"Unsere Gestaltungsmöglichkeit darf nicht nur darin bestehen, was wir am Ende an der Kassa kaufen"

Bäuer*innen können vom Bio-Anbau kaum leben. Ihre Produkte sind für viele Konsument*innen trotzdem nicht leistbar. Ein Mitmach-Supermarkt in Wien will das ändern.

Bio Lebensmittel

Julianna Fehlinger hat drei Jahre lang einen Bio-Bauernhof in Oberösterreich geleitet. Heute ist sie Geschäftsführerin der Österreichischen Berg- und Kleinbäuer*innen Vereinigung und Teil von MILA (Mitmachsupermarkt). Der Verein will einen genossenschaftlich organisierten Supermarkt in Wien eröffnen. Für drei Stunden Mitarbeit im Monat sollen Mitglieder dort Bio-Lebensmittel günstig kaufen können. Damit soll nicht nur den Zugang zu gutem Essen, sondern auch die Lebensmittelproduktion gerechter werden.

WIENERIN: Noch nie hatten wir im Supermarkt so viel Auswahl: Auch Bio-Lebensmittel können wir inzwischen beim Discounter kaufen. Ist das ein Fortschritt?

Julianna Fehlinger: Jein. Einerseits ist es wichtig, dass alle Menschen gesunde Lebensmittel kaufen können. Wir sehen aber, dass es zu massiven Konventionalisierungseffekten kommt. Durch die niedrigen Preise sind die Bio-Bauer*innen gezwungen, immer mehr aus ihren Tieren und Böden herauszuholen und ökologische Grenzen auszureizen. Auch ist die Bio-Landwirtschaft nicht vor ‚Land Grabbing‘ gefeit. Unsere Partnerorganisationen in Rumänien berichten, dass viele der Großflächen, die von Investoren aus Österreich und Deutschland gekauft werden, bio bewirtschaftet werden. Das ist die Diskrepanz dabei: Das problematische System der konventionellen Landwirtschaft greift in den Bio-Landbau ein.

Anders ist bio für viele aber nicht leistbar.

Die Kritik, bio ist nur für jene da, die es sich leisten können, ist wichtig. Die Bio-Produkte der Discounter sind ja nicht schlecht: Sie werden nach Bio-Konventionen produziert, sie sind gesünder, weil sie beispielsweise keine Pestizide enthalten. Trotzdem werden sie innerhalb eines problematischen Systems hergestellt. Die Landwirtschaft steckt in einer gesellschaftlichen Zwickmühle: Viele verdienen zu wenig, um sich gute Lebensmittel leisten zu können. Gleichzeitig produzieren wir Lebensmittel unter den Herstellungskosten, sodass kaum ein Betrieb in der EU ohne Subventionen auskommt. Wir machen mit unserer Agrarpolitik eigentlich Sozialpolitik.

Die EU fördert landwirtschaftliche Betriebe mit mehreren hundert Milliarden Euro im Jahr. Trotzdem können sich viele gute Lebensmittel nicht leisten.

Wenn man bedenkt, dass rund 80 Prozent dieser Förderungen an nur 20 Prozent der Betriebe gehen, verwundert das nicht. Es kommt zu einer massiven Fehlsteuerung. Der größte Teil des Budgets wird pro Fläche ausgegeben egal was auf dieser Fläche an ökologisch problematischen Dingen passiert. Dagegen sind die Öko-Zahlungen in diesen Programmen unbedeutend. Sie bewirken kaum eine Umsteuerung.

Wenn man umsteuern will, müsste man danach fördern, wer sinnvolle Arbeitszeit in das System Landwirtschaft hineinsteckt und nicht einen Hektar steilen Berghang nahezu gleich bewerten wie einen Hektar tiefgründigen Ackerboden. Der Mehraufwand, den Bergbäuer*innen haben, wird nicht abgefangen. Auf der anderen Seite muss für die Umweltschäden, die durch konventionellen Anbau verursacht werden, niemand zahlen.

Zum Teil werden diese Milliarden auch ausgegeben, um mehr zu produzieren als wir im europäischen Kontext benötigen. Milch und Fleisch sind zwei wichtige Exportgüter der EU. Um sie in diesen Mengen zu produzieren, müssen wir aber Soja importieren. Es ist ein totales Durchlaufsystem.

Es heißt oft: Wir entscheiden uns mit unserem Einkauf an der Kassa, welche Landwirtschaft wir haben wollen. Welche Macht haben Konsument*innen?

Das würde vielleicht stimmen, wenn wir alle die gleichen Scheine in der Geldbörse hätten. Menschen kaufen aber mit unterschiedlichen Bedingungen ein. Zudem müssten wir wissen, was in einem Produkt an Arbeit und ökologischen Voraussetzungen steckt. Auch das beste Label kann das nicht nachvollziehbar machen. Gerade in Österreich ist es so, dass es in den drei größten Supermärkten nur noch handelseigene Bio-Ware gibt, alle anderen Labels haben es extrem schwer. Die Bäuer*innen haben damit keine Preisgestaltung. Und die Konsument*innen haben sie auch nicht: Wenn ich als Bürger*in nur wählen kann, wofür ich am Ende mein Geld ausgebe, ist mein Stimmrecht an das gekoppelt, was ich verdiene.

Wer bestimmt dann, was wir essen?

Es gibt einen sehr konzentrierten Markt: In Österreich gibt es drei Ketten, die den Einzelhandel dominieren. Aber auch bei den Zulieferern und in der Verarbeitung seien es Molkereien, Mühlen oder Fleischverarbeiter gibt es nur sehr wenige Akteure. Für Bäuer*innen ist das problematisch. Sie müssen an die Molkerei verkaufen, die am Hoftor vorbeifährt. Die zuliefernde Industrie, die Verarbeiter und der Einzelhandel haben es geschafft, eine so große Marktmacht aufzubauen, dass sie trotz niedriger Preise enorme Gewinne erzielen. Man hat diese Konzerne so groß werden lassen, dass sie nicht mehr scheitern dürfen. Dazu braucht es Gegenmodelle.

Wie könnte das ausschauen?

Wir brauchen eine Demokratisierung der Lebensmittelproduktion. Unsere Gestaltungsmöglichkeit darf nicht nur darin bestehen, was wir am Ende an der Kassa kaufen. Sie muss bei der Produktion der Lebensmittel ansetzen. Wir müssen diese Prozesse mitgestalten können.

In diesem Kontext entstand in Lateinamerika die Idee der Ernährungssouveränität.

Genau. Ernährungssouveränität muss Dreh- und Angelpunkt der Produktion werden. In Lateinamerika wurde viele Länder zu ‚Bananenrepubliken‘ gemacht. Das heißt: Sie sollten nur noch auf bestimmte Exportgüter hin produzieren. Zuvor gab es dort kleinbäuerliche Landwirtschaften, nach und nach wurde aber auf Lebensmittel gesetzt, die man gut exportieren kann: Bananen, Erdnüssen, Mais, Soja. Die ganze Landwirtschaft hat sich darauf ausgerichtet und nicht mehr danach, wie sie die lokale Bevölkerung mit guten Lebensmitteln ernähren kann. Genau das fordert aber Ernährungssouveränität: Es muss das oberste Ziel sein, gute Lebensmittel für die Bevölkerung herzustellen und zwar so, dass wir es auch in 200 Jahren noch können.

Wenn ich ausschließlich Mais anbaue, mit einem sehr hohen Pestizideinsatz, führt das zu Problemen. Für die Bevölkerung bedeutet es eine hohe Gesundheitsbelastung. Es ist aber auch eine sehr kurzfristige Strategie, weil der Boden irgendwann ausgebeutet sein wird. Ernährungssouveränität bedeutet, es anders zu machen und lokale Gemeinschaften, sei es das Dorf oder die Region, miteinzubeziehen.

Wie könnte das in der Praxis funktionieren?

Zwischen Bäuer*innen und Konsument*innen steht heute die Verarbeitung und der Lebensmitteleinzelhandel. Das ist wie eine gläserne Wand, durch die man nicht durchkommt. Viele Initiativen setzen hier an. Sie versuchen diesen Kontakt direkter herzustellen. Wenn ich meine Lebensmittel am Bauernmarkt kaufe, kann ich ein Vertrauensverhältnis zu den Bäuer*innen aufbauen, die sie produziert haben. Ich kann nachfragen: Wie bewirtschaftest du? Mit welchen Herausforderungen hast du zu kämpfen? Auch Food-Coops kaufen direkt bei Bäuer*innen ein und schauen sich auf ‚Speisereisen‘ an, wie sie arbeiten. Auf diese Weise bekommt man einen anderen Bezug zu den Lebensmitteln. Auch mit MILA wollen wir diesen Kontakt herstellen und darüber hinaus jede*m Zugang zu guten Lebensmitteln ermöglichen.

Im Mitmach-Supermarkt soll jede*r drei Stunden im Monat mitarbeiten dafür wird es Bio-Lebensmittel günstiger geben. Ihr wollt aber auch konventionelle und Discounter-Ware anbieten. Warum?

Wir wollen nicht sagen: Das sind die guten und richtigen Lebensmittel. Es soll ein breites Sortiment geben, so wie in herkömmlichen Supermärkten. Das heißt: Die Nudelpackung aus konventioneller Herstellung darf im Regal neben den Bio-Nudeln liegen. Wir wollen eine öffentliche Bibliothek sein nicht ein Club von Leuten, die nur Goethe lesen; es darf auch Asterix oder Karl May sein. Wenn wir Lebensmittel im Vorhinein ausschließen, würden wir damit auch Menschen ausschließen. Es geht nicht darum, dass der Einzelne zu 100 Prozent besser einkauft. Am Ende soll das, was alle in ihrem Einkaufswagen haben, tendenziell ökologischer, regionaler und fair gegenüber den Produzent*innen sein.

Wie werdet ihr entscheiden, was in eure Regale kommt?

Es wird ein Wunschbuch geben, in das jede*r notieren kann, was er/sie gerne hätte – und diese Produkte werden wir dann anbieten. Es soll auch jede*rVeranstaltungen einberufen können, um zu erzählen, warum ein Produkt gekauft werden soll. Wir werden uns aber anschauen müssen, wie gut sich diese Produkte wirklich verkaufen.
Wenn es nur drei Leute kaufen, ist das zu wenig. Das zeigt, was wir mit Demokratisierung meinen: Man muss sich Regeln überlegen, die alle miteinschließen und auf Überzeugung statt Druck setzen.

In Paris und New York versorgen kooperative Supermärkte ihre Mitglieder seit einigen Jahren erfolgreich. Nicht jede*r wird aber in so einem Supermarkt mitarbeiten können oder wollen. Können kleine Initiativen überhaupt eine systematische Lösung für Ernährungsgerechtigkeit sein?

Ich denke: Ja. Wir werden damit nicht die gesamten Probleme der Lebensmittelindustrie lösen. Aber wir sind Inseln, auf denen man ausprobieren kann, wie es anders gehen könnte. Was MILA macht, können auch viele andere machen. Es heißt aber nicht, dass es alle gleich machen müssen. In anderen Regionen muss die Lösung vielleicht eine andere sein. Wir wollen eine Vielfalt an Möglichkeiten aufzeigen.

Das Konzept der Ernährungssouveränität spießt sich mit unseren Konsumgewohnheiten. Eine ausschließlich regional verankerte Landwirtschaft würde für uns bedeuten: keine Bananen, keinen Kaffee.

Es geht nicht darum, ausschließlich regionale Produkte zu kaufen, sondern um die Priorität des Regionalen. Wir sollten schauen, wie wir das, was in der Region vorhanden ist, gut nutzen. Regionalität hört nicht bei Nationalgrenzen auf. Wir werden bei MILA tschechisches Bier anbieten, weil das regional ist. Auf jeden Fall aber auch Kaffee.

Das globale Problem besteht nicht darin, dass wir Kaffee oder Bananen auf Schiffen nach Europa bringen. Problematisch ist der Import von großen Massen an landwirtschaftlichen Produkten und vor allem importierten Futtermitteln. Ernährungssouveränität bedeutet auch globale Solidarität. Es ist die Frage: Welche Transportwege gibt es, damit woanders Wertschöpfung entsteht? Zum Beispiel in der Kakao-Produktion: Die Bohnen werden von Nicaragua nach Europa exportiert und hier verarbeitet, während man in Nicaragua fast keine Schokolade kaufen kann.

Auch die Ergebnisse einer Studie der Humboldt-Universität und der Princeton University könnten die Idee der Lebensmittelgerechtigkeit herausfordern. Bio-Anbau, so heißt es in der Studie, sei aufgrund des höheren Flächenverbrauchs schädlicher für das Klima als die konventionelle Landwirtschaft. Lässt sich bio für alle überhaupt produzieren?

Es gibt dazu eine Studie des Instituts für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), einer der Professoren ist auch Teil des Weltklimarats (IPCC). Sie besagt: Bio ist global möglich wir müssten aber andere Dinge essen. Wenn alle so viel Fleisch konsumieren, wie wir das in Österreich tun, geht sich das nicht aus. Es stimmt, dass die biologische Landwirtschaft pro Hektar weniger produziert. Sieht man sich aber das Verhältnis von Input also Pestizide, Düngemittel, Maschineneinsatz und Output an, dann ist der biologische Anbau Großteils effektiver als der konventionelle. Die konventionelle Landwirtschaft kann mit einem sehr hohen Input und wenig Arbeit viel produzieren. Eine agrar-ökologische Landwirtschaft produziert hingegen mit viel menschlicher Arbeit, aber ganz wenigen Inputs genügend, um die Welt zu ernähren.

Es kommt also darauf an, was wir miteinander vergleichen. Wenn wie nur den Ertrag auf zwei Hektar vergleichen, und nicht, was an Düngemittel oder Pestiziden in diese Hektar geflossen ist, dann steigt der konventionelle Anbau besser aus. Synthetische Düngemittel zu produzieren braucht aber enorm viel fossile Energie. Wenn ich den Dünger auf den Acker bringe, entsteht zudem zusätzlich Lachgas. Das sind alles Dinge, die bei solchen Kalkulationen nicht einberechnet werden.

Derzeit wird eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) verhandelt. Förderungen sollen in Zukunft auch an ökologische Aspekte geknüpft werden. Wie bewerten Sie das Abkommen?

Politiker*innen versuchen es als Systemwechsel zu verkaufen, aber es bleibt alles wie davor. Bei manchen Dingen gibt es sogar Rückschritte.

Welche sind das?

Besonders unverständlich sind die massiven Kürzungen für den Bio-Landbau. Hellgrüne Umweltleistungen, die Höfe sowieso machen, werden höher subventioniert. Gleichzeitig aber werden die Förderungen für Bio-Höfe, die viel mehr zum Umweltschutz beitragen, gekürzt. Das ist sehr enttäuschend, weil die Kommission im Frühjahr die Farm-to-Fork-Strategie und die Bio-Diversitäts-Strategie vorgelegt hat. Dort standen große Ziele drin: Es ging um die Anhebung des Bio-Anteils in der gesamten EU auf 25 Prozent, eine massive Pestizidreduktion, eine massive Reduktion von synthetischen Düngemitteln.

Was derzeit verhandelt wird, bildet nichts davon ab. Im Gegenteil: Durch die Kürzungen wird nun festgeschrieben, dass man diesen Green-Deal ignoriert. Wann aber soll das passieren? Mit dieser Reform wird die Agrarpolitik für die nächsten sieben Jahre festgelegt. Wir wissen, dass uns die Klimakrise schon überholt hat und wir alles mobilisieren müssen, um die Pariser Klimaziele einzuhalten. Mit dieser Agrarpolitik sind wir dabei, die Klimakrise weiter zu verschärfen. Das macht mich fassungslos.

Auch für Frauenanliegen sei das Papier eine vergebene Chance.

Gleichstellung in der Landwirtschaft ist wichtig, damit Frauen am Land gute Arbeitsplätze finden. Sie ist aber auch wichtig, wenn es darum geht, einen Richtungswechsel einzuschlagen. Es sind sehr oft Frauen, die eine Ökologisierung vorantreiben, die auf Direktvermarktung setzen und kleinstrukturierte Betriebe führen. Das Europäische Parlament hat Gleichstellung als übergeordnetes Ziel in die GAP reinverhandelt. Wir befürchten aber, dass sie nicht umgesetzt wird.

Warum?

Bei den Investitionsförderungen sehen wir, dass der Großteil von Betrieben abgeholt wird, die von Männern geführt werden. Das liegt an der Struktur der Förderung. Sie ist auf Betriebe ausgerichtet, die eine Wachstumsstrategie verfolgen, also immer größer und industrieller werden wollen. Das ist aber meistens nicht die Strategie, die Frauen in der Landwirtschaft verfolgen. Hier gibt es keine Debatte darüber, wie man Gendermainstreaming einhängen kann. Die Umsetzung der Gleichstellungsziele hört nach der Einführung von Quoten für Gremien auf. Es ist wichtig, diese Quoten festzusetzen. Aber allein reicht das nicht.

Was würde es brauchen?

Wir schlagen eine Kleinst-Förderung vor, sodass auch Investitionen bis 15.000 Euro gefördert werden können. Frauen am Land kostet es enorme Überwindung, eigene Projekte zu entwickeln. Viele machen stattdessen, was von ihnen gewünscht wird. Es ist aber enorm wichtig, dass Frauen in den Betrieben eine gewisse Eigenständigkeit haben und mitentscheiden können, wohin es mit dem Betrieb geht.

 

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