Vater von Vergewaltiger: Sechs Monate Gefängnis sind zu viel

Brock Allen Turner hat vergangenen Jänner eine bewusstlose Frau missbraucht. Nun wurde er verurteilt: Zu sechs Monaten anstatt bis zu 14 Jahren. Seinem Vater ist das zu viel für "20 Minuten Action".

Im Jänner 2015 wurde die 23-jährige Emily Doe (deren echter Name nicht öffentlich ist) vom 20-jährigen ehemaligen Stanford-Studenten Brock Turner hinter einer Mülltonne missbraucht. Die Frau war bewusstlos, als zwei Radfahrer sahen, wie Turner auf ihr lag. Nachdem die Radler ihm zuschrieen, was er da tat, versuchte er, davonzurennen.

Eine bewusstlose Frau kann nicht zustimmen

Ein gutes Jahr später ist Turner sich sicher, dass sie eingewilligt hatte, dass sie es wollte. Er habe gefragt, ob sie tanzen wolle. Ja. Er habe gefragt, ob sie mit ihm auf sein Zimmer gehen wolle. Ja. Er habe gefragt, ob er sie fingern dürfe. Ja. Das behauptet Turner jedenfalls.

Selbst wenn das alles stimmen sollte: Eine bewusstlose Frau kann nicht zustimmen. Wenn sie hinter der Mülltonne bei Bewusstsein war, warum wollte er davon laufen? Warum hat er die beiden Zeugen nicht darauf hingewiesen, dass sie die Frau auch selbst fragen könnten, wenn seine Aussage ihnen nicht genügte?

Persönliches Statement des Opfers

Vor seiner Verurteilung hat Emily Doe ihr sehr persönliches Statement verlesen. Auf 12 Seiten spricht sie Turner direkt an und beschreibt ihre Sicht der Dinge. Sie beschreibt, woran sie sich erinnern kann. Wie sie mit ihrer kleinen Schwester auf eine Party gegangen ist, zu schnell getrunken hat, und als Nächstes, wie sie mit Blut und Verbänden am Körper auf einer Liege aufgewacht ist.

Sie konnte sich an nichts erinnern, erst das Krankenhauspersonal sagte ihr, dass sie missbraucht wurde. Nach stundenlangen Untersuchungen konnte sie sich duschen und in neuer Kleidung - ihre eigene musste sie als Beweismittel zurücklassen - nach Hause gehen. In ihrem Statement erklärt sie, woran sie sich erinnern kann, wie sie sich dabei fühlt, wie sie sich den weiteren Verlauf der Verhandlungen vorgestellt hatte. Das ganze Statement können Sie hier auf Englisch lesen.

Gefängnis hätte schlechten Einfluss auf Turners Leben

Am 2. Juni 2016 wurde Brock Turner zu sechs Monaten Bezirksgefängnis, sowie drei Jahren auf Bewährung verurteilt, anstatt zu sechs - wie die Anklage es wollte - oder gar 14 Jahren Höchststrafe in einem Staatsgefängnis. Bei guter Führung ist er bereits nach drei Monaten wieder auf freiem Fuß.

Eine längere Haftstrafe, so argumentiert Richter Aaron Persky, würde Turners weiteres Leben schwerwiegend beeinflussen. Außerdem sei Turner jung und habe sich noch nie etwas zu schulden kommen lassen.

Vergiftete Leben der Beteiligten

Die Tatsache, dass Turner, der im Stanford-Schwimmteam war, nun keine Karriere als Profisportler aufbauen können wird, soll das Urteil ebenfalls beeinflusst haben. Ein Problem, das Richter Persky, der selbst Stanford-Alumni und Uni-Sportler war, wohl ohne weiteres nachvollziehen kann.

Das kritisierte insbesondere Michele Dauber, Jus-Professorin in Stanford und Freundin der Familie des Opfers, in einem Interview mit NBC News: "Der Richter musste sich ein Bein ausreißen um es diesem jungen Mann recht zu machen. [...] Ich denke, er wurde davon überzeugt, dass der junge Mann einen Hintergrund als Elitesportler hat."

Turners Tat habe zwar die Leben der Beteiligten "vergiftet", doch zweifelte Richter Persky während der Urteilsverkündung an, dass eine Gefangenschaft "das richtigege Gegengift" sei.

Missbrauch war für Turner nur 20 Minuten Action

Nicht nur Persky, sondern auch Dan Turner, Vater des Täters, und Leslie Rasmussen, eine Freundin Turners, haben sich gegen eine härtere Strafe ausgesprochen. Dan Turners Statement wurde über die Twitter-Seite Daubers bekannt:

"Er wird nie wieder sein sorgloses Selbst sein, mit dieser umgänglichen Persönlichkeit und dem herzlichen Lächeln. [...] Sein Leben wird nie das sein, wovon er geträumt und wofür er so hart gearbeitet hat. Das ist ein hoher Preis der er für 20 Minuten Action in seinen 20+ Lebensjahren bezahlen muss. [...] Brock kann viel Positives ur Gesellschaft beitragen und ist will mit absoluter Hingabe andere Studierende über die Gefahren, die mit Alkoholkonsum und sexueller Promiskuitivät einhergehen, aufklären. Wenn Leute wie Brock andere aufklären, kann der Kreis aus Komasaufen und seinen unglücklichen Folgen, gebrochen werden."

