Unendliche Weiten

Dass Gruppenreisen durch Namibia ihre Risiken und Nebenwirkungen haben, ist im Bestseller Hummeldumm nachzulesen. Wenn Sie wissen möchten, wie Sie das Land richtig „einnehmen“, fragen Sie bitte Ihre WIENERIN. Denn die war auf Selbstfahrertour im noch weitgehend unentdeckten Süden.

Für gewöhnlich lese ich ja keine Reiseliteratur. Ich entdecke die Welt lieber selbst, als sie mir durch die Augen anderer anzuschauen. Dabei reißt man sich nämlich nur Vorurteile auf - und noch dazu sind es dann nicht mal die eigenen. Nun stand aber auf Tommy Jauds Bestseller Hummeldumm blöderweise „Das Roman" drauf. Und so war ich schon mittendrin in der Story, als mir klar wurde, dass es darin um Namibia ging und es sich noch dazu um alles andere als ein fiktives Werk handelte. Der Typ ist wirklich im Südwesten Afrikas gewesen. Und zwar auch dort, wo ich bald sein würde: bei den streichelzahmen Geparden von C. B. Nolte auf der Gariganus-Farm zum Beispiel, im zum „National Monument" deklarierten Köcherbaumwald, der im Sonnenlicht glänzt, als wäre er aus Gold, und am bis zu 550 Meter tiefen Fish River Canyon.

Kuckuck. Nun muss Jaud das Land ja schon irgendwie gemocht haben, sonst hätte er ihm nicht 303 Seiten gewidmet. Das Problem: Er verbirgt das verdammt gut. Seinen Protagonisten Matze Klein lässt er jedenfalls schon auf Seite 11 „Es waren die schlimmsten zwei Wochen meines Lebens" jammern. Und tatsächlich durchlebt er in der Folge einen (immerhin sehr amüsanten) Höllentrip zwischen Feldbett und Funkloch. Ich machte mich also auf etwas gefasst ...
Um es gleich vorwegzunehmen: Dass die Air Namibia bei der Landung in der Hauptstadt Windhoek Kuckucksrufe und Jodelmusik einspielte - wohl als Reminiszenz an die Zeit, als man noch Deutsch-Südwestafrika sagte -, ein Rentnerbataillon Beifall klatschte und die frühmorgendlichen 5 °C des namibischen Winters nach einer Daunenjacke verlangten, konnten nicht verhindern, dass die folgenden zwei Wochen die schönsten meines Lebens wurden ...

Nicht klein(lich) sein. Schon kurz hinter der Hauptstadt ist mir klar: Matze Klein ist ein Idiot. Er hat einfach so ziemlich alles falsch gemacht - vom vergessenen Adapter (den man unbedingt vor Ort im Supermarkt erstehen sollte, wenn man handyfonieren will, was bei einer Einwohnerdichte von 2,4 pro Quadratkilometer und einer Reifenpanne wichtig werden kann) bis zur Buchung einer All-inclusive-Gruppenreise im Kleinbus. So was soll man halt nicht machen.
Stattdessen nimmt man sich Zeit und einen Mietwagen. Und bricht zu einer Selbstfahrertour in den noch wenig entdeckten Süden auf. Dann müssen Springbock, Oryx und Gnu ihre Verzweiflung auch nicht in den roten Sand der Kalahari kotzen (© Matze Klein). Sondern glotzen neugierig hinter der nächsten Düne hervor, direkt in die Fotolinse ... Kurz: Herr Klein(lich) ist ab Schotterpisten-Kilometer eins ge- und vergessen. Und ich genieße Namibia einfach vorurteilsfrei - vom Sonnenaufgang in Technicolor-Orange bis zum mitternächtlichen Sternschnuppenregen über der weiten Steppe.

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Namibia
Infos: Namibia Tourism Board, Tel.: 0049/(0)69/133 73 60, namibia-tourism.com.

Anreise: Air Namibia fliegt 6-mal wöchentlich nonstop von Frankfurt nach Windhoek, ab € 780,–, airnamibia.de. Mietwagen: z. B. über holidayautos.de/Namibia, VW Golf ab € 29,–/Tag.

Übernachten:Fish River Lodge: eine Nacht im Chalet mit Blick in den Canyon inkl. HP ab € 200,–/DZ. Infos: fishriverlodge-namibia.com.
Bethanie Guest House: Das älteste Hotel Namibias wurde chic renoviert. Bethanien ist eine gute Basis für Reisen durch den Süden. DZ ab € 50,–. Infos: bethanieguesthouse.com.
Lake Oanob Resort: Camping und Ferienhäuser an einem Stausee mit Giraffen und Straußen bei Rehoboth. DZ ab € 96,–. Infos: www.oanob.com.na.
Garies Restcamp: einfache Unterkunft nahe Rehoboth. Besitzer Kosie Mouton bietet Touren mit dem Jeep zu prähistorischen Felskratzereien. DZ ab € 55,–. Infos: garies-restcamp.com.

Von Leuten ... Ob die vielen Touristen, die weiter nördlich von Safari-Lodge zu Safari-Lodge hüpfen, um die Big Five (Elefant, Löwe, Büffel, Nashorn und Leopard) zu sehen, wohl wissen, dass sie hier die Great Five (Wüste, Weite, Wind, Wolken und Welwitschia) verpassen? Wohl kaum, sonst wären sie ja hier. Und ich müsste auf Gegenverkehr achten statt auf Zebras und Antilopen, die die sandige Piste gern als Wanderroute zum nächsten Wasserloch nutzen und sich von einem Vierradantrieb herzlich wenig beeindrucken lassen.
Bedauern? Tue ich den Mangel an menschlicher Gesellschaft gerade kein bisschen. Ich genieße zur Abwechslung das, was ich schon lange nicht mehr gesehen und gehört habe: unendliche Weite und absolute Stille. Sicher denke ich gern an den so süß bescheidenen Farmer Kosie Mouton zurück, bei dem ich die letzte Nacht verbracht habe und der mich zu geheimnisvollen, prähistorischen Felszeichnungen geführt hat, bei denen selbst erfahrene Ethnologen nur raten können, wer sie wann in die Felsen bei Rehoboth gekratzt hat. Und auch Anne Gyselinck werde ich sicher auf dem Rückweg noch mal besuchen, die in Maltahöhe nicht nur ein Backpackerhotel, sondern auch einen Chor gegründet hat. Die traditionellen Gesänge und Tänze der 21 Aidswaisen zwischen 12 und 19 Jahren, die sich mit ihrer Hilfe und den Auftritten Lebensunterhalt und Schulbesuch finanzieren, habe ich noch immer im Ohr und vor Augen.

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... und Land. Doch jetzt ist ja genug Landschaft zur Unterhaltung da. Von Horizont bis Horizont, an dem die stete Brise Wolken zu bizarren Formationen zusammentreibt, gibt es sogar so viel davon, dass man fast eine Überdosis bekommen könnte, wäre sie nicht so schön. Manchmal hält eine Tafelbergfelsformation den wandernden Blick auf, seltener ein Baum. Und dann ist da immer wieder sie: die Welwit-schia mirabilis. 1.000 Jahre und mehr kann die Nationalpflanze Namibias alt werden. Und doch besitzt sie nur ein einziges Blattpaar, auch wenn das oft anders wirkt.


Dann: ein Zaun, der das Ende des Friedens und den Anfang der „Zivilisation" ankündigt und mich daran erinnert, dass selbst die Unendlichkeit endlich ist. Ein Schafzüchter hat an ihm einen erschossenen Schakal aufgehängt - zur Mahnung an alle Raubtiere, sich besser von seiner Herde fernzuhalten. Bald dahinter beginnen die ersten Häuser. Ich hätte gut und gern noch ein paar Stunden auf ihren Anblick verzichten können. Doch weil es bald Abend wird über der Halbwüste, will ich mal nicht so sein. Betten haben schließlich auch was für sich. Und jenes in der Fish River Lodge sowieso. Steckt zwischen den Daunen doch eine Wärmflasche gegen die Kälte der namibischen Winternacht.

Einfach riesig. Die Sonne weckt mich um sechs. Ich bin ihr nicht böse. Denn ich weiß: Gleich wird sie den Canyon rot und pink und golden erstrahlen lassen, der sich quasi an meinem Fußende 90 Kilometer lang, 28 Kilometer breit und 550 Meter tief aufspannt und damit der zweitgrößte der Welt ist. Außerdem wird sie mich wärmen, wenn ich später in der Nähe von Keetsmanshoop durch den goldenen Köcherwaldbaum wandele, mir von Giel Steenkamp Mesosaurier-Fossilien zeigen lasse und am Giant's Playground über riesige Felsbrocken klettere, die wirken, als hätten Riesen sie wie Pfannkuchen übereinandergestapelt, während der Wind durch die Ritzen pfeift und den Ort zum Klingen bringt.

Tierisch. Von dort ist es übrigens nicht weit bis zur Gariganus-Farm. Hier leben nicht nur Otti, das wