Vereinbarkeit: "I'm a professional, but I'm a mom too"

Eine Frau wird Mutter und plötzlich als weniger professionell im Job wahrgenommen – warum ist das so? Ein Report über Mütter in der modernen Arbeitswelt und darüber, warum Frauen ihr Muttersein im Job nicht mehr verstecken sollten.

"I'm a professional, but I'm a mom too"

Ein großer Saal, die Zuschauerreihen sind gut gefüllt, das Licht wird langsam abgedunkelt. Eine Frau mit Mikro­fon an der Wange und einer Fernsteuerung in der Hand betritt die Bühne – mit Baby in der Bauchtrage. Ein eher ungewohntes Bild, sogar am renommierten Forward Festival, dem Treffpunkt der spannendsten Persönlichkeiten aus der Kreativindustrie. Es ist Kaitlyn Chang, Brand Innovation Lead in Wien bei der weltweit größten Digitalagentur Accenture Interactive, die einen Talk über New Work, Gender Stereotypes, ihre Erfahrungen als Mutter im Job und darüber, warum Frauen von vielen als weniger professionell wahrgenommen werden, sobald sie Mütter sind, hält.

Der Vortrag kommt gut an – was darauf folgt, umso mehr: Ihren Talk postete Chang wenig später – Anfang November 2021 – auf Social Media, versehen mit dem Hashtag #MomToo. Innerhalb kürzester Zeit ging das Posting viral, über 5,7 Millionen Menschen sahen es und unzählige berichteten in den Kommentaren von ihren persönlichen Erfahrungen. "Ich habe damit offenbar einen Nerv unserer Zeit getroffen und vielen Working Moms aus der Seele gesprochen", so Chang. "Dem Problem einen Namen geben – das war mir wichtig." Und das Problem ist ein großes: Vereinbarkeit, Gleichstellung, Gender-Pay-Gap, Kinderbetreuung und alte Rollenbilder sind nur ein paar Schlagworte, die bei diesem Thema automatisch aufpoppen.

Es wird erwartet, dass Frauen Vollzeitmamas sind, gleichzeitig toughe Geschäftsfrauen, außerdem noch die sexy Partnerin – das zu erfüllen geht sich schlichtweg nicht aus. Das frustriert ungemein.

von Aga Trnka-Kwiecinski, Universitätslektorin an der Universität Wien mit Schwerpunkt Gender und Diversität

Bild der "guten Mutter"

"Viele Frauen spüren, wenn sie Mutter werden, dass sie gesellschaftlich an eine Grenze stoßen – auch die emanzipiertesten Karriere­frauen werden mit den klassischen Rollenbildern konfrontiert, ob sie wollen oder nicht", erklärt Zukunftsforscherin, Autorin und Gründerin Anne-Luise Kitzerow. Das Bild der "guten Mutter" ist noch so stark in der Gesellschaft verankert – auch für die Mutter selbst ist es oft schwierig, sich davon komplett zu distanzieren.

Doch wie sieht dieses Bild aus? Fürsorglich soll sie sein, freiwillig der Kinder willen zurückstecken, empathisch, aufopfernd, umsorgend. Wo bleibt da noch Platz für Karriere? "Die Wurzel allen Übels liegt tatsächlich in der Vorstellung, wie Mütter – aber auch Väter – zu sein haben. Da wird den Frauen dann schnell die Professionalität abgesprochen, denn sie hätten ja nun nicht mehr den Kopf frei für den Job, seien nun unflexibel, und außerdem gehört das Kind in der ersten Zeit zur Mutter. Und die Väter sollen das Geld heimbringen", so Kitzerow. Natürlich hat sich dieses veraltete Bild auch weiterentwickelt, denn Frauen sollen sehr wohl wieder einsteigen und auch Väter sich um ihre Kinder kümmern.

Der Druck ist jedoch gestiegen, denn die Rollenerwartungen an Frauen klaffen nun noch stärker auseinander als bei Männern: "Es wird erwartet, dass sie Vollzeitmamas sind, gleichzeitig toughe Geschäftsfrauen, außerdem noch die sexy Partnerin – das zu erfüllen geht sich schlichtweg nicht aus. Das frustriert Frauen ungemein", betont Aga Trnka-Kwiecinski, Universitätslektorin an der Universität Wien mit Schwerpunkt Gender und Diversität. "Doch es fehlt Energie und auch Zeit, daran aktiv etwas zu ändern. Es bräuchte dringend eine gesamtgesellschaftliche Umkehr. Denn: Mutterschaft ist für viele junge Frauen nicht mehr erstrebenswert."

Was muss sich ändern?

Rollenbilder nachhaltig zu verändern dauert seine Zeit – doch bis dahin gibt es viele Hebel, an denen man ansetzen könnte, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu vereinfachen: Bessere Möglichkeiten der Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitsbedingungen werden schon lange gefordert; außerdem höhere Mindestanteile an der Karenz für Väter.

Die nordischen Länder sind hier klare Vorreiter in Europa: Dort gibt es bereits teilweise eine Vier-Tage-Woche, was Familien enorm entlastet, und Männer gehen dort automatisch in Karenz. "Familien werden in den Unternehmen immer mitgedacht. Die Folge sind eine richtig hohe Frauenerwerbsquote bei gleichzeitig niedriger Teilzeitquote", so Katharina Mader, Ökonomin in der Frauenabteilung der Arbeiterkammer Wien.

Generell sollten Fami­lien und Kinder im gesellschaftlichen Prozess sichtbarer werden, denn von den meisten Müttern wird heute erwartet: Arbeite, als hättest du keine Kinder, und habe Kinder, als würdest du nicht arbeiten. Die Pandemie hat zumindest in diesem Bereich Positives hervorgebracht, denn diese Grenzen mussten aufgeweicht werden. Da saßen plötzlich Kinder mit im Zoom-Meeting, und Homeoffice ist nun mittlerweile ganz normal.

"Mensch sein, Emotionen auch bei der Arbeit zeigen dürfen" – das forderte Kaitlyn Chang bei ihrem Vortrag am Forward Festival. Das würde viel Druck rausnehmen und eine neue Selbstverständlichkeit zulassen. Vor allem Mütter brauchen solche neuen Role Models, ein Aufzeigen von Möglich­keiten, damit sie sehen:
Es gibt ein Sowohl-als-auch, nicht nur ein Ent­weder-oder.

 

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