Vatersein mit Borderline: "Lorenz merkt, dass es mir schlecht geht, bevor ich es selbst erkenne"

Psychische Erkrankungen überfallen einen genauso wie körperliche. Niemand ist schuld. Trotzdem sind die Schuldgefühle betroffener Eltern meist groß.

Vatersein mit Borderline

Morgen ist für Simon ein besonderer Tag. Deshalb steht er jetzt im Badezimmer, pflegt seinen Bart und streicht Nagellack auf seine kurzen Nägel. Wenn das glitzernde Blau Farbe in seine Welt bringt, geht es Simon besser – dass es ihm morgen gut geht, ist wichtig. Morgen kommt sein Sohn zu Besuch. Simon hat seit vielen Jahren schwere depressive Episoden. Weil er sich in einer solchen Phase schon einmal selbst verletzt hat, diagnostizierte sein Arzt bei ihm auch Borderline, eine Persönlichkeitsstörung, die Impulsivität, Stimmungsschwankungen und Ängste hervorruft.

Auf und ab

Simon hat schlechtere und bessere Tage. An schlechten Tagen schafft er es gerade mal aus dem Bett, isst einen Happen und landet dann auf der Couch. Er betäubt sich mit Serien und So­cial Media und wartet, dass der Tag vorübergeht. Nach den schlechten Phasen überkommt Simon oft die Manie: Er schrubbt die Böden, liest alle Bücher, die zuvor liegen geblieben sind, und macht Ausflüge. Er steht so lange unter Strom, bis ihn die Erschöpfung auf die Couch zurückholt. Um gegen seine Erkrankung anzukämpfen, geht Simon zum Psychiater. Auf einen Krankenkassenplatz für Psychotherapie wartet er schon lange, obwohl seine Depressionen so schwerwiegend sind, dass er seit drei Jahren im Krankenstand ist.

"Ich erfülle meine eigenen Erwartungen als Vater nicht"

Simons Sohn Lorenz * kam vor fünf Jahren zur Welt. Weil Simons Erkrankung die Beziehung belastete, ließen sich die Eltern drei Jahre später scheiden. Nun lebt Lorenz bei seiner Mutter und besucht Simon an den Wochenenden, manchmal auch unter der Woche. Auf die Besuche seines Sohns freut Simon sich immer sehr und denkt sich gerne ein besonderes Vater-Sohn-Programm aus. "Lorenz ist der krasseste empathische Sensor", erzählt Simon. "Er merkt schon, dass es mir schlecht geht, bevor ich es selbst erkenne." Dann versucht der Sohn, seinen Vater vor den Löchern zu warnen, in die der große Mann zu fallen droht. Das muss schwer für ihn sein, ist Simon sich sicher: "Ich erfülle meine eigenen Erwartungen als Vater nicht."

Mittlerweile hat Simon gelernt, seine Gefühle rascher selbst zu erkennen. Wenn es ihm an einem von Lorenz’ Besuchstagen schlecht geht, muss er das vereinbarte Programm absagen, um stattdessen ruhig gemeinsam zu Hause zu bleiben. Damit Lorenz das versteht, haben seine Eltern ihm erklärt, dass der Kopf seines Vaters krank ist. Schlechte Tage nennen sie Motzkuh-Tage, und die darf auch Lorenz haben. Es sind Rücksichtstage, an denen man versucht, schlechte Laune nicht persönlich zu nehmen und etwas zu machen, das Vater und Sohn gut tut, sagt Simon, lächelt und blickt auf seine blau glitzernden Nägel herab.

 

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