Verstrickt im Leben

Sie kriegen sich immer wieder mit anderen Menschen ganz gehörig in die Wolle. Und finden das gut. Denn sie haben aus ihrer Leidenschaft zum Stricken einen Beruf gemacht. Die WIENERIN traf drei Frauen, die ihr Leben neuen Mustern und bunten Fäden widmen.

Die Dealerin

Komme was Wolle - das ist das Motto von Dorrit Korger. Und der Name des Wollgeschäfts, das die Lektorin vor zwei Jahren eröffnet hat. Aus ihrer Leidenschaft fürs Stricken ist beruflich ein zweites Standbein geworden.

Komme was Wolle

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Wollgeschäft zu eröffnen?
Ich habe mich als Lektorin selbstständig gemacht und war nicht ganz ausgelastet. Da ich nie wusste, wo ich Wolle kaufen sollte, habe ich mir gedacht: Dann mach ich eben ein eigenes Wollgeschäft auf. Ich hatte schnell einen günstigen Laden gefunden und drei Monate später habe ich eröffnet.

Jetzt stricken Sie den ganzen Tag?
Ich erarbeite Projekte mit meinen Kunden. Denn heute geht es vielen beim Stricken mehr ums Machen als ums Tragen. Es geht um den Spaß, etwas Eigenes zu produzieren. Die Kunden kommen oft mehrmals täglich, um nachzufragen, wie etwas weitergeht. Da bleibt nicht viel Zeit. Im Winter mache ich hauptsächlich Mützen und Schals. Die großen Sachen stricke ich im Sommer.

Haben Sie ein Lieblingsstück?
Ehrlich gesagt habe ich jede Woche ein neues. Ich habe ja auch ständig neue Ideen und mache neue Sachen.

Wann haben Sie mit dem Stricken begonnen?
Mit zehn Jahren habe ich meinen ersten knallgelben Pullover gestrickt. Der blanke Horror! Aber die Nadeln haben mich nie wieder losgelassen.

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nadelspiel.com
Was die Video-Strickanleitungen von Elisabeth Wetsch von anderen unterscheidet? Jedes Muster wird selbst für Strickanfänger nachvollziehbar.

Auch für den guten Zweck darf gestrickt und gehäkelt werden. Beim Projekt Grannies 4 Somalia wurden von handarbeitswütigen Userinnen jede Menge Patchworkquadrate gehäkelt und eingeschickt. Daraus werden etwa Decken gemacht, die man über www.nadelspiel.com ersteigern kann. Der Erlös geht an Menschen für Menschen.

Die Technikerin

Gabriele Keyzlar-Mayr unterrichtet an der Modeschule Wien die Strickklasse. Wer sich darunter ein gemütliches Kränzchen mit Schülern vorstellt, irrt! Zur Ausbildung gehören Computerkurse und riesige laute Strickmaschinen.

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Was fasziniert Sie am Stricken?
Ich habe in meinem Leben vielleicht zehn Stücke mit der Hand gestrickt. Dafür habe ich keine Geduld. Mich hat immer schon die technische Seite begeistert und ich wollte immer schon gern unterrichten.

Ihnen geht es nur um die Technik?
Es gibt natürlich auch einen kreativen Anspruch. Es ist immer wieder toll, womit die Schüler stricken. Es gab ein Projekt, da wurden Tonbänder oder Drähte mit Handstrickmaschinen verstrickt. In der Industrie werden alle Informationen - wie etwa Muster - direkt in den Computer eingegeben. Es ist möglich, einen ganzen Pullover zu programmieren, der dann auch in einem Stück rauskommt.

Warum glauben Sie, dass Strick in der Mode wieder zu so einem starken Trend geworden ist?
Das hat zum Teil sicher mit den technischen Möglichkeiten zu tun. Früher konnte man nur dünnes Garn verarbeiten. Heute funktioniert auch dicke Wolle.

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Die Tüftlerin

Sie war Texterin in einer Werbeagentur und hatte die erste Internetagentur Wiens. Heute stellt Elisabeth Wetsch alias elizzza Strickvideos ins Internet. Ihre Homepage nadelspiel.com hat monatlich bis zu zwei Millionen Aufrufe.

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Frau Wetsch, Sie haben ja gar nichts Gestricktes an!
Es ist so peinlich, aber ich habe nur einen einzigen gestrickten Pullover. Ich stricke keine großen Sachen. In meinen Videos zeige ich Techniken und Muster.

Dafür haben Sie aber ganz schön viel Wolle hier ...
Ich habe rund 300 Kilogramm Wolle zu Hause. Oft kaufe ich sie nur, weil sie mir so gut gefällt. Neulich habe ich zwei kleine Knäuel aus Seidenmischung gekauft. Damit kann man eigentlich nichts anfangen, außer sie anzusehen.

Seit wann frönen Sie dieser Leidenschaft?
Ich stricke schon seit der Schulzeit. Besonders intensiv ist es geworden, als ich meine Mutter im Jahr 2007 zur Chemotherapie begleitet habe. Beim Stricken konnte ich mich aus der Realität ausklinken.

Wann kam Ihnen die Idee, Strickvideos auf YouTube zu stellen?
Ich habe nie verstanden, was Menschen an YouTube so toll finden. Also habe ich selbst ein Video hochgeladen. Nachdem gerade Strickzeug herumgelegen ist, ist es eben ein Maschenanschlag geworden. Drei Wochen später hatten sich 40.000 Menschen das Video angesehen. Ich war total überrascht, aber das hat meinen Ehrgeiz geweckt.

Haben Sie manchmal keine Lust mehr zum Stricken?
Nie! Es kommt ja so viel zurück. Unlängst hat mir ein Student geschrieben, dass er vor Prüfungen immer meine Videos im Hintergrund laufen lässt, weil sie ihn so beruhigen. Ich bekomme sogar Post aus Südamerika, obwohl die gar nicht verstehen, was ich erkläre. Wenn ich Motivation brauche, muss ich nur die vielen Kommentare lesen.

 

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