Vea Kaiser: "Wieder so eine Durchgeschossene"

Die erfolgreiche Autorin über ihr neues Buch Rückwärtswalzer, wie ihre Heirat mit dem Dottore Amore sie verändert hat und warum sie Gespräche mit ihrem Hund führt.

Vea Kaiser

Bis zu ihrem Dreißiger, nahm sich Vea Kaiser mit 20 vor, wolle sie drei Bücher schreiben. Hat funktioniert: Im Dezember 2018 wurde die Autorin von Blasmusikpop und Makarionissi 30, da lag das Manuskript für ihren neuen Roman Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger (€ 22,70, erscheint am 7. März bei Kiepenheuer & Witsch) längst beim Verlag. Eine Hochzeit gab es für die Bestsellerautorin auch noch, sie hat ihren „Dottore Amore“, geheiratet, einen Wiener Urologen mit italienischen Wurzeln. Vea Kaiser sprach mit WIENERIN-Autorin Mareike Steger über die Ehe als Beruhigung, Hunde als Therapeuten, Leichen in offenen Särgen und die Motivation zum Schreiben.

WIENERIN: Frau Kaiser, welches neue Ziel gab es für Sie am 30. Geburtstag?

Vea Kaiser:Einen Marathon in unter vier Stunden laufen, bevor ich 40 werde. Kurzstrecke ist ja nicht so meine Stärke...


Stimmt, auch Ihr neues Werk hat mehr als 400 Seiten. Und es ist – erneut – ein Familienepos geworden. Warum?

Was wäre denn die Alternative? Ich kann mir nichts anderes vorstellen: Familie ist bei mir so ein integraler Bestandteil, und all meine Freunde verbindet, dass sie auch starke, präsente Familien haben. Das fasziniert mich!

Ich zitiere Ihre Worte von Ihrem Facebook-Account: „Bissi weniger als drei Jahre dran gearbeitet, 8 Fassungen verworfen, tausende Seiten zur Recherche gelesen, fünftausend Kilometer zur Recherche gefahren.“ Was war für Sie beim Schreiben von Rückwärtswalzer anders als bei den zwei Büchern davor?

Ich hatte mehr Erfahrung, aber weit weniger Zeit.

Vea Kaiser Rückwärtswalzer Cover

Anders ist auch: Mit Rückwärtswalzer machen Sie erstmals Wien zum Mittelpunkt Ihres Buches. Genauer gesagt: Liesing.

Die Wiener Außenbezirke sind so besonders, die haben mich immer schon fasziniert. Es sieht aus wie Stadt, aber zugleich kennt jeder jeden, es gibt diese nachbarschaftliche Überwachung wie am Land. Ich komme ja vom Land, aber ich brauche es urban. Diese Wohnform wie in Liesing oder Kaisermühlen habe ich mir nicht vorstellen können. Irgendwann beim Schreiben hat sich allerdings abgezeichnet: Es geht um einen Generationenkonflikt.


Personifiziert von Lorenz, einem Vertreter der Generation Y, ...

... deren Eltern ihnen immer eingeredet hat, dass sie alles erreichen können. Viele Angehörige dieser Generation machen sich null Gedanken über ihre Talente, und mit den Sicherheitsrucksack der Generation davor wollen sie ihren Traum durchboxen. Aber bei jeder Krise sind sie total unfähig.


Apropos Generationen: Lorenz’ Tanten kochen ständig. Woher kommt diese Obsession?

Meiner Erfahrung nach machen das viele Frauen in Österreich in dem Alter. Das beobachte ich, wenn ich samstags mit dem Pensionistenporsche auf den Karmelitermarkt gehe. Übrigens gibt es in der österreichischen Literatur kein Buch, das diese ganz normalen Frauen in der zweiten Lebenshälfte beschreibt. Für viele von ihnen ist es eben Luxus, beim Fleischer eine Kalbshaxe vergünstigt zu bekommen.


