Verein "Stadtschrift": Buchstabensammlerin und Schriftenretter

„Was im öffentlichen Raum war, soll auch in Zukunft der Öffentlichkeit erhalten bleiben“: Deshalb retten Birgit Ecker und Roland Hörmann historische Fassadenbeschriftungen, bevor sie auf dem Sperrmüll landen. Die Prachtstücke kann man jetzt in einer "Mauerbeschau" bestaunen.

Verein Stadtschrift Wien Mauerschau

Der Verein Stadtschrift holt historische Fassadenbeschriftungen ins Wiener Stadtbild zurück. „Was im öffentlichen Raum war, soll auch in Zukunft der Öffentlichkeit erhalten bleiben“, erklären Birgit Ecker und Roland Hörmann die Idee hinter ihrer „Mauerschau“. Die erste Wiederbelebung erlebten „Fußpflege“ und Co. 2014 in der Kleinen Sperlgasse – die Baulücke wird nun nach vier Jahren geschlossen und die Schriftzüge sind wieder abmontiert. Ein neues Platzerl haben die InitiatorInnen schon gefunden: Am Ludwig-Hirsch-Platz (1020) sollen die Schriften im Frühjahr 2019 ein langfristiges Zuhause finden. Die WIENERIN traf die beiden zum Gespräch.

WIENERIN: Wie kam es zur Gründung des Vereines Stadtschrift?

Roland Hörmann: Dass aus meiner Leidenschaft für alte Schriften und Fassaden ein Verein wurde, habe ich Birgit zu verdanken. Sie war sozusagen der Katalysator, der die Idee auf eine andere, professionelle Ebene gebracht hat. Als Grafiker hatte ich naturgemäß immer schon großes Interesse an Typografie. Eines Tages habe ich zufällig in einem Baucontainer einen alten Schriftzug gefunden. Ich musste dem Impuls, die „Fußpflege“ mitzunehmen, einfach nachgeben.

Mit der „Fußpflege“ hat das Sammeln also begonnen. Wie ging es weiter?

Birgit Ecker: Als ich Roland kennengelernt habe, war er schon voll im Schriftenfieber und er hat mich mit seiner Leidenschaft angesteckt. Wir sind oft durch die Stadt gestreunt und haben unseren Lieblingsschriften Besuche abgestattet. Für mich war klar, dass wir etwas gegen die Vereinheitlichung des Stadtbildes unternehmen können, wenn wir die hochwertigen alten Zeichen und Schilder im öffentlichen Raum erhalten. Es ist zwar schön, einen Schriftzug im Wohnzimmer zu haben, aber viel besser ist es doch, wenn alle was davon haben.

Wie groß ist eure Sammlung und wie seid ihr eigentlich an die Objekte gekommen?

Roland Hörmann: Wir haben derzeit etwa 100 Objekte. Einige stellen wir in unserem Schauraum (Anm. Liniengasse 2a/191, 1060) aus, zehn Frauennamen bilden die Mauerschau 1060, die wir im Herbst 2018 eröffnet haben. Wer mit offenen Augen durch Wien spaziert oder radelt, kann eine Menge entdecken. Wenn uns etwas aufgefallen ist, wenn wir Leerstände entdeckt haben, haben wir versucht mit der Hausverwaltung oder den Eigentümern Kontakt aufzunehmen. Oft tut sich oft jahrelang nichts und dann sind es zwanzig Minuten, die über eine unwiederbringliche Zerstörung oder eine Rettung entscheiden.

Verein Stadtschrift Demontage

Wie, zwanzig Minuten?

Birgit Ecker: Naja, ein schönes Beispiel ist unser „Frisier“ - Schriftzug. Es gab da dieses wunderschöne Portal in der Hernalser Hauptstraße, den „Frisier Salon“. Wir sind da immer wieder mal hin und haben uns richtiggehend verliebt. Leider war es sehr schwierig an den Eigentümer ranzukommen, die Hausverwaltung war ziemlich „oldschool“, so mit Fax statt Email und so. Zunächst wollten sie Geld, aber das war uns zu viel. Irgendwann schickt mir eine Freundin eine Nachricht, dass sie ist zufällig am Haus vorbeigefahren und dort Bauarbeiten beobachtet hätte. Es gab plötzlich eine neue Gebäudeverwaltung und einen Makler. Ich habe es dann geschafft, den richtigen Mann ans Telefon zu bekommen, der vor Ort die Bauarbeiter gerade angewiesen hatte, den Schriftzug zu entfernen. Er meinte, wenn wir in zwanzig Minuten da sind, können wir die Buchstaben haben. Um 15:20 Uhr waren wir da und haben „fünf vor zwölf“ bei Regen und Kälte eigenhändig die Schrift abmontiert.

Ihr legt da also selbst Hand an?

Roland Hörmann: Klar. Wir haben früher auch viel improvisiert. Private Keller von Freunden angeräumt, Leitern von Birgits ehemaligem Arbeitgeber, dem Schauspielhaus, geliehen. Das Abmontieren ist einfacher als das Wiederanbringen. Da müssen schon Profis ran, zumindest wenn es um Außenfassaden geht. Unseren Schauraum in der Liniengasse hab ich selbst gestaltet, für die Mauerschauen an den Feuerwänden mussten externe Firmen arbeiten, allein schon wegen der Haftung.

Stimmt mein Gefühl, dass das Bewusstsein für die Wertigkeit alter Dinge in der Gesellschaft wieder stärker vorhanden ist?

Roland Hörmann: Das mag stimmen, ja. Vielleicht haben ja auch wir ein bisschen dazu beigetragen. Bei unserer ersten Mauerschau, die wir 2014 in der Sperlgasse gemacht haben, war das Echo extrem. Die Leute haben dann gewusst, aha, da gibt es jemanden, der sich dafür interessiert. Wir haben uns da als Anlaufstelle etabliert, Hinweise bekommen etc. Es gibt einerseits wieder mehr Unternehmen, die ihre Geschäftslokale mit hochwertig und schön gestalteten Schriften versehen und andererseits werden historische Lettern nicht achtlos weggeworfen. Es gibt eine Reihe von Beispielen, wo alte Schriften auf den Fassaden geblieben sind, obwohl neue Mieter eingezogen sind.

Birgit Ecker: So wie bei der „Herknerin“ im 4. Bezirk zum Beispiel. Die Inhaberin des Lokals hat den Schriftzug „Installationen“ stehen gelassen, wunderschön. „Pelzmodelle Urschel“ am Albertinaplatz, oder auch der Club „Elektro Gönner“.

War früher alles besser?

Roland Hörmann: Das, was wir heute für schön empfinden, sind Unikate, wo einfach Professionisten am Werk waren. Heute glaubt jeder, er kann ein Schild selbst auf seinem PC produzieren. Früher haben das Leute gemacht, die ihr Handwerk verstanden haben und die solche Schriftzüge nicht für eine Lebensdauer von zwei Jahren, sondern für zwei Generationen gestaltet haben.

Wo liegt aktuell der Schwerpunkt eurer Arbeit?

Verein Stadtschrift demontage

Birgit Ecker: Wir sind total happy, dass wir im Herbst unsere zweite Mauerschau mit zehn Frauennamen im sechsten Bezirk, Ecke Mollardgasse / Hofmühlgasse, eröffnen konnten. Für 48 Stunden hatten wir sogar sowas wie ein dezentrales, typografisches Museum. Zwei Tage später wurden die Schriftzüge an der Feuermauer in der Kleinen Sperlgasse abmontiert, nachdem sie vier Jahre dort gehangen sind. Es war von Anfang an klar, dass es sich nur um eine Zwischennutzung gehandelt hat, aber natürlich hat es weh getan, die Schriften wieder ins Lager zu bannen.

Dort werden sie aber nicht lange ihr Dasein fristen, oder?

Roland Hörmann: Nein, wenn alles gut läuft, dann gibt es bald eine Rückführung in den zweiten Bezirk. Es hat sich eine Initiative gebildet, die die Mauerschau am Ludwig-Hirsch-Platz verwirklichen möchte. Das Ganze steht und fällt jetzt mit der Finanzierung. Das Projekt im Sechsten haben wir mittels Crowdfunding aufgestellt, es war phänomenal wie schnell wir die Summe beisammen hatten. Innerhalb eines Tages hatten wir 7.500 Euro zusammen, konnten auch den Bank Austria Kunstpreis abräumen und die notwendigen 10.000 Euro für die Mauerschau 1060 aufstellen. Wir hoffen natürlich auch für dieses Projekt wieder Spenderinnen und Spender zu finden.

Birgit Ecker: Es war echt fein zu sehen, wie sehr die Menschen unsere Vision unterstützt haben. Bei offiziellen Stellen hatten wir bis dato weniger Glück. Für „Kunst im öffentlichen Raum“ fehlt der künstlerische Aspekt und auch sonst sind die Fördergeber schwer zu überzeugen. Dabei sehen wir in unserem Projekt schon auch einen echten Mehrwert für die Menschen vor Ort. Jeder verbindet etwas mit den Schriften. Es ist total spannend mit welchen kuriosen, lustigen, bewegenden Erlebnissen die Leute auf uns zukommen. Das ist ein Geschenk und vielleicht machen wir das deshalb auch.

Habt ihr eine Ahnung wieviel ehrenamtliche, unbezahlte Stunden ihr schon in euer Herzensprojekt gesteckt habt?

Birgit Ecker: Puh! Lieber nicht nachrechnen! Ich habe unseren Sohn vor einiger Zeit beobachtet, wie er mit seinem Spielhandy Erwachsenen-Gespräche nachgespielt hat und dabei ständig von „Mauerschau“ geredet hat. Ich fürchte, ich habe wohl einige Zeit über nichts anderes mehr gesprochen.

Roland Hörmann: Das Stadtschrift-Engagement und der Job, das fließt so ineinander. Ein bisserl verrückt muss man schon sein.

Wie soll’s weitergehen?

Roland Hörmann: Unser Lager ist derzeit gut gefüllt, jetzt geht es darum, die Schriften in die Öffentlichkeit zurückzubringen. Dort, wo sie unserer Meinung nach auch hingehören.

Birgit Ecker: Es wäre ein Traum, wenn man überall in der Stadt die alten Schriften entdecken könnte und die Verantwortlichen sorgsam mit diesem Kulturgut umgingen. Komprimiert auf einer Feuerwand, nach Themen kuratiert, rückt das natürlich noch viel stärker ins Bewusstsein. Wenn viele Menschen unsere Vision mittragen, haben wir natürlich noch ein bisserl mehr Freude daran.

INFO Projekt Stadtschrift

Die Mauerschau 1060, Ecke Hofmühlgasse / Mollardgasse, zeigt die „zehn schönsten Frauen“ Wiens – von Lisa bis Thalia. Den Schauraum des Vereins Stadtschrift in der Liniengasse 2a/191, 1060, kann man nach Voranmeldung besuchen. Damit die Mauerschau 1020, die sich thematisch dem Kleinhandel von Elektro bis Papier widmet, im Frühjahr 2019 realisiert werden kann, sammelt der Verein derzeit Spenden! Sponsoren werden namentlich auf der Infotafel vor Ort genannt. Alle Details auf https://www.stadtschrift.at/projekte/initiative-mauerschau-ludwig-hirsch-platz/

 

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