"An Verschleierung sieht man das Voranschreiten des Islamismus"

Saïda Keller-Messahli ist Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam und hat eine klare Haltung zum Verbot von Verschleierung.

Saïda Keller-Messahli war letzte Woche in Österreich zu Gast, um beim Österreichischen Integrattionsfonds über die Integration geflüchteter Frauen zu diskutieren. Die Präsidentin des Schweizer Forums für einen fortschrittlichen Islam stellt dort klar fest, dass Verschleierung nichts mit dem Islam zu tun hat und auch nicht im Koran festgeschrieben ist, sondern dass es allein politisch-patriarchaler Wille ist. Die Mutter und Großmutter der in Tunesien geborenen Muslimin beispielsweise hätten sich nie verschleiert. Wir haben mit der Aktivistin über Verschleierung im historischen Kontext gesprochen, wie sie zu einem Verbot steht, und wie Integration gelingen kann.

Sie haben bei der Podiumsdiskussion des Österreichischen Integrationsfonds zum Thema Integration geflüchteter Frauen erzählt, dass ihre islamische Mutter und Großmutter sich nie verschleiert haben. Seit wann ist es in islamischen Ländern üblich, sich zu verschleiern?


Wenn die Islamisten heutzutage behaupten, der Schleier oder das Kopftuch seien ein religiöses Gebot für die muslimische Frau, dann betreiben sie Geschichtsfälschung.
Das Kopftuch für Frauen war nämlich bereits in der Antike, also lange vor der Entstehung des Islam, ein Thema. Darüber gibt es genügend Literatur. Die monotheistischen Religionen haben das Thema sehr früh aufgegriffen, weil sie darin ein Instrument der Herrschaft über die Frauen sahen.
Es ist wichtig zu erinnern, dass namhafte frühchristliche Schriftsteller wie Tertullian (150 – 220 n.Chr.) der Auffassung waren, dass die Frau per se für den Sündenfall verantwortlich sei und sie den Mann als Ebenbild Gottes zu Boden geworfen hätte. Deswegen sei für sie das Tragen von Trauerkleidern angemessen und habe sie jeglichen Prunk und Schmuck zu meiden.


Auch für den Apostel Paulus, der im 1. Jahrhundert auch in vielen arabischen Ländern des Mittelmeerraums missionierte, war die Frau geistig minderwertig und hatte ein Kopftuch zu tragen, besonders beim Betreten einer Kirche. Was er von der Frau hielt ist unmissverständlich (1. Kor 11,3): "Ich lasse euch aber wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist; der Mann aber ist das Haupt der Frau."


Als im Jahr 622 der Islam hinzukommt, erscheint das Thema Schleier / Kopftuch für Frauen nur am Rande um den sozialen Rang der muslimischen Frau als freie Frau – im Gegensatz zur Sklavin – zu markieren und die freie Frau so vor sexueller Belästigung zu schützen, in einer Zeit da kriegerische Auseinandersetzungen und Unsicherheit herrschten. In einer Gesellschaft, wo es später keine Sklaverei mehr gab und Frieden herrschte, verlor das Kopftuch seine Bedeutung.


Nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs, also ab den 20er Jahren, bis zu den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts sah man in den islamischen Ländern kaum eine Frau mit einem Kopftuch in der Öffentlichkeit, sogar saudischen Frauen war es erlaubt, im Ausland auf den Niqab zu verzichten.


Das Auseinanderbrechen des Osmanischen Reiches gilt den Islamisten als größte historische Kränkung. Sie organisierten sich im Verlauf der 70er Jahre neu als Muslimbruderschaft mit dem Ziel, die Gesellschaft nach dem Gesetz Gottes zu gestalten, weil sie überzeugt waren, dass der historische Verlust die Folge davon war, dass die Menschen nicht genügend islamisch lebten. So musste der Verschleierung der Frau ein neuer Sinn zugesprochen werden. Heutzutage ist jede Form der Verschleierung der Frau, ob Kopftuch, Nikab oder Burka, der Banner des politischen Islams. An diesem Banner wird das Voranschreiten des Islamismus im öffentlichen Raum sichtbar.


Die Islamisierung ist sowohl das politische Programm der Öl-Monarchien und der Muslimbrüder auf sunnitischer Seite. Die Muslimbrüder wurden von den Wahhabiten unterstützt, um den damals drohenden Laizismus in vielen arabischen Ländern zu bekämpfen. Auf schiitischer Seite haben die Ayatollahs im Iran, im Irak, im Libanon und auch in schiitischen Gemeinschaften in Europa die Islamisierung des Lebens autoritär durchgesetzt.

