Vegane Ernährung

Kein Zweifel, die vegane Ernährung befindet sich auf dem Vormarsch. Doch noch immer sind viele Fragen rund um das Leben ohne tierische Produkte ungeklärt. Um diese Fragen zu beantworten, hat die WIENERIN mit dem Obmann der veganen Gesellschaft Österreich Felix Hnat gesprochen, der selbst seit 11 Jahren vegan lebt.

WIENERIN: Was tun Sie persönlich, um Mangelerscheinungen vorzubeugen? Oder ist dieses Gerede von Mangelerscheinungen Blödsinn?

Felix Hnat: Es gibt das Klischee, dass eine vegetarische oder vegane Ernährung nicht vollwertig ist. Das ist nicht haltbar. Das wurde auch schon sehr stark wissenschaftlich widerlegt. Zum Beispiel hat es im Ernährungsbericht 2008 der Uni Wien, eine Vergleichsstudie gegeben, bei der man die Zufuhr der Nährstoffe bei drei verschiedene Gruppen verglichen hat: Die Fleisch- die vegetarische und die vegane Gruppe. Da wurden 28 Nährstoffe mit Zufuhrprotokollen kontrolliert. Und bei ca. 24 von 28 Nährstoffen war die vegane Gruppe am Besten.

Achten Veganer mehr auf Nährstoffe?

Nein. Wenn man mehr Getreide, mehr Gemüse und mehr Obst isst und weniger Fleisch, also weniger gesättigte Fettsäuren, bieten sich automatisch viele gesundheitliche Vorteile. Und wichtig ist, egal ob man vegan oder vegetarisch lebt oder Fleisch isst, sich ausgewogen und abwechslungsreich zu ernähren. Dann kann überhaupt nichts schiefgehen.

Gibt es keine Beeinträchtigen aufgrund des Fleischmangels?

Nein im Gegenteil. Ich kenne viele Leute, die sich ohne Fleisch viel vitaler, munterer und aufgeweckter gefühlt haben. Teilweise auch Gewicht verloren habe. Das ist so zu erklären, dass Fleisch unheimlich lange im Magen und in dem Verdauungstrakt verweilt und pflanzliche Kost viel einfacher aufzunehmen ist. Ein anderes Problem ist die Laktoseintoleranz. Ungefähr 7-10 % der Bevölkerung leiden darunter und wissen nicht einmal immer.

Gibt es Dinge, auf die Veganer besonders achten müssen?

Mangelerscheinungen sind eigentlich sehr selten. Aber eines von 54 Vitaminen, das nicht optimal war, war Vitamin B12. Vitamin B12 kommt zwar nicht im Fleisch oder in Tierprodukten an sich vor, entsteht aber in den Gedärmen von Tieren. Deswegen empfehlen wir vegan-lebenden Menschen auch, angereicherte Produkte zu konsumieren, zum Beispiel Fruchtsäfte.

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Wie viele Veganer leben ungefähr in Österreich?

Vegan und vegetarisch ist sicherlich der Trend des Jahrzehnts. Vor zehn Jahren waren es noch ungefähr 2 % der Bevölkerung, die vegetarisch gelebt haben. Inzwischen sind es durchschnittlich 5%, in Städten wie Wien sogar 7 %. Insbesondere bei jungen, eher urbanen, weiblichen Menschen ist die Zahl noch höher. Es gibt Schätzungen in gewissen Studienzweigen der Universität, dass 15-20 % der Studentinnen schon vegetarisch leben. Und davon schätzen wir, dass jeweils 10% die vegane Lebensweise versuchen. Unseren Erfahrungen nach leben von 100 Vegetariern ungefähr 10 vegan. Und auch das Wachstum ist stark. Wir haben jedes Jahr 30% Mitglieder-Zuwachs. Die großen Supermärkte haben das Thema schon für sich gewonnen. heutzutage gibt es haufenweise vegetarische und vegane Alternativen, vor elf Jahren war das noch anders.

Könnte das auch dazu beitragen, dass mehr Leute vegan leben?

Es ist eine Wechselwirkung. Durch Fernsehberichte und Bücher entdecken immer mehr Menschen dieses Thema für sich. Darauf steigt natürlich auch die Wirtschaft ein und will diese Zielgruppe bedienen.

Und wieso sind es mehr Frauen, die vegan leben?

Die Soziologie erklärt das so, dass Frauen, auch bedingt durch die traditionellen Rollenbilder, sich mehr mit Ernährung befassen. Und Männer noch immer fälschlicherweise das Klischee, dass man Fleisch braucht mehr intus haben. Das Mitgefühl für die Tiere ist natürlich auch ein Faktor.

Man soll also keine Mitgeschöpfe essen?!

Das müssen alle für sich selbst entscheiden. Es gibt Leute, die aus gesundheitlichen Gründen umgestiegen sind. Stichwort Abnehmen, Herzkreislauf-Erkrankungen. Die vegane Ernährung besteht aus weniger gesättigten Fettsäuren und aus mehr Ballaststoffen. Ich habe mich aus ethischen Gründen für diesen Weg entschieden. Ich habe gesehen, wie es in den Massentierhaltungen aussieht. Die idyllischen Darstellungen in der entsprechen natürlich in keinster Weise der Wahrheit: Die Kühe werden in Anbindehaltunge den größten Teil ihres Lebens gemolken. Milchproduktion ist einfach untrennbar mit der Kalbfleisch-Produktion verbunden. Ein wichtiger Aspekt ist natürlich inzwischen auch Klimaschutz: 18% der Treibhausgase weltweit werden durch Viehzucht verursacht.

Gibt es typische Verhaltensregeln mit denen man den Umstieg zu vegan oder vegetarisch leichter schafft?

Ich empfehle sich zu informieren, zum Beispiel bei uns auf vegan.at. Da gibt es Infos über Gesundheit, die einem die Angst nehmen, wenn Familienmitglieder skeptisch dreinschauen. Ich würde auch empfehlen, einfach die Vielfalt der Restaurants auszuprobieren. Oder im Supermarkt bewusst auf die „Veggie"-Produkte zu achten. Denn wenn man die Alternativen kennenlernt, geht man mit ganz anderen Augen durch die Welt. Man hat nicht mehr das Gefühl, dass man auf alles verzichten musst, sondern sieht die neue Vielfalt.

Wie viele Mitglieder hat die vegane Gesellschaft Österreich?

Etwas mehr als 1500. Aber wir haben weitaus mehr, denen wir zum Beispiel unser Magazin zuschicken, wenn sie es gratis bestellen, ca. 3000 bis 4000. Wir haben einen Newsletter von knappen 10.000 Empfängern mit Rezept-Ideen und Veranstaltungen. Wir finanzieren uns von den Spenden und Unterstützungsbeiträgen. Wir haben aber auch Einnahmen von Verunstaltungen. Wir haben zum Beispiel die erste vegane Messe Österreichs organisiert, die Veggie Planet.

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Was waren, glauben Sie, die Hauptfaktoren, für das allmähliche Umdenken der Gesellschaft?

Einerseits wird der Kilmawandel immer wichtiger. Es gibt in Deutschland und in Österreich ziemlich viele Städte und Gemeinden, die einen fleischfreien Tag eingeführt haben, einen Veggi-Tag. Zum Beispiel das komplette Land Oberösterreich. Vor 100 Jahren hat man einmal die Woche Fleisch gegessen, sonntags. Und heutzutage ist es umgekehrt. Wir essen heutzutage zehnmal so viel Fleisch, als es natürlich wäre.

Wie reagiert die Fleischindustrie darauf?

Sowohl die Leute aus der Landwirtschaftskammer als auch die Menschen in der Fleischindustrie wissen ganz genau, dass wir in Österreich zu viel Fleisch essen, und sie versuchen durch ganz platte Klischees wie „Fleisch macht stark" oder „Fleisch ist wichtig für die Entwicklung" und mit teurer Werbung, die teilweise vom Steuerzahler finanziert wird, die Leute zu irritieren. Das ist natürlich lächerlich. Von der wissenschaftlichen Seite werden sie keinen Mediziner, keinen Ernährungswissenschaftler finden, der sagt, dass dieses Ausmaß an Fleischkonsum, wie wir es jetzt verzehren, gesund ist.

Es gehört ja aber auch zur Aufklärung, sich mit dem Töten der Tiere zu beschäftigen...?

Ja. Eines der größten Probleme ist, dass die Tötung und Haltung der Tiere hinter verschlossenen Mauern passiert. In der Werbung sieht man die Tiere auf der grünen Wiese, die quasi freiwillig in die Pfanne hüpfen. Wenn die Menschen in Österreich wüssten, wie die Realität ist, würden das viele nicht gut finden. Davon bin ich überzeugt.

Gibt es auch vegane Versandhäuser?

Für Essen gibt es veganversand.at und veganversand-lebensweise.at. In Österreich gibt es, was Mode betrifft muso-koroni.com. Dann gibt es veganbag.at und lokapala.at. Als Mann ist es ist oft schwierig einen Anzug zu finden, ohne Wollinnenfutter oder Krawatten, die nicht aus Seide bestehen. Dann eben das Thema Schuhe, wegen des Leders.

Was sagen Sie Eltern, die nicht sicher sind, ob ihre Kinder vegan leben sollten?

Die weltgrößte Ernährungsorganisation ADA (American Dietetic Association) sagt, dass eine vegane oder eine andere Art der vegetarischen Ernährung für alle Lebenslangen ausreicht, inklusive Schwangerschaft, Pubertät etc. Wir arbeiten gerade an einer Broschüre zum Thema vegane Kinderernährung. Meistens stellt sich heraus, dass das Gesundheitliche überhaupt kein Problem ist, sondern eher der soziale Alltag im Kindergarten in der Volksschule. Andere Kinder schauen skeptisch, obwohl sich die Kinder prächtig entwickeln. Aber es gibt auch schon rein vegetarische Schulen.

 

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