Vergewaltigte Frauen müssen Entschädigung an Familien zahlen

Grace ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Nachdem sie vergewaltigt wurde, musste sie eine „Entschädigung“ an die Familie ihres Ehemannes zahlen – um ihre Ehre wiederherzustellen. In ihrem Dorf wird sie trotzdem ausgeschlossen.

Drei Frauen sitzen auf einer Bank im Wartezimmer einer Gesundheitsstation. Obwohl es Mittag ist, gibt es in der Klinik hier in der Provinz Kasai Oriental im Kongo keinen Strom und so ist es ziemlich dunkel im Inneren.

Die Frauen unterhalten sich, während die Kinder zu ihren Füßen auf dem staubigen Boden spielen. Als eine kleine Frau leise den Raum betritt, bemerken sie das nicht. Bekleidet mit einem grünen T-Shirt und einem blau-weißen Rock ist Grace* dankbar, dass die Frauen sie nicht wahrnehmen.

Der Tag, an dem Grace vergewaltigt wurde

Vor sechs Monaten wurde Grace vergewaltigt. Als Mutter von zwei Kindern war sie auf dem Weg zum Wochenmarkt, um dort Bananen zu verkaufen. Da es keine öffentlichen Verkehrsmittel dorthin gibt, muss sie die Strecke zum Markt immer zu Fuß bewältigen – der Weg ist so weit, dass sie unterwegs in einem Dorf übernachten muss. Grace ist diese Strecke einmal im Monat gegangen. Pro Tag verdiente sie 7,5 Dollar. Gerade ausreichend, um ihre Kinder durchzubringen.

An diesem Tag im April nah Grace eine Abkürzung – in der Hoffnung, damit Zeit zu sparen. Stattdessen begegnete sie fünf bewaffneten Männern. Sie begannen sie schlagen. Sie benutzten die Fäuste und Gewehrkolben. Sie vergewaltigten sie. Ließen sie am Weg liegen. “Ich blieb dort liegen”, sagt Grace. “Ich hatte zu wenig Leben in mir, um aufzustehen.”

Krankenpfleger Sylvain Tshibona

Irgendwann schaffte es Grace doch, nach Hause zu kommen. Als sie ihrem Ehemann erzählte, was vorgefallen war, brachte er sie zur Gesundheitsstation. Der Krankenpfleger Sylvain Tshibona, der hier arbeitet, wurde von der NGO Care ausgebildet, um Betroffenen psychosoziale Betreuung und rechtliche Beratung zu geben. „Die psychosoziale Hilfe ist extrem wichtig für die Frauen“, sagt Sylvain. „Wir müssen ihnen zuhören und versuchen, ihnen über das Trauma hinweg zu helfen.“ Sylvain hat schon viele Überlebende behandelt, Männer und Frauen.

„Schweigt nicht darüber“

In einem anderen Dorf sprechen Dieudonne Munsensa und drei seiner Kollegen zu einer kleinen Menschenmenge, die sich heute versammelt hat. Sie informieren die Bevölkerung darüber, welche Hilfe Überlebende von sexueller Gewalt in Anspruch nehmen können. Diese öffentlichen Informationsveranstaltungen werden von Radiomeldungen, die auf den lokalen Sendern laufen, unterstützt.

“Wenn Gewalt stattfindet, wenn jemand vergewaltigt wird, sagen wir der betroffenen Person: „Schweigt nicht darüber“, erklärt Dieudonne. „Wir sagen ihr, dass es wichtig ist, in die Klinik zu gehen, behandelt zu werden, Hilfe zu erhalten. Es gibt keine Alternative dazu.“

Frauen bringen nach Vergewaltigung "Schande" über ihre Familie

Grace ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Ihre Augen sind leer. Ihre Stimme ist so leise, man kann sie neben dem Regen kaum hören. Während des Konflikts floh die Familie. Ihr Zuhause wurde zerstört, alles Hab und Gut gestohlen. Im Kasai bringt eine Frau, die vergewaltigt wurde, Schande über ihre Familie. Sie lebt mit einem Stigma, in sozialer Isolation – oft für den Rest ihres Lebens. Sie muss „Entschädigungszahlungen“ an die Familie ihres Mannes leisten, nur das kann ihre Ehre wiederherstellen.

“Mein Ehemann ist nett zu mir. Ihm ist klar, dass ich mir das nicht ausgesucht habe, sondern gezwungen wurde. Er weiß, dass ich eine gute Ehefrau bin“, erzählt Grace. Sie hat den Eltern ihres Mannes Geld bezahlt. Doch das Stigma bleibt. “Die Nachbarn reden”, sagt sie. „Nicht mit mir, sondern über mich. Wenn ich das mitbekomme, macht mich das krank.“

„Ich kann nicht weiter zum Markt gehen. Ich bleibe zuhause. Mir geht es gut, aber ich vermeide es, rauszugehen. Außer, ich muss in die Gesundheitsstation hier im Dorf.“

“Meine Tochter weiß nicht, was mir zugestoßen ist. Und ich will auch nicht, dass sie es weiß“, sagt Grace. „Ich hoffe, dass ich das alles in zehn Jahren vergessen habe und dann mein Leben ohne diesen Schmerz weiterleben kann.“ Grace verlässt die Gesundheitsstation so leise, wie sie sie betreten hat. Ihre Bewegungen lösen nicht den leisesten Hauch aus. Es ist, als ob sie nie hier gewesen wäre. Die drei Frauen auf der Bank bemerken nicht, dass Grace fort ist.

*Der Name von Grace wurde geändert.

CARE ist eine der größten internationalen Hilfsorganisationen weltweit. Die Geschichte wurde von Sally Cooper aufgezeichnet. Sie arbeitet beim Rapid Response Team der Hilfsorganisation CARE.

 

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