Unterweger über fehlende Diversität im ORF, Alltagsrassismus und Identität

"Rassismus und das Fremdmachen von Menschen ist eine Konstante und wird auch nie verschwinden", so ORF-Moderatorin Unterweger. Wir trafen die Journalistin anlässlich der Erscheinung ihres Buches "Talking Back –Strategien Schwarzer Geschichtsschreibung" zum WIENERIN-Gespräch.

30 Jahre Wienerin - 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 starken Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Gespräch: Moderatorin Claudia Unterweger.

Neben Arabella Kiesbauer war Claudia Unterweger eine der wenigen schwarzen Frauen im österreichischen Fernsehen. Anfang des Jahres kehrte sie zum Hörfunk zurück und ist nun wieder bei Radio FM4 als Moderatorin tätig.

Wir sprachen mit der 44-Jährigen über fehlende Diversität im ORF, Alltagsrassismus in Wien und Schwarze Identität in Österreich.

Frau Unterweger, viele Menschen kennen Sie ja aus Ihrer Zeit als ORF-TV-Moderatorin. Würden Sie sagen, die österreichische Medienlandschaft hat in den letzten Jahren an Diversität gewonnen?

Claudia Unterweger: Ich bin zwar immer noch Moderatorin beim ORF (Anm.: Radio FM4), aber damit bin ich natürlich nicht mehr so sichtbar, wie ich es vorher war. Dessen bin ich mir bewusst und viele Menschen sprechen mich auch darauf an. Dass sich so viele danach erkundigen, warum sie mich nicht mehr sehen, hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, unterschiedlichste Menschen in den Medien als sprechende Subjekte sichtbar zu machen. Die Diversität in den österreichischen Medien ist, naja… von einer ausreichenden Repräsentation noch Lichtjahre entfernt. Ich finde, dass gerade bei einem marktbeherrschenden und öffentlich-rechtlichen Unternehmen wie dem ORF, bei dem es gesetzlich festgeschrieben ist, dass die Bevölkerung zu repräsentieren ist, die Anstrengungen viel größer sein müssten. Und man müsste gezielt versuchen, unterschiedlichste junge Leute ins Unternehmen hereinzuholen. Einfach zu sitzen und zu warten ist nicht genug. Es gibt genug engagierte junge Menschen aus migrantischen Elternhäusern. Es wäre wichtig, diese Leute sichtbar zu machen. Das war auch für mich als Jugendliche wichtig.

Arabella Kiesbauer war ja einer der Gründe, warum Sie Moderatorin wurden…?

Ja das war ein Schlüsselmoment. Als ich sie das erste Mal am Schirm gesehen habe, wurde mir bewusst: Oh, eine schwarze Frau kann so etwas erreichen! Das war für mich davor in Österreich immer undenkbar. Und genau so geht es vielen jungen Menschen heute, wenn sie jemanden wie mich oder Eser Ari-Akbaba im TV sehen. Als Identifikationsfigur kann das sehr ermächtigend sein.

Kürzlich kam Ihr Buch „Talking Back –Strategien Schwarzer Geschichtsschreibung“ heraus. Warum gerade dieses Thema?

Das Buch war ursprünglich meine Diplomarbeit. Für mich hat sich mit dieser Diplomarbeit ein Bogen geschlossen, weil ich schon Jahre zuvor auch aktivistisch in einer Gruppe von jungen schwarzen Menschen in diesem Bereich tätig war. Wir haben damals versucht, die Geschichte schwarzer Menschen in Österreich neu zu beleuchten. Nun hat mich ein Verlag darauf angesprochen und mich gefragt ob ich meine Uni-Abschlussarbeit als Buch herausbringen will.

Viel Literatur gibt es auf diesem Gebiet ja noch nicht in Österreich, oder?

Es gibt sehr wohl auch in Österreich einige Arbeiten dazu von schwarzen Forscherinnen. Die bekommen aber kaum die Beachtung, die sie verdienen. Andererseits forschen auch vereinzelt weiße Professoren zu Schwarzer Geschichte, aber nicht kritisch genug, wie ich finde. Da wird häufig – recht paternalistisch - eine vermeintliche Toleranz der österreichischen Gesellschaft gegenüber afrikanischen Menschen betont. Die Gewaltgeschichte, wie und warum Schwarze in vergangenen Jahrhunderten nach Österreich kamen, wird jedoch heruntergespielt. Denn meistens wurden sie ja als Kinder aus Afrika hierher verschleppt und mussten als exotisch ausstaffierte "Luxusobjekte" für Adelige arbeiten.

Generell scheint man in Österreich mit Schwarzer Geschichte nicht immer sensibel umgegangen zu sein...?

Vielen erscheint zum Beispiel bis heute das Meinl-Logo als herzig und exotisch – wie es sich für einen ehemaligen Kolonialwarenhandel gehört. Aber, dass genau das mit Sklaverei verbunden war, ist vielen nicht bewusst. Das lernt man auch nicht in der Schule. Es war für uns AktivistInnen spannend zu erfahren, wie viele schwarze Menschen etwa zur Zeit Mozarts schon in Wien gelebt haben. Was sie erleben mussten ist furchtbar – aber wie sie gelebt und überlebt haben, ist beeindruckend. Das hat uns heute als schwarze Menschen gestärkt.


Können Sie eine konkrete Person nennen, die Ihnen aus Ihrer Recherche in Erinnerung blieb?

Zu der Zeit als ich an dem Projekt arbeitete, habe ich in der Wiener Löwengasse im 3. Bezirk gelebt. Bei den Recherchen bin ich draufgekommen, dass genau dort, ca. 250 Jahre vorher, eine Frau namens Josephine Soliman gelebt hat. Sie war die Tochter von Angelo Soliman, einer der wenigen bekannten schwarzen Persönlichkeiten Österreichs. Er hat am Hof als "exotischer Untertan" gearbeitet. Zu Lebzeiten hat er als angesehener Mann gegolten und gehörte derselben Freimaurerloge wie Mozart an. Dass es für schwarze Zeitgenossen eine andere Behandlung als für Weiße gab, wurde nach Solimans Tod deutlich. Da ordnete der Kaiser an, dass sein Körper ausgestopft und ausgestellt wird. Solimans Tochter hat jahrelang gegen den Willen mächtiger Kreise versucht, seinen Leichnam zurückzubekommen, um ihn zu bestatten. Sie war für die damalige Zeit sehr aktivistisch und hat für die Menschrechte ihres Vaters gekämpft. Und genau diese Frau ist in derselben Gasse aufgewachsen, in der ich damals gelebt habe. Das war ein Schlüsselmoment für mich. Das steht ja nirgendwo! Das hat mich als schwarze junge Frau damals sehr gestärkt. Gerade, wenn man in Wien als schwarzes Kind aufwächst, wird immer wieder die Frage gestellt: "Woher kommst du, wo gehörst du hin?".

Wurden Sie das oft gefragt?

Man wird einfach ständig fremd gemacht. Dabei gehörte ich auch nicht irgendwo anders hin als meine weißen Schulkolleginnen. In diesem Kontext ist es schon wichtig für sich selbst zu erkennen: "Hey, wir sind eigentlich schon lange da". Sprache ist auch ein wichtiger Aspekt. Ewig kommt dieselbe Frage: "Warum sprichst du so gut deutsch?". Deutschsein und Deutschsprechen wird immer mit Weißsein verknüpft oder der Tatsache, dass man „christlich-katholisch“ ist. Wenn man davon abweicht, wird man gleich als Person infrage gestellt.


Finden Sie, dass sich die Situation für schwarze Frauen in den letzten Jahren in Wien verbessert hat? Weg von der Exotisierung und dem Rassismus…?

Es ist schwer, das klar zu beantworten. Erst kürzlich bin ich mit dem Zug aus dem Burgenland nach Wien gefahren und von zwei Polizisten als einzige Person im gesamten Abteil kontrolliert worden. Als ich sie darauf angesprochen habe, haben sie nur gegrinst und waren peinlich berührt – gesagt haben sie nichts. Und meinen Ausweis musste ich trotzdem zeigen. Im Hinblick darauf, tue ich mir schon schwer eine Besserung festzustellen. Dieser Rassismus und das Fremdmachen von Menschen ist eine Konstante und die wird auch nie verschwinden.

Das sind ganz schön düstere Aussichten…

Rassistische Ausgrenzung verändert sich in der Form oder die Gruppen, die davon betroffen sind, aber es ist einfach ein Macht-Gefälle, das sich durch solche Aktionen ausdrückt. Die weiße Staatsmacht signalisiert der "nicht-weißen" Person: Du hast deine Anwesenheit zu rechtfertigen.

Gibt es in Österreich, Ihrer Meinung nach, mehr Rassismus als in anderen europäischen Ländern?

Je "normaler" es ist, dass schwarze und weiße Menschen im Alltag miteinander zu tun haben, desto entspannter wird der Umgang, glaube ich… Erst kürzlich war ich in einer Therme in der Steiermark und habe mir nach ein paar Minuten überlegt wieder zu gehen. Ich wurde ständig angeglotzt. Ich habe mir nicht vorstellen können, wie ich dort einen entspannten Nachmittag verbringen soll. Also so gesehen gibt es in Ländern wie Großbritannien oder Frankreich eine größere Normalität im Alltag miteinander. Das bedeutet aber nicht, dass es dort nicht auch Rassismus gibt. Zum Beispiel rassistische Polizeigewalt, die ist allerorts ja ein großes Problem. Von getöteten Asylwerbern in Österreich – ich erinnere mich an Marcus Omofuma oder Seibane Wague – bis hin zur aktuellen Serie an Todesfällen in Polizeigewahrsam in den USA. Es ist eine Besonderheit hier in Österreich ist, dass das N-Wort im Sprachgebrauch immer noch normal ist. Und dann heißt es dann immer „Ja ich hab es ja nicht böse gemeint“. Das sind Dinge, die in anderen Gegenden undenkbar wären.

In Ihrem Buch behandeln Sie auch immer wieder feministische Theorien. Wie hängen diese mit schwarzer Geschichte zusammen?

Also, es gibt ja auch schwarze Feministinnen! Ich habe mich in der Recherche auch viel mit schwarzen Theoretikerinnen beschäftigt und deren Blick auf die Welt. Also auch, um die Verquickung aus Rassismus und Sexismus besser verstehen zu können. Und ja, es ist nochmal ein Unterschied ob man als "schwarzer Mann" oder "schwarze Frau" wahrgenommen wird. Da schwingen unterschiedliche exotische, sexuelle Fantasien mit. Ich bin auch ein feministischer Mensch, deswegen hätte ich mir schwer getan, keine feministische Arbeit zu schreiben.

Das ist auch im Hinblick auf den Diskurs schwarzer feministischer Frauen, der gerade besonders in den USA stattfindet, sehr spannend.

Wenn in Österreich die Rede von Feminismus ist, dann geht es eigentlich immer nur um Frauen der Mehrheitsgesellschaft. Minderheiten werden in diesem Diskurs oft links liegen gelassen. Dann denke ich mir immer: "Ja eh, auch. Aber nicht nur!" Da gibt es zwar noch viele Baustellen, angefangen von der Lohnschere bis hin zu Gewalt gegen Frauen. Nur, gerade an Tagen wie dem Frauentag, wo fast nur darüber geredet wird, dass keine Frauen in Führungspositionen sitzen, würde ich mir wünschen, dass man sich ansieht, wie es beispielsweise muslimischen Frauen in Österreich geht. Dass man da auch feministisch denkt und sie direkt fragt "Wo seht ihr Probleme? Was braucht ihr an Unterstützung?". Da gibt es doch eigentlich viel mehr aufzuholen. Das wird dann gerne ausgeblendet. Weil das ist ja nicht Feminismus, sondern Rassismus oder Islamfeindlichkeit. Das wird dann schnell in eine andere Schublade gesteckt, aber das ist genauso ein Teil vom Feminismus. Wir müssen inklusiv denken!


Gerade in Österreich wird Inklusivität ja kaum diskutiert.

Es darf nicht sein, dass Mehrheitsangehörige sich auf Kosten von Migrantinnen emanzipieren. Wenn weiße Mittelstands-Österreicherinnen im Beruf vorankommen und dann zuhause eine türkische Frau den Dreck wegputzen darf... dann ist das eine schwierige Befreiung.

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