Rasmussen: Vergewaltigungen am College sind keine Vergewaltigungen.

Nicht weniger problematisch ist der verteidigende Brief, den Leslie Rasmussen, eine Freundin Turners, an Persky geschrieben hat. Das vollständige Statement liegt The Cut vor, die WIENERIN hat Ausschnitte davon übersetzt:

"Ich denke, er ist auf eine Party gegangen und hat getrunken, wie fast jedeR andere StudentIn es tut, und hat mit diesem Mädchen geflirtet, wie er gesagt hat. Die Frau erinnert sich, wie viel Alkohol sie getrunken hat. [...] Ich bin mir sicher, sie und Brock haben geflirtet und beschlossen, zusammen zu gehen. [...] Es braucht keinen RaketenwissenschaftlerIn, um zu wissen, das Alkohol Emotionen und Gefühle verstärkt. Ich denke, das ist alles ein riesiges Missverständnis. [...]

Brock ist keineswegs ein Monster, und ich kenne ihn schon viel länger als alle Leute, die in diesen Fall involviert sind. Ich denke, es ist unfair, sein Schicksal über die nächsten 10+ Jahre von einem Mädchen abhängig zu machen, die sich an nichts mehr erinnern kann, außer daran, wie viel sie getrunken hat. [...] Wo hören wir auf, ständig politisch korrekt zu sein, und sehen ein, dass Vergewaltigung an Universitäten nicht immer passiert, weil Leute VergewaltigerInnen sind. [...] Ich habe es so satt, zu hören, dass diese jungen Männer Monster sind [...] Das sind keine Vergewaltiger. Das sind idiotische Jungs und Mädchen, die zu viel getrunken haben und nicht mehr klar denken können."

Rape Culture, was soll das sein?

Falls jemand noch nicht wusste, was Rape Culture, Vergewaltigungskultur, bedeutet: Genau das. Die Alltäglichkeit von sexuellen Übergriffen. Das Rechtfertigen von Vergewaltigung. Die Verhamlosung von Mißbrauch. Eine Vergewaltigung ist nicht weniger schlimm, wenn die Beteiligten betrunken waren, eine Vergewaltigung ist nicht weniger schlimm, wenn sie am College stattfindet und eine Vergewaltigung ist auch nicht weniger schlimm, wenn die TäterInnen "eigentlich" freundlich und respektvoll sind. Rape Culture ist, wenn das Opfer hunderte Beweise liefern sollte, aber es reicht, wenn der/die TäterIn sagt: "Ich war es nicht."

Emily Doe bekam das zu spüren:

"Mir wurde nicht nur gesagt, dass ich missbraucht wurde, mir wurde gesagt, dass ich - weil ich mich nicht erinnern konnte - nicht beweisen könne, dass es ungewollt war. [...] Der sexuelle Missbrauch war so eindeutig, doch hier war ich bei der Verhandlung, Fragen wie diese beantwortend: Wie alt sind Sie? Wie viel wiegen Sie? Was haben Sie gegessen? [...] War Ihr Handy lautlos, als Ihre Schwester anrief? Können Sie sich erinnern, es leise geschalten zu haben? Ach ja? Weil auf Seite 53 haben Sie gesagt, dass es auf laut geschaltet war. [...] Ist es ernst mit Ihrem Freund? Sind Sie mit ihm sexuell aktiv? Wie lange gehen Sie schon mit ihm aus? Würden Sie je betrügen? [...] Erinnern Sie sich an noch etwas aus dieser Nacht? Nein? In Ordnung, dann lassen wir Brock die Lücken füllen."

Nicht Alkohol hat sie missbraucht

"Du hast gesagt, du etablierst ein Programm für High School-SchülerInnen und Studierende, in dem du von deiner Erfahrung erzählst, um dich gegen 'die Trinkkultur am Campus und die damit einhergehende sexuelle Promiskuitivität' einsetzt.

Sich gegen die Trinkkultur am Campus einsetzen. Ist es das, wogegen wir uns hier einsetzen? Denkst du, das ist es, wogegen ich das letzte Jahr gekämpft habe? Nicht mehr Bewusstsein für sexuelle Belästigung am Campus, oder Vergewaltigung, oder das Erkennen von Zustimmung. Die Trinkkultur am Campus. Nieder mit Jack Daniels. [...] Du weißt schon, dass es einen Unterschied macht, ob man ein Alkoholproblem hat, oder Alkohol trinkt und dann versucht, gewaltsam Sex mit jemandem zu haben? Zeigt Männern, wie man Frauen respektiert, nicht wie sie weniger trinken."

Das Statement von Emily Doe ist ein Weckruf für alle, die denken, dass Vergewaltigung kein gesellschaftliches Problem ist. Hier ist nicht jemandem im Rausch ein Missgeschick passiert. Hier ist jemand in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der das "Nein" einer Frau als "Ja" gedeutet wird, in der Männern ein schier unaufhaltsamer Sexualtrieb zugeschrieben wird, in der das Opfer immer irgendwie auch selbst schuld ist.

 

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