Ungeschützte "Schutzbefohlene"

Es ist Mitten in Wien. In Österreich. Da findet eine Theateraufführung mit Flüchtlingen statt - und wird von Identitären gestürmt. Was das auslöst? Viel Wut und Unverständnis - und hoffentlich eine neue Welle der Solidarität.

Les ich richtig?

Ich hatte mit dem Gedanken gespielt gehabt, mir die gestrige Aufführung von "Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene" im Audimax anzuschauen. Ich kenne einen Flüchtling, der zu den Künstlern gehört. Ging sich aber nicht aus - und dann les ich plötzlich, dass die Aufführung von Mitgliedern der "Identitären Bewegung" gestürmt und gestört wurde. Und finde das einfach unfassbar. Will einfach nicht wahrhaben, dass das mitten in Österreich, mitten in Wien, mitten in einer Theateraufführung, in der ich fast gesessen wäre, möglich ist. Es muss ja nicht jeder gleich den Helfer in sich entdecken, aber die Leute vielleicht einfach in Ruhe lassen, geht das bitte?

Ich schäme mich fremd!

Mir war es heute ein irrsinniges Bedürfnis, meinem Bekannten, der mitperformt hat, zu schreiben. Er ist übrigens einer, der in einer der großen Unterkünfte lebt, superehrgeizig Deutsch strebert und über die Kunst versucht, Anschluss zu finden.

Ich hab mich bei ihm entschuldigt - stellvertretend, denn ich schäme mich zutiefst fremd. Dass der Hass lauter zu werden scheint als die Solidarität. Das macht mich wirklich traurig. Es gehe ihm gut, es sei ihm nichts passiert, schreibt er mir. Und er dankt für die viele Sympathie, die er seitdem wahrnimmt und die ihm entgegengebracht wird.

Schlägt das Pendel jetzt bitte wieder in die andere Richtung aus?

Okay, seine Reaktion beruhigt mich ein ganz klitzekleines bisschen und zumindest für den Moment. Dann seh ich, was sich auf Facebook alles tut und auch da schöpf ich einen Funken Hoffnung - einmal abgesehen davon, dass sich die "Identitäre Bewegung Österreich" auf ihrer Seite feiert, so dass ich einfach nur schnell wieder wegklicken muss. Insgesamt hab ich aber den Eindruck, dass dieser Zwischenfall gestern eine neue Welle der Empörung ausgelöst haben könnte. Eine neue Welle der Solidarität. Vielleicht werden die jetzt wieder ein bisschen lauter, die für schlichte Menschlichkeit eintreten. Das will ich jetzt einfach einmal hoffen und daran will ich gerne glauben. Bitte.

 

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