Viele ältere Frauen in den islamischen Ländern erinnern sich mit Wehmut an die Jahre als sie leicht bekleidet den öffentlichen Raum benutzen konnten ohne von Männern belästigt zu werden. Diese Zeit ist leider mehrheitlich vorbei, seit die Islamisten auch noch eine Sittenpolizei installiert haben, die darauf ist, die Bekleidung der Frau im öffentlichen Raum zu kontrollieren.

Paradoxerweise hat die sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum – Stichwort Tahrir-Platz in Kairo – trotz der rigiden Moral der Islamisten überall zugenommen. Eigentlich ist es eine logische Folge und viel weniger ein Widerspruch, dass die Verschleierung des Frauenkörpers im öffentlichen Raum das Thema Sexualität so virulent an die Oberfläche gespült hat, weil es bei der Verschleierung um die Verschleierung, Tabuisierung der Sexualität geht.
Letztlich geht es um die alte Frage, die Sigmund Freud 1930 so präzise in Das Unbehagen in der Kultur beschrieben hat: Der Gegensatz zwischen Kultur und Triebregung. Anders ausgedrückt: Wie betten wir unsere Sexualität in die Zivilisation ein oder wie kann die Frau zugleich Heilige und Hure sein.


Sind Sie also für ein Verschleierungsverbot im öffentlichen Raum?


Ja, durchaus. Ich bin gegen jede Form der Verschleierung der muslimischen Frau, weil es kein religiöses, sondern ein politisches Gebot der Islamisten ist. Das Kopftuch kann man nicht verbieten, aber Frauen in öffentlichen Positionen sollten keines tragen. Wenn sie den Staat repräsentieren, sollten sie neutral sein und ihre religiöse Zugehörigkeit keine Rolle spielen. Was die Burka und die Verschleierung des Gesichts betrifft, bin ich absolut für ein Verbot. Es gehört zu unserer Kultur, dass Frauen und Männer gleich gestellt sind und man Menschen und ihr Gesicht im öffentlichen Raum erkennt. Wer in der Schweiz oder in Österreich leben will, muss sich an diese Kultur anpassen. Im Kanton Tessin gilt bereits ein Verbot und es wurde von den wenigen saudischen Touristinnen positiv aufgenommen. Unser Parlament in der Schweiz hat einem nationalen Verbot soeben zugestimmt.


Wird durch ein Verbot die Freiheit von Frauen nicht eingeschränkt?


Nein. Millionen von muslimischen Menschen träumen davon, in Europa zu leben, weil es hier mehr Freiheit gibt. Es ist absurd, dass sie dann in Europa diese Freiheit, die sie wollten rückgängig machen wollen.


Und Frauen, die sich freiwillig verschleiern wollen?


Die müssen sich auch anpassen. Ich sage das so deutlich, weil die meisten Frauen, die sich komplett verschleiern, Salafistinnen sind und absichtlich provozieren möchten. Es gibt in der Schweiz und in Frankreich mehrere Gruppierungen, die Millimeter um Millimeter dafür kämpfen, ihre Kultur bei uns zu etablieren. Und hier müssen wir einfach klare Grenzen setzen, dass bei uns Frauen und Männer gleich viel wert sind und im öffentlichen Raum alle sichtbar sind.


Aber verbannt man damit nicht Frauen aus dem öffentlichen Raum?


Es ist die Verschleierung, die eine solche Verbannung der Frauen aus dem öffentlichen Raum durchsetzen möchte.


Aber was ist mit Frauen, die in einer sehr patriarchalen Familie leben? Bleiben sie dann zuhause und sind noch mehr von ihren Männern abhängig?


Die Frauen und ihre Männer sollten mehr gefordert werden: Man darf ihnen mehr Freiheit und Loyalität gegenüber der Gesellschaft, die ihnen oder ihren Eltern eine neue Chance gegeben hat, zumuten.


Macht man die Integration schwieriger, wenn Verschleierung tabuisiert wird?


Ja, es darf kein Tabu sein, die Verschleierung zu hinterfragen.

[Dieser Artikel erschien im Rahmen der neuen WIENERIN Kampagne: "Reizwäsche. Ist verhüllt das neue sexy?"]

 

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