Vergessenes Vietnam

Als die USA 270 Millionen Bomben über Laos abwarfen, war das Teil einer CIA-Kriegstaktik gegen Vietnam. Bis heute sterben Menschen wegen dieser irren Mission. Ein WIENERIN-Report bei den vergessenen Opfern.

Provinz Xieng Khouang, Laos. „Ich will nie wieder heiraten“, sagt die 31-jährige Mai Khang entschlossen, während auf ihrem ebenmäßigen Gesicht kleine Sonnenpunkte tanzen. „Ich muss für meine Kinder sorgen, auch wenn es mit meinem Reisfeld als ­einziges Einkommen schwer wird“, gesteht sie offen.

Trotz ihres jungen Alters ziehen sich schon viele Falten über ihre zarten Gesichtszüge. Ihr trauriger, matter Blick spiegelt die schweren Zeiten, die sie durchlebt hat. Bis vor drei Jahren war diese schüchterne Frau eine ganz gewöhnliche Mutter von vier Kindern im ländlichen Dorf Khang Khae. Heute ist sie Witwe. Ihr Mann ist eines der 20.000 Todesopfer, die jene Blindgänger bisher forderten, die nach den US-amerikanischen Bombardements im Vietnamkrieg auf laotischem Boden zurückblieben. Diese verarmte südost-
asiatische Nation mit sechs Millionen Menschen wurde im Vietnamkrieg in eines der meistbombardierten Länder der Welt verwandelt. Und seine Bewohner leiden bis heute daran, manche sterben auch einfach. Wie Nengyong Yang.

500 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen explodierender Blindgänger aus dem Vietnamkrieg.

Es war an einem sonnigen Apriltag 2012, als Khangs 31-jähriger Ehemann Nengyong Yang zum Familienreisfeld ging, um einen großen Baum, der Schatten auf die Feldfrüchte warf, zu fällen. „Ich sagte ihm, er solle auf einen Traktor warten, doch er beschloss ihn dennoch gleich zu fällen“, erzählt sie mit tränenerstickter Stimme. Einige Minuten nachdem Yang begonnen hatte, den Stamm zu zer­sägen, wurde er von einer gewaltigen Explosion erfasst. Der Mann wurde im Gesicht von einer im Baum versteckten Bombe getroffen. Er wurde Opfer eines der 80 Millionen so genannter explosiven Blindgänger.

500 Tote pro Jahr

Während des Vietnamkrieges zwischen 1964 und 1975 wurden mehr als 270 Millionen Bomben über Laos abgeworfen. Diese waren Teil des von der CIA durch­geführten Top-Secret-Einsatzes mit dem Ziel, nordvietnamesische Versorgungswege zu zerstören und alle lokalen kommunistischen Verbün­deten zu eliminieren. Da ein Drittel der Bomben nicht gleich explodierte, sterben seit dem Ende des Krieges im Durchschnitt 500 Menschen pro Jahr. Darunter sind vor allem Kinder und Bauern, wie Yang, der keine andere Wahl hatte, als auf den gefährlichen Feldern zu arbeiten, um seine Familie zu erhalten. Viele der Opfer sterben oder erleiden schwere Verletzungen beim Pflügen oder Graben, da Bomben­ von den landwirtschaftlichen Werkzeugen aktiviert werden können.

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Nach dem Unfall verbrachte Yang einen Monat im Spital in Phonsavan. Als man ihn entließ, war er blind und ein völlig veränderter Mensch. „Er wurde depressiv, weil er nicht mehr arbeiten und für seine Familie sorgen konnte“, erklärt Khang und ihr trauriges Lächeln verrät bereits den Rest der Geschichte. „Ich sagte immer wieder zu Yang, er solle sich auf die ­Zukunft konzentrieren, weil wir ihn immer noch liebten und brauchten.“ Doch er hörte sie nicht. Unfähig, den tragischen Schicksalsschlag und seine verminderte Rolle in der Familie zu akzeptieren, erhängte sich Yang eines frühen Morgens etwa vier Wochen nach seiner Entlassung aus dem Spital auf einem Mangobaum gleich hinter dem Haus.

Lauernde Gefahr

Die Spuren dieses „Geheimen Krieges“ sind hier überall spürbar. Die idyllische Hügellandschaft mit den üppigen Tropenwäldern ist von tausenden Explosions­kratern zerfurcht. Etwa 87.000 Qua­dratkilometer groß ist die kontaminierte Fläche, mehr als ein Drittel der laotischen Landesfläche. Trotz der zigtausenden Dollar, die bereits ausgegeben wurden, wurde bisher nur ein Prozent der Bombenfelder professionell gesprengt. Die Blindgänger in Laos sind daher wohl die gravierendste und gleichzeitig am schlechtesten dokumentierte humanitäre Katastrophe unserer Zeit.

In der am stärksten betroffenen Provinz Xieng Khouang werden regelmäßig Blindgänger in Wäldern, Schulgebäuden, Reisfeldern und auf Straßen gefunden. „Ich bin seit 25 Jahren in diesem Business und habe in dutzenden Ländern gearbeitet, in denen es noch Blindgänger gibt. Wenn ich in die laotischen Felder gehe, sträuben sich mir angesichts des hohen Grades an Bombenverseuchung die Haare. So etwas findet man sonst nirgends“, erklärt Tim Larner. Der technische Leiter arbeitet bei der Firma UNDP, die für die Freilegung und kontrollierte Sprengung von Blindgängern zuständig ist. Und Kingphet Phimmavong, der regionale Koordinator der Firma, sagt, dass 85 Prozent der in Laos gefundenen Blindgänger auf das Konto der USA gehen.

