Vereinbarkeits-Schmäh: Der französische Mythos

Wenn wir es wie die Französinnen machen, funktioniert Kind & Karriere perfekt? Anne Plantagenet sagt im Gespräch mit WIENERIN-Autorin Doris Barbier ganz klar: „Non!“

Frankreich ist das Land mit der höchsten Geburtenrate in Europa, jährlich kommen hier mehr als 800.000 Babys zur Welt, der Kinder-Durchschnitt liegt bei 2,8. Die Karenzzeit dauert insgesamt 16 Wochen – 6 Wochen vor der Geburt, 10 Wochen danach. Die Französin kehrt knapp zwei Monate nach der Geburt des Kindes, „ohne mit der Wimper zu zucken“, wieder an ihren Arbeitsplatz zurück, nur wenige nehmen sich eine längere Auszeit. Das ist einerseits Kulturgut, andererseits ist eine längere Karenz auch finanziell bei den meisten einfach nicht drin und wird von den Firmen schlecht angesehen. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit kann sich heute in Frankreich kaum mehr jemand leisten, seinen Job aufs Spiel zu setzen. Die ­Familienpolitik und wundervolle Kinderbetreuung ist aber ein Märchen, wenn man ­einen Blick auf die Wartelisten bei den öffentlichen Krippen wirft. Nur wenige haben das Glück, einen der sehr begehrten Krippenplätze zu ergattern, jede zweite Familie muss auf eine private und demnach viel kostspieligere Betreuung mit privaten „Nounous“ zurückgreifen. Kindergeld gibt es in Frankreich erst ab dem zweiten Kind.

Kratzt am (Nagel)Lack.

Die WIENERIN ist zu Gast bei Autorin Anne Plantagenet, die in Frankreich gerade mit ihrem Roman La vraie Parisienne (Die ­echte Pariserin, Verlag J’ai Lu) Aufsehen erregt. Die Schriftstellerin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Stadtviertel Pigalle. Anne Plantagenet sieht aus, wie man sich die perfekte Pariserin vorstellt: klein, zierlich, dunkles Haar, barfuß – mit perfekt lackierten roten Nägeln. High Heels trägt sie nur bei Fototerminen.

Im Buch räumt sie mit Vorurteilen und dem Hochglanzimage der perfekten Pariserin auf und kratzt mutig am (Nagel-)Lack. „Es ist höchste Zeit, mit dieser Lüge rund um die perfekte Frau aufzuräumen, die alles im Griff hat und mit Kindern, Job und Liebesleben jongliert, ohne dabei nur ein kleines Bällchen zu verlieren.“
Die perfekte, stets schicke Französin, die am Champagnerglas nippt, die Hausaufgaben korrigiert und abends lächelnd ihre Kinderschar ins Bett bringt, bevor sie dann perfekt gestylt ein Menü für ihren Mann auf den Tisch zaubert – ein Mythos? „Die Realität sieht ganz anders aus. Ich bin mir nicht sicher, ob wir Französinnen in puncto Kinderbetreuung wirklich ein Vorbild sind.
Dieser Performance-Kult und dieses Bild von der Superwoman ist doch total falsch und verzerrt, und nicht nur wegen Photoshop“, so die Autorin, die selbst zwei Söhne im Alter von 8 und 14 Jahren hat. „Wir Französinnen sind von diesem Image heute komplett überfordert und haben auch unser Selbstbewusstsein verloren. Weil wir diesem Idealbild, das uns die Medien vorgaukeln, einfach nicht entsprechen können. Auch in meinem Umfeld, und ich zähle mich zu den Privilegierten, kümmern sich großteils die Frauen um Haushalt, Kinder und Schulkram. Auch wenn die Boboväter hier in meinem Viertel am Wochenende mit dem Buggy ihre Kinder stolz durch die Straßen schieben. Wahrscheinlich ist auch deshalb bei uns der Konsum von Antidepressiva so hoch.“

Perfektion und Einsamkeit.

„Eine Ministerin, die sich ein paar Tage nach der Geburt perfekt gestylt vor ihrem Büro lächelnd der Kamera präsentiert, finde ich nicht beispielgebend. So was weckt höchstens Schuldgefühle. Dieser Perfektionskult ist schließlich schuld daran, dass heute so viele Frauen total vereinsamt und todunglücklich sind.“ Sie selbst hat auch keinen Krippenplatz für ihre Kinder erhalten. „Ich war mit ihnen zu Hause, bis sie dann mit drei in den Kindergarten kamen. Aber wahrscheinlich bin ich keine typische Pariserin, denn ich verbringe sehr viel Zeit mit meinen Kindern. Und zwar freiwillig.“

 

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