Verbotene Gefühle

Gefühlvoll sollen wir sein – aber bitte nur positiv! Dabei hat jeder irgendwann Empfindungen, die keinen Heiligenschein verdienen. Und das ist auch gut so.

Schon wieder drei Stunden im Netz verbracht. Gelesen, bis die Augen brannten. Schicksale verschlungen wie andere Gummibärchen. Jeden Abend dasselbe Bild: Das bläuliche Licht des Laptops beherrscht Angelikas Wohnzimmer. Gespenstische Stille, nur ab und zu ein leiser Mouseclick. Die 33-jährige Angelika sitzt eisern zu Hause, seit sich ihr Freund Markus von ihr getrennt hat. Sie mag einfach keine Leute mehr sehen, sagt sie, dazu fühle sie sich zu besch ... Angelika gibt nämlich sich selbst die Schuld an der Trennung: "Ich war immer so jähzornig. Und so eifersüchtig. Ich habe ihn vertrieben." Und wenn sie ausgehen würde, so hätte sie das Gefühl, es stünde ihr in fetten Lettern auf der Stirn geschrieben: "Diese Frau hat sich so aufgeführt, dass ihr der Freund weggelaufen ist." Daheim vor dem Computer hat sie dieses Gefühl nicht. "Wenn ich im Internet die Geständnisse anderer lese, geht es mir besser", sagt sie, "neben dem, was da manche Leute so hineinschreiben, komme ich mir mit meinen Tobsuchtsanfällen richtig harmlos vor. Und zu sehen, dass ich nicht der einzige Mensch mit dunklen Seiten bin, das tut mir im Moment richtig gut."

Tiefe Gefühle - dunkle Abgründe

"Dieses Verhalten ist kein Wunder, so Psychotherapeutin Billie Rauscher-Gföhler, bei dem paradoxen Umgang, den wir mit gewissen Gefühlen haben: "Sie dürfen theoretisch zwar sein, aber sie sollen nicht stattfinden. Wenn die Oberfläche stimmt, ist alles in Ordnung. Das liegt viel an der Schnelligkeit und der Leistungsorientierung unserer Zeit." Wenn du gewisse Emotionen hast - und vielleicht auch noch auslebst -, bist du schwach und unerwünscht. Tiefe Gefühle, dunkle Abgründe? Behalt sie für dich und geh bitte endlich wieder zum Friseur. Anders als allzu oft im direkten menschlichen Kontakt werden jedoch im Internet die Masken fallen gelassen, und nicht selten leisten sich "I-am-Bad"-Blogger auch gegenseitig Beistand.

Bei Gefühlen, die mit Aggression zu tun haben, kommt noch der Umkehreffekt dazu: "Wenn man sie nicht nach außen loswerden kann, wenden sie sich gegen einen selbst - und man wird krank oder depressiv."
von Billie Rauscher-Gföhler, Psychotherapeutin

Die reinste Psychohygiene also,denn "verbotene", weil tabuisierte Gefühle verhalten sich wie Karies unter einer Plombe: Sie fressen sich immer tiefer und gehen an die Substanz. "Sie nagen am Selbstwert", so Billie Rauscher-Gföhler, "denn man hat etwas, was man nicht haben sollte. Man bewertet sich selber also negativ - und das verunsichert, macht Druck und zieht enorm viel an Kraft ab." Bei Gefühlen, die mit Aggression zu tun haben, kommt noch der Umkehreffekt dazu: "Wenn man sie nicht nach außen loswerden kann, wenden sie sich gegen einen selbst - und man wird krank oder depressiv." Um besser aushalten zu können, dass da in einem etwas wühlt, sollte man sich drei Grundsätze vor Augen halten:

• In jedem negativen Gefühl steckt auch die Kraft zu einer Veränderung ins Positive.
• Diese Gefühle gibt es einfach, und jeder Mensch wird sie von Zeit zu Zeit einmal haben.
• Und wer behauptet, er hätte niemals derartige Emotionen, sollte sich schleunigst auf die Suche danach machen.

Und nun vom Allgemeinen zum Konkreten - die häufigsten verbotenen Gefühle, woher sie kommen und wozu sie einem verhelfen können:

Eifersucht

Warum verpönt: Wahrscheinlich sind das noch die Ausläufer der 68er- Bewegung. Die sexuelle Revolution - "Wer zwei Mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" -, gepaart mit den linken Ideen von der Aufhebung des Besitzdenkens hat der Eifersucht bis heute ein uncooles Image eingebracht.

Woher sie kommt: Prinzipiell aus der Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen, was auch ganz normal ist. Krankhafte Eifersucht hingegen wird von Geschehnissen der frühen Kindheit genährt: Zu wenig Zuwendung und Geborgenheit oder die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, dem sich die Eltern voll zuwandten, können eine tiefe Unsicherheit bis ins Erwachsenenalter erzeugen.

Was sie macht: Tiefe Verunsicherung, weil sich der Eifersüchtige mit der Konkurrenz vergleicht. Und je schwächer das Selbstwertgefühl ist (oder dadurch wird), umso eifersüchtiger wird jemand auch. Das wiederum verstärkt das Gefühl von Hilflosigkeit. Der daraus resultierende Zwang, den anderen auf Schritt und Tritt zu kontrollieren, gibt einer ohnehin wackeligen Beziehung oft den Rest.

Wie sie helfen kann: Ursprünglich zeigt Eifersucht die Außengrenzen der Beziehung auf ("Bis hierhin und nicht weiter, wenn du mir nicht weh tun willst"). Eifersucht kann zu einer produktiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstbewusstsein genützt werden. Stellen Sie sich Fragen wie: Was ist mein Wert als Mensch? Wird er von meinem Partner genügend geschätzt? Was kann ich tun, um mich wertvoller zu fühlen? Eifersucht verliert auch viel von ihrer zerstörerischen Kraft, wenn Sie Ihrem Partner gegenüber den mutigen Satz aussprechen: "Ich bin so eifersüchtig, weil ich schreckliche Angst habe, dich zu verlieren."

Neid

Warum verpönt:Neid schafft Unfrieden und Streit - und war deshalb immer auch eine Bedrohung für die herrschende Gesellschaftsschicht. Und damit die Armen nicht auf die Idee kommen, den Reichen etwas wegnehmen zu wollen, haben viele Ideologien Klassenunterschiede als gottgewollt und Neider als Sünder dargestellt.

Woher er kommt: Immer aus dem Vergleich "Die anderen haben etwas, was ich nicht habe". Egal ob Zuwendung, Wohlstand, Anerkennung oder Liebe - der Neider rechnet genauestens auf, was andere bekommen und er (ungerechtfertigterweise!) nicht. Die Tendenz zum Neidempfinden wird meist schon in der Kindheit angelegt. Die hübschere Schwester bekommt mehr Beachtung, der sportliche Bruder mehr Lob - und einer steht daneben und fühlt sich als ewiger Loser.

Was er macht: Je mehr man sich damit beschäftigt, was andere haben, umso ärmer fühlt man sich. Das bedeutet auch, dass man sich selbst immer mehr den Boden unter den Füßen wegzieht, je mehr man auf die Kirschen in Nachbars Garten schielt. Man wird immer unzufriedener mit sich selbst, dadurch aber meist noch passiver, handlungsunfähiger - und isolierter von seiner Umwelt und den Mitmenschen.

Wie ER helfen kann: Der Neidige muss von seinem passiven Verlierergefühl in die Aktivität kommen. Sprich: Erkennen, was und warum er es so gerne haben möchte, und wie er dies für sich erreichen kann. Setzen Sie sich konkrete, zu Ihrem Leben passende Ziele und überlegen Sie, wie Sie diese Schritt für Schritt erreichen können. Wichtig: Oft sind es in Wahrheit nicht materielle Dinge, die man unbedingt haben will. Sie stehen nur als Symbol für ein Gefühl (Liebe, Respekt, Sicherheit), nach dem man dürstet.

Rachlust

Warum verpönt: Auge um Auge, Zahn um Zahn - vor 2.000 Jahren war diese Rechtssprechung noch die Norm. Mit dem Christentum wurde dann aber Verzeihen und Demut ("Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin") als ethischer Höchstwert eingeführt.

Woher sie kommt: Aus einer tiefen Verletzung. Man fühlt sich als Opfer, wenn man von jemandem enttäuscht, betrogen oder benutzt wurde. Und Opfersein ist ein schwerer Schlag für das Selbstwertgefühl, weil man sich so machtlos fühlt. Deshalb will man dem anderen auch weh tun, deshalb soll er genauso leiden wie man selbst - damit man wieder ein Gefühl von Macht bekommt.

Was sie macht: Sie verengt das Bewusstsein. Wer auf Rache sinnt, fixiert sich auf seine Kränkung und wie er sie durch den Gegenschlag (vermeintlich) heilen kann. Das bindet jedoch enorme Mengen von Energie - und hinterlässt auch bei "erfolgreicher" Rache nur einen idealen Nährboden für Verbitterung.

Wie sie helfen kann: Rachephantasien können durchaus helfen, aus seinem Gefühl des Opferseins wieder herauszukommen. Sie in die Tat umzusetzen beschädigt im Endeffekt jedoch nur die eigene Integrität. Schlitzen Sie also in Gedanken ruhig die Autoreifen Ihres Ex auf - und wenn Sie sich abgeregt haben, denken Sie einmal in Ruhe über Ihre Enttäuschung nach. Denn: Oft genug hat einen nicht der andere, sondern man sich selbst über ihn getäuscht.

Angst

Warum verpönt: Der Mensch ist ein Herdentier. Wenn also einer seine Ängste offen zeigt, werden die andern an ihre eigenen (verdrängten) Angstgefühle erinnert. Und das ist etwas, worauf sie sofort mit Unterdrückung reagieren.

Woher sie kommt: Aus den tiefsten und ältesten Schichten unseres Gehirns. Angst ist ein Survival-Trick: Sie macht uns aufmerksam auf Situationen, die für uns existenziell bedrohlich werden könnten. Und diese gesteigerte Aufmerksamkeit wiederum setzt körperliche und geistige Kräfte frei, die uns beim Überleben helfen sollen.

Was sie macht: Angst aktiviert, Angst lähmt aber auch, wenn man sich dem Problem nicht gewachsen fühlt. Unbewusste oder verdrängte Angst führt zu Psycho-Problemen wie Panikattacken, Phobien oder Zwangshandlungen.

Wie sie helfen kann: Angst macht wachsam, und dieses Potenzial können Sie nützen. Machen Sie sich Ihre Angst in allen Einzelheiten bewusst, malen Sie sich ein Worst-Case-Szenario aus - und was Sie im schlimmsten Fall tun würden. Setzen Sie innerhalb von zwei Tagen wenigstens einen kleinen Schritt, eine Handlung gegen die Bedrohung. Sobald Sie sich als Handelnder fühlen, kann die Angst nicht mehr übermächtig werden.

Aggression

Warum verpönt: Begierde, Ablehnung, Wut und Hass - all diese Gefühle gehören zum Spektrum der Aggressivität. Und das ist traditionell den Männern vorbehalten. Wenn Frauen aggressive Impulse ausleben, werden sie schnell als unweiblich bewertet - und damit meist sehr effektiv mundtot (sprich kontrollierbar) gemacht.

Woher sie kommt: So wie das Wort Aggression vom lateinischen "aggredere" kommt, das eigentlich nur "an etwas herangehen" heißt, ist der Ursprung von Aggressivität im Grunde nur das Zupacken zu Überlebenszwecken. Fühlt sich ein Mensch von anderen - ob zu Recht oder nicht - gestört oder angegriffen, wird aus dem Zupacken ein Zuschnappen. Sprich: ein Kampf. Manchmal sogar einer auf Leben und Tod.

Was sie macht: Aggression ist ein zweischneidiges Schwert. Sie hilft uns in Krisenzeiten, uns zu schützen oder aus einer verfahrenen Situation zu befreien. Gehen wir jedoch nicht richtig mit diesen Gefühlen um, führen sie zur Selbstzerstörung und verursachen Schäden an unserer seelischen Gesundheit.

Wie sie helfen kann: Indem man die Kräfte, die sie freisetzt, in Aktivität umsetzt. Das heißt, man sollte die Aggression zwar ausdrücken - ob nun in Gesprächen oder mit kreativen Mitteln wie Schreiben, Tanz oder Malerei -, aber nicht an anderen auslassen. Wichtig ist für die eigene Psyche, Wut und Hass zum richtigen Zeitpunkt loszulassen. Denn mehr als man damit andern je schaden könnte, fügt man sich selbst permanenten Schmerz zu.

Analyse
Die erste Frage bei unbehaglichen, weil tabuisierten Gefühlen muss lauten: Was genau hab' ich? Setzen Sie sich in einer ruhigen Stunde mit Block und Bleistift irgendwo hin und notieren Sie sich: Wie fühlt es sich an? Welche Gedanken kommen mir? Worüber ärgere ich mich? Was kränkt mich? Wo bin ich hilflos? Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn nicht nur ein eindeutiges, sondern gemischte Gefühle das Resultat sind.

Einordnen
Benutzen Sie Ihre Notizen dann, um Ihre vielleicht noch etwas diffusen Gefühle genau einzuordnen. Etwa bei Neid und Eifersucht: Fühle ich mich ohnmächtig oder verlassen? Habe ich Angst, etwas nicht zu bewältigen? Bei Aggression: Was oder wer stört und behindert mich in meinem Leben?

Ursprung finden
Wenn Sie das Negative einmal dingfest gemacht haben, kommt die positive Frage: Was will ich? Wo will ich hin, was brauche ich, um mich wieder wohl zu fühlen?

Hindernisse
Wenn Sie wissen, was Sie wollen und brauchen, können Sie den Blick wieder nach außen richten. Das heißt, sich fragen: Was hindert mich derzeit daran, das, was ich wirklich will und brauche, auch zu erreichen? Was müsste ich planen, klären, wovon müsste ich Abschied nehmen, um zu meiner Befriedigung zu kommen? Und: Ist mir mein Ziel den Einsatz wirklich wert? Kann sein, dass Sie in diesem Stadium auch zu dem Ergebnis kommen: Ich mache nicht weiter und lasse mein Ziel los, weil es zu große Investitionen von mir verlangt.

Projektmanagement
Wenn Sie Ihr Ziel weiter verfolgen wollen, müssen Sie nun wie eine Managerin vorgehen. Also: Was sind die nächsten möglichen und machbaren Schritte? Und bis wann will ich sie erreichen? Achtung: Ihr Plan braucht unbedingt einen Zeitplan, sonst kann es keinen Erfolg geben.

Manöverkritik
Wenn Sie Ihre Schritte getan haben, muss die Frage folgen: Hat es das gebracht? War mein Manöver zielführend? Selbst wenn nicht, haben Sie etwas dazugelernt.
 

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