Diese Blindgänger gefährden aber nicht nur das Leben von Millionen Menschen, sondern auch die langfristige Entwicklung des Landes, denn die Angst hält nicht nur davon ab, auf die Felder zu gehen, sie lähmt auch dringend notwendige Infrastrukturarbeiten: Die Errichtung von Krankenhäusern, Schulen und Fabriken wird hier nur sehr zaghaft in Angriff genommen. Und die Aussichten auf eine wirkliche Verbesserung der Lebensumstände sind düster: Entschärft man in Laos weiterhin in der jetzigen Geschwindigkeit, würde es mehr als zwei Jahrtausende (!) dauern, bis alle Bomben gesprengt sind.

40 Prozent der Opfer sind übrigens Kinder, denn sie halten Streubomben oft für Spielzeug. Die Bomben waren so konstruiert, dass ihr Gehäuse im Flug explodierte und einige hundert kleine, runde Sprengkörper über einige Hektar verstreut wurden.

Der verlorene Sohn

„Ich wusste, dass es wegen der Amerikaner viele Bomben auf unserem Boden gab, doch ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es uns trifft.“ Ihr Blick ist starr, ihr Lächeln wirkt bitter, ihre Hände spielen unruhig mit dem Saum ihrer hellbraunen Lederjacke. Ai Wu ist 35 und es fällt ihr schwer, sich an jenen Tag zu erinnern, an dem sie ihren fünf Jahre alten Sohn E Nee verlor. Um 13 Uhr an einem heißen Tag im Jahr 2006 saß Ai Wu zu Hause, während ihr kleiner E Nee mit zwei Nachbarskindern ein paar Meter entfernt von ihr spielte. Plötzlich hörte sie die Explosion. Als sie hinlief, sah sie ein Bild, das sie nie wieder loswird: Drei reglose Körper lagen vor ihr, ­zerrissen von einer Streubombe. Alle waren tot.

„Ich denke jeden Tag an ihn“, sagt Ai Wu, versucht ihre glasigen Augen abzuwenden und würdevoll zu trauern. Ernst, aber mit fester Stimme sagt sie: „Wenn er noch am Leben wäre, wäre er jetzt so groß wie seine ältere Schwester.“

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Obwohl Risikoeinschätzungen der laotischen Regierung die Todeszahlen deutlich gesenkt haben, sprechen die Fakten oft nur die halbe Wahrheit, weil entlegene Gegenden gar nicht ­erfasst werden. „Das Problem wird noch lange bleiben. Patienten, die von Blindgängern verletzt werden, tragen die Konsequenzen eben ihr ganzes Leben lang“, erläutert Bouanvanh Outhachack, eine mutige 55-jährige Frau, die für die Chirurgieabteilung im Xieng-Khouang-Provinzspital in Phonsavan zuständig ist. Die Frau mit dem melancholischen Lächeln hat in 31 Jahren mehr als 500 Bombenopfer behandelt. Outhachacks Engagement begann, als sie durch Blindgänger sowohl ihre Großeltern als auch ihre Mutter verlor. „Nach diesen Unfällen beschloss ich, Ärztin zu werden“, erinnert sie sich.

Millionen als Sorry

Obwohl die USA der Hauptspender für die Sprengung von Blindgängern in Laos sind, sind die 82 Millionen US-Dollar nur eine kleine Summe angesichts der 18 Millionen Dollar, die Washington damals täglich ausgab, um Laos zu bombardieren. Daher verwundert es auch nicht, dass es dem amerika­nischen Botschafter Daniel A. Clune sichtlich unangenehm ist, in seiner Villa in Vientiane über dieses Thema zu sprechen. „Wir können nichts tun, um die Vergangenheit zu ändern, wir können die Geschichte nicht rückgängig machen“, sagt er. „Was wir aber tun können, ist, die derzeitige ­Situation in Angriff zu nehmen.“

Bei ihrem historischen Laos-Besuch im Jahr 2012 sprach die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton über den Krieg als „tragische Hinterlassenschaft der Vergangenheit“. Die Vereinigten Staaten erkannten ihre Rolle in dem Konflikt indirekt an, als sie 1997 ein Laos-Denkmal für ­Veteranen des „Geheimen Krieges“ am Nationalfriedhof von Arlington einweihten.

Der Bombenort

Zurück im Dorf Na Kam Peng: Ai Wu ist ständig besorgt um ihre Kinder, die heute zwischen 13 und 17 sind. Hier sind die Kriegsüberreste so zahlreich, dass das Dorf nur „der Bombenort“ genannt wird. Na Kam Peng wurde noch nicht von Bomben befreit und Dorfbewohner finden immer noch Blindgänger. Der letzte wurde erst vor ein paar Tagen von Kindern gefunden.

Dennoch geht Ai Wu täglich aufs Feld: „Ich fürchte immer um mein Leben, aber ich muss es tun, denn sonst haben wir nichts zu essen.“ Dann steigt sie auf ihr Motorrad und fährt in Richtung der Felder. Die reale Not siegt in Laos über die latente Gefahr. Und das jeden Tag.

 

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