Vereinbarkeitslüge: Familie und Beruf - das geht alles nicht!

Wie man Kinder, Partnerschaft und Beruf vereinbaren kann? „Gar nicht“, sagen die Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing. Die WIENERIN traf die beiden in Berlin. Ein Gespräch über die Vereinbarkeitslüge und eine Chance auf Neues.

Berlin Mitte, S-Bahn-Station Tiergarten. Das Café am Neuen See lockt an diesem Samstagnachmittag dutzende Familien in die Grünoase der pulsierenden deutschen Hauptstadt. Die Sandkiste neben dem Gastgarten dient als Schauplatz erster Revierkämpfe, die dazugehörigen Eltern üben sich mit Unterstützung von Aperol-Spritz und Rhabarber-Himbeersaft in Gelassenheit. Zwei Männer sitzen mitten im Gewusel: Die Zeit-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing geben sich casual und wirken entspannt. Dabei liest sich ihr Buch wie ein Ausbruch. In Geht alles gar nicht (Rowohlt) zeigen sie, dass sich Beruf, Kinder und Liebe einfach nicht vereinbaren lassen. Doch ihre Bilanz soll keine Kapitulation, sondern Anstoß zur Veränderung sein, sagen sie. Wie die neuen Männer und Väter so denken und warum unsere Generation so viel Neues erfinden muss, erzählten sie WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas.

„Manchmal möchte man einfach nur schreien“, steht da in Ihrem Buch Geht alles gar nicht. Als Väter, als Männer, als Ehemänner, was lässt Sie denn schreien? Und: Wen schreien Sie an?
Marc Brost: Wir alle kennen doch das Gefühl: dass der Tag immer zu wenig Stunden hat, dass die Arbeit nie endet. Und wenn man abends nach Hause kommt, dann brummt im Kopf noch der Tag nach. Man möchte eigentlich Zeit haben für die Partnerschaft, für die Familie. Nur reicht es nie. Wir haben mit Zeitforschern gesprochen, die belegen, dass sich in unserer Generation wirklich etwas verändert hat. Wir essen schneller, schlafen weniger, bewegen uns schneller durch die Städte und lieben weniger als jede Generation vor uns. Wir erleben eine beispiellose Verdichtung von Arbeit und Zeit, die für uns gar nicht mehr zu bewältigen ist.
Heinrich Wefing: Und wir schreien jene an, die sagen: „Geht doch alles, strengt euch doch einfach ein bisschen an!“ Wir schreien die Arbeitgeber an, die wollen, dass wir noch flexibler werden. Und wir schreien die Politiker an, die sagen: „Wir tun doch eh schon so viel für euch.“


Wann haben Sie denn selbst bemerkt, dass es die viel

zitierte Vereinbarkeit einfach nicht gibt?
Brost: Ein Beispiel: Ich wollte meinen Sohn zur Schule bringen, er ging damals in die erste Klasse. Aber er sagte in seiner gnadenlosen Ehrlichkeit: „Papa, ich will nicht, dass du mich in die Schule bringst, du hast ja sonst auch nie Zeit für mich.“ Das war so ein Moment. Aber es geht hier nicht um Marc Brost oder Heinrich Wefing, wir haben kein Buch über uns geschrieben, sondern über ganz normale Leute in ganz normalen Berufen: Sparkassenangestellte, Controller, Supermarktverkäufer. Wie es in deren Alltag so aussieht, und wie es in vielen Familien so zugeht – darüber haben wir geschrieben. Soziologen nennen uns „die überforderte Generation“. Und wir als Väter wollen das einfach auch einmal klar sagen.

Wir essen schneller, bewegen uns schneller, schlafen weniger und lieben weniger als jede Generation vor uns.
von Marc Brost

Man könnte sagen: Gratulation, jetzt sind die Männer auch mal draufgekommen, dass das Leben mit Kindern und Beruf kein Spaziergang ist. Willkommen in der Wirklichkeit! Warum sollten Ihnen Frauen zuhören?
Brost: Männer halten oft die Klappe. Wir reden, wir wollen das Schweigen aufbrechen. Schon allein deshalb wäre es wichtig. Und: Weil wir Frauen vielleicht einen Blick in die Köpfe ihrer Partner ermöglichen können.


Haben Sie festgestellt, dass viele Männer so denken wie Sie?

Wefing: Absolut, das war eine der interessantesten Erfahrungen der Recherchen. Viele Männer haben plötzlich über intime Dinge gesprochen, die ihnen schon lange auf der Seele lagen. Irgendwann in den Gesprächen brach es bei allen heraus. Und es hatte für alle eine befreiende Wirkung, überhaupt mal darüber reden zu können – es war rührend und bedrückend zugleich.

Sie haben mit zehn Männern Interviews geführt. Man liest von Burnout, Zusammenbruch oder Frustra­tion. Sind wir denn echt so am Ende?
Wefing: Wir sind nicht am Ende, aber so ist die Situation. Es gibt kein Modell, das funktioniert. Wir wollen sicher nicht zurück in die 1950er-Jahre, aber wir glauben, dass die Arbeitswelt anders organisiert werden muss.


Die neuen Väter stresst auch die Tatsache, dass sie wissen, was sie versäumen. Wie erleben Sie dieses Vaterglück?
Brost: Vater zu sein ist das Schönste, was uns je widerfahren ist. Wenn mein Sohn kommt, mich in den Arm nimmt und sagt: „Papa, ich hab dich lieb.“ Oder wenn ich mit ihm samstags Fußball schaue und wir gemeinsam leiden, weil unser Verein verliert. Natürlich ist es auch schön, ihn zu trösten, wenn es mal nicht gut ist. Mit ihm Hand in Hand zu gehen, zu merken, dass es da ­Vertrauen und Liebe und Zuneigung gibt – es ist unbeschreiblich schön.
Wefing: Ein deutscher Spitzenpolitiker hat uns erzählt: „Ich kriege am Tag mindestens 100 SMS, aber die eine, die mich am meisten bewegt, ist: ,Papa, wann kommst du endlich nach Hause?‘“

Ein deutscher Spitzenpolitiker sagte zu uns: Ich kriege 100 SMS am Tag – und eine, die mich bewegt: ,Papa, wann kommst du?
von Heinrich Wefing

Neue Männer, neue Sensibilität. Doch es gibt keine Vorbilder dazu, denn die Generation davor hat alles anders gemacht. Wie wichtig wären denn Vorbilder?
Wefing: Es wäre schon schön, wenn es Vorbilder gäbe, aber wir wissen, dass wir das alleine machen müssen. Wir sehen überall Leute, die auf ihre eigene Weise kämpfen, um sich ein eigenes Leben zu bauen, und vielleicht ist das ja dann das Vorbild: dass es jeder selbst versuchen muss.


Sehen Sie sich als Pioniere?
Wefing: Sagen wir mal, wir sind wie Pfadfinder, die noch nicht genau wissen, wie der Weg aussehen wird – die aber das Ziel kennen. Wir sind die erste Generation, die Gleichberechtigung wirklich leben will.

Reden wir kurz über den „Gebärstreik“, wie Sie es bezeichnet haben. Von Frauen, die sich – bewusst oder unbewusst – gegen Kinder entscheiden. Eine Frage dazu: Wenn extrem viel in Kinderbetreuung investiert würde, wären die Kinder am Ende doch einfach nur betreut, die Frauen hätten auch nichts von ihnen, oder?
Wefing: Nur die Kinder wegzuorganisieren ist für uns sicher nicht die Lösung. Wir müssen Familienpolitik viel größer denken. Wenn wir uns einig sind, dass die Rushhour des Lebens – die Zeit zwischen Ende 20 und Anfang 40, in der sich so viel ballt wie in keiner Generation zuvor – entzerrt werden sollte, dann muss die Arbeitszeit über das Leben hinweg ganz anders organisiert werden. Wir wissen heute, dass wir alle im Alter sehr viel länger werden arbeiten müssen. Und wir können das auch, sind im Alter viel aktiver und fitter als früher. Wa­rum ist es dann nicht möglich, zwischen 30 und 40 kürzer zu treten und das weniger Gearbeitete später wieder aufzuholen? Man müsste einfach etwas von dem Geld, das man in die Rentenkasse eingezahlt hat, rausnehmen können, um mal drei Jahre für das Kind da zu sein oder die Eltern zu pflegen. Und die Zeit hängt man dann hintendran.

Marc Brost Heinrich Wefing Barbara Haas Interview Wienerin

WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas im Gespräch mit den Autoren Marc Brost (links) und Heinrich Wefing.

Na ja, aber mein Geld aus dem Pensionskonto gibt es eigentlich so nicht. Es wird parallel ja an die Pensionisten ausbezahlt ... Zumindest ist das in Österreich so.
Brost: Das ist auch in Deutschland so, aber es gibt durchaus Modelle, wie man das Rentensystem entsprechend umbauen könnte. Der frühere niederländische Ministerpräsident Wim Kok hat so ein Modell entwickelt, das wir im Buch auch beschreiben. Man sieht daran, dass Familienpolitik nicht nur die Familienministerin betrifft. Es geht auch den Wirtschaftsminister an, den Finanzminister, das ganze Kabinett. Es ist ein Lebensthema.

Eine Frage zu den „Vereinbarkeitslügnern“, zu denen Sie auch Frauen zählen. Warum glauben Sie, dass Frauen so viel Druck bekommen – auch voneinander?
Brost: Unser Eindruck ist, dass Frauen sehr kämpfen mussten für Karriere und Gleichberechtigung. Um Dinge erreichen zu können, die für uns Männer immer selbstverständlich waren. Und aus diesem Gestus heraus ist es für viele Frauen unmöglich geworden zu sagen: „Ich schaffe es nicht!“ Und dadurch ist auf jene Frauen, die sagten: „Geht alles gar nicht!“, Druck ausgeübt worden, weil es fälschlicherweise als Verrat an der Gleichberechtigung gesehen wurde.
Wefing: In diesem historischen Prozess ging es auch darum, dass sich Frauen Bereiche erkämpften, die hoch wertgeschätzt werden. Und das war und ist bezahlte Arbeit im Gegensatz zu unbezahlter Arbeit, die als klassisch weibliche galt. Um das durchzusetzen, musste man radikaler werden. Das ist heute vielleicht nicht mehr so.

Bedeutet das, dass neue Männer und Väter wie Sie ­Unterstützer eines neuen Feminismus werden müssen?
Wefing: Vielleicht ist es wirklich ein historischer Prozess, wenn man jetzt mal klarer sieht: Indem man ein Problem löst, entstehen neue und andere Probleme. Katrin Göring-Eckardt (Grünen-Fraktionschefin in Deutschland) hat gesagt: „Wir haben lange für das Ideal der vollzeitarbeitenden Frau gekämpft. Das war lange richtig, aber inzwischen sehen wir, dass das einen Preis hat. Und dieser Preis heißt oft Einsamkeit.“ Natürlich kann man das nicht ignorieren, sondern muss sich auch diesem Problem stellen. Das heißt aber nicht, dass der ganze Kampf davor falsch war. Nur, dass er jetzt vielleicht noch komplexer wird.

Was haben wir denn nun von all den Erkenntnissen der Nicht-Vereinbarkeit? Was wäre denn Ihr dringlichster Wunsch?
Brost: Die erste Botschaft an Väter wäre: Du bist nicht allein, es geht ganz vielen so. Wir wünschen uns, dass mehr Väter sich trauen, zu sagen: „Ich möchte anders arbeiten.“ Dass mehr Unternehmen sich Gedanken um ihre Verantwortung machen, denn die endet nicht am Betriebs­tor. Und wir wünschen uns, dass die Politik wirkliche Lebenspolitik macht.
Wefing: Wenn auch die Chefs erst anfangen, sich selbst als gestresste Väter zu begreifen, dann könnte sich endlich etwas ändern. Nur so kommen wir voran.

Buchcover Geht alles gar nicht


Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.
Marc Brost, Heinrich Wefing, erschienen bei Rowohlt, € 17,50.

 

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