Kochen können Ihre Protagonisten, mit der Liebe aber haben sie es wieder nicht so. Wo bleibt die Romantik – Sie haben doch jetzt einen Süditaliener geheiratet?

Je romantischer mein Privatleben, desto unromantischer werden wohl meine Bücher ... Ich habe sogar den letzten Rosenkavalier getroffen! Dabei war mein Mantra immer „Like art, love is mess.“ Doch die Beziehung zu meinem Mann hat mir gezeigt: Ich hatte keine Ahnung.

Darf man jetzt eigentlich Frau Doktor zu Ihnen sagen?

Ja und Nein. Da ich einen Arzt geheiratet habe, sagen tatsächlich manche wenige Menschen neuerdings Frau Doktor zu mir. Eine größere Motivation, endlich meine Dissertation zu schreiben, gibt es nicht.


Was macht die Ehe mit Ihnen?

Ich lerne mich noch einmal anders kennen. Merke, wo meine Stärken und Schwächen sind. Mir war es immer wichtig, recht zu haben, selbst wenn ich auf dem Holzweg war. Doch in der Ehe funktioniert das nicht. Diese Selbsterkenntnis ist die eine Sache. Eine andere: Die Ehe beruhigt mich, das ist schön.

Sind Sie denn so eine unstete Person?

Ich bin in den letzten Jahren elfmal umgezogen, habe ständig andere Länder bereist dank meinen Lesereisen, und vor vier Jahren hab ich noch gedacht, ich breche alle Zelte in Wien ab. Das war kurz bevor Makarionissierschienen ist. Ich habe mich gefragt: „Bleibe ich in Europa? Mache ich meinen Master in den USA? Oder übersiedele ich nach Israel?“ Übrigens ein Land, das ich als perfekten Ort zum Schriftstellersein empfand. Jetzt mit der Hochzeit habe ich einmal eine Frage in meinem Leben geklärt – wo und mit wem ich lebe –, und das ist angenehm. Das Absurde war ja: Ich war vor der Hochzeit nicht nervös. Ich musste nebenbei schließlich noch mein Buch zu Ende bringen. „Was soll schon groß passieren bei der Hochzeit“, dachte ich. „Aber wenn bei meinem Buch einen Fehler mache, lässt sich das nicht mehr korrigieren.“ Unter Umständen kann ein Buch noch in 2.000 Jahren picken. Diese Vorstellung hat mich nervös gemacht. Ich bin eben perfektionistisch veranlagt.

Drei Jahre an einem Buch zu arbeiten, wie jetzt für Rückwärtswalzer, macht wahrscheinlich ziemlich ...

... einsam. Das Schreiben ist nicht so befriedigend wie man es gern hätte. Ich fühle mich immer wie Sisyphos: Das Hochrollen dauert ein paar Monate, darüber freue ich mich auch. Aber dann beginnt eine kritische Art der Auseinandersetzung. Selbst nachdem meine Bücher veröffentlicht sind, fallen mir noch Dinge auf, die ich hätte besser machen wollen. Das Tolle beim Schreiben eines Romans ist das Erfinden einer Geschichte. Es ist wie das Betreten eines neuen Raums, den man nach Belieben einrichten kann. Nur, wenn wir bei dem Vergleich mit leeren Wohnung bleiben: Jede leere Wohnung ist schön. Aber jeder, der umzieht, beginnt irgendwann zu verzweifeln. Sei es, dass der Esstisch doch nicht passt oder über die 100 Kisten, die sich nicht von alleine auspacken. Ähnlich ergeht es mir beim Schreiben. Erst fühlt es sich großartig an, aber dann wie ein Umzug in den siebten Stock, mit engen Treppen und ohne Helfer. Es ist total einsam. Aber du musst fertig werden! Du musst jeden Tag daran arbeiten. Dabei gibt es Tage, wo man einfach nicht will.

Und der Dottore Amore ist ja auch nicht immer daheim.

Aus therapeutischen Gründen hab ich mir deshalb einen Hund gekauft. Er heißt Dante, wie der italienische Dichter. Beim Schreiben liegt mein Hund auf meinen Füßen. Und ich red mit ihm, führe quasi Selbstgespräche, die mich in meiner Arbeit strukturieren. Draußen beim Spazierengehen ertappe ich mich dann, dass ich Dinge sage wie „Bitte Dante, erinnere mich dran, dass ich noch unbedingt den Vertrag ausdrucke.“ Da merk ich schon, dass die Leute mich anschauen und denken: „Wieder so eine Durchgeschossene“...

Wie kamen Sie auf die Idee von Rückwärtswalzer: illegal im Privatauto eine Leiche von Wien nach Montenegrotransportieren zu lassen?

Die Idee habe ich seit zehn Jahren im Kopf. Dazu gab es einmal eine Randnotiz im Standard, die hatte ich mir ausgeschnitten. Diese Story hat mich so wahnsinnig fasziniert, weil ich mich gefragt hab: „Ja, warum eigentlich nicht?“. Als ich begann, über Leichen zu recherchieren, fielen mir schnell die Widersprüche auf: Wir ziehen uns Serien wie CSI Miami mit all den Leichen rein. Wir sehen in Boulevardmedien und in den Sozialen Medien Fotos von Leichen. Aber gleichzeitig gibt es bei uns ein Tabu, wenn ein Mensch in unserem Umfeld stirbt. Niemand hat heute mehr offene Särge, viele Tote werden verbrannt. Die Auseinandersetzung mit Leichen findet gar nicht mehr statt. In so vielen Kulturen ist die Verbindung zum Tod und zum Leichnam ganz anders. Im alten Rom waren – analog zur Geburt – Frauen dafür zuständig, sich um den Leichnam zu kümmern. Als meine eigene Oma starb, wollte ich ihr die Haare machen, weil ich wusste, sie will das. Aber ich hatte da so einen Schranken. Erst konnte ich es gar nicht. In mir selbst diesen Widerspruch zu spüren, fand ich interessant.

Als Altphilologin hat es Ihnen sicher Freude gemacht, die vielen Bezüge aus der antiken Literatur zum Thema Tod einzubauen.

Eigentlich wollt ich es vermeiden. Ich habe gedacht, Rückwärtswalzer wird ein Buch ohne Antike. Und eigentlich wollt ich etwas Dünneres schreiben. Aber was soll ich machen. Ich kann mich als Autorin nicht neu erfinden, und nicht verhindern, welche Assoziationen mir kommen. Ich bin eine von den Autorinnen, die ihre Themen haben. Bei mir sind es eben Familie, Zusammenleben, Geschichte, Antike. Es wäre nicht gut, diese Themen auszublenden.

Sind Sie jemand, der stets einen Plan B in der Tasche hast? Oder lassen Sie sich lieber vom Leben überraschen?

Ich habe den Zug verpasst, an der Uni zu bleiben. Plan B ist, nur Arztgattin zu sein – aber ich hab Plan A bis Z. Dazu gehört, mit meinem Mann in die Schweiz zu gehen und dort eine Gastronomie „Zum vertriebenen Habsburger“ aufzumachen. Oder eine Friseurlehre oder den Weingarten meiner Eltern auszubauen. Und ich kann immer noch Lehrerin werden. Im Nachhinein war ich jahrelang damit überfordert, dass mein großer Wunsch, Schriftstellerin zu werden, in Erfüllung gegangen ist. Es war mein surrealer Wunsch, aber nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich, die kleine Vea Kaiser aus einem Mini-Fuzzi-Dorf, das werden könnte. Ich dachte, Schriftsteller müssten Menschen mit besonderem Schicksal und einem krassen Leben sein. Aber keine wie ich, die aus in Niederösterreich kommt und Altphilologie studiert. Dass mein Wunschtraum wahr wurde, war für mich mit 24 Jahren schon ein bisschen eine Herausforderung. Aber heute, sechs Jahre später, kann ich sagen: Ich hab wirklich großes Glück im Leben. Ich bin von den Göttern geküsst.

 

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