter und Kind beträchtlich: „Gibt es Auffälligkeiten beim Kind und es handelt sich zum Beispiel um ein Schreikind, steigt das Risiko, dass die Mutter eine Depression bekommt und somit auch das Risiko für das Kind." Trennungs- und Bindungsstörungen, sowie der Verlust von Bezugspersonen können ebenfalls der erste Schritt zu einer psychischen Erkrankung sein.

Kindergartenalter


„Der Besuch des Kindergartenswirkt sich positiv auf die Kids aus", so die Psychiaterin. „Ich wäre für ein zweites, verpflichtendes Jahr. Denn Kindergärten sind Bildungseinrichtungen, wo sprachlich gefördert wird und auch Ernährung ist hier schon ein Thema. Kinder mit Adipositas oder etwa der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung ADHS fallen auf. Denn auch diese gelten als Risikofaktoren. Die Betreuungspersonen in den Bildungsstätten können die Eltern ansprechen und sie darauf hinweisen."

Volksschulalter


Kinder im Schulalter müssen sich dann ersten Leistungsanforderungen stellen und suchen Anschluss an andere. Klappt das nicht sind sie gefährdeter. Gerade Mobbing ist dabei ein großes Thema, erklärt Dr. Claudia Klier. „In Australien wird das Bullying - so heißt es dort - ganz streng geahndet. Da müssen Eltern unterschreiben, dass sie das sofort melden müssen, sollte ihnen etwas auffallen. In ganz Australien wird mit Werbeplakaten „Bullying kann jedes Kind treffen" auf die Situation hingewiesen. Außerdem gibt es bundesweit Stellen, wo die Kinder Hilfe finden. Dort können sie sich Videos anschauen, in denen gezeigt wird, was bei einer Psychotherapiesitzung passiert oder ähnliches. Bei uns sind die meisten Programme leider lokal begrenzt."

Jugendliche


Bei Jugendlichen steigt das Risiko an einer Depression zu erkranken, vor allem bei Mädchen an. Ab einem Alter von zehn Jahren kommt es dann in ganz schlimmen Fällen auch schon zu Suizidversuchen. Im Alter von 15 sind Suizide eine schwer wiegende Komplikation einer Depression. Bei Jugendlichen bis 18 Jahren machen diese etwa 30 Prozent aller Todesursachen aus. Dr. Claudia Klier hält Suizidforen für wichtige Instrumente: „Dort haben Betroffene die Möglichkeit sich auszureden, was sie im normalen Leben oft nicht tun. Deswegen bringen sie sich aber noch nicht um." Wichtig sei, dass man den Jugendlichen auch Informationen mit Auswegen aus ihren Problemen bietet.

Hochrisikogruppen


„Besonders gefährdet sind Kinder in Betreuungseinrichtungen oder mit chronischen körperlichen Erkrankungen wie Adipositas oder Epilepsie", klärt die Expertin auf. „Das Worst Case Szenario liegt bei Flüchtlingen vor."

Wann Sie als Eltern einschreiten sollten, erfahren Sie auf Seite 2...

Wann Eltern einschreiten sollten


Sollten Sie als Eltern bei Ihrem Kind über einen längeren Zeitraum folgende Symptome beobachten, suchen Sie Hilfe bei einem Praktischen Arzt oder einem Kinderpsychiater:

  • Rückzug
  • Traurigkeit
  • Weinerlichkeit
  • Streitlust
  • Gereiztheit
  • Müdigkeit
  • Konzentrationsmangel
  • Schlaflosigkeit

Was Kinder schützt

Folgende Faktoren geben Kindern Halt und mindern das Risiko später an einer Depression zu erkranken.

      • Optimismus
      • Wenn Sie gefördert werden und bestärkt, in dem was sie tun
      • Familiärer Halt und Stabilität
      • Unterstützung von Seiten der Familie
      • Stabile Wertesystem in der Familie
      • Schulen mit einem positiven Schulklima
      • Schulen mit Angeboten für schwierige Phasen
      • Gute und ehrliche Kontaktpersonen zum Reden
      • Gute Angebote wie Beratungsstellen und enge Kontakte zu Verwandten, Freunden
      • Einbindung in soziale Netzwerke
      • Wirtschaftliche Sicherheit
      • Kulturelle Identität

Was Kinder gefährdet

Folgende Punkte fördern Depressionen:

      • Geringes Selbstwertgefühl
      • Negative Denkmuster
      • Kindesmissbrauch, Verwahrlosung
      • Familienkonflikte
      • Trennungen
      • Strenger und inkonstanter Erziehungsstil
      • Psychische Erkrankungen der Eltern
      • Alkohol- oder Drogenmissbrauch der Eltern
      • Zurückweisung in der Klassengemeinschaft
      • Misserfolg und Überforderung in der Schule
      • Mangelnde Sozialkontakte
      • Schwierigkeiten bei Schulwechseln
      • Tod von Angehörigen
      • Traumatisierende Ereignisse
      • Diskriminierung
      • Isolation
      • Finanzielle Schwierigkeiten
      • Fehlender Zugang zu Unterstützungsangeboten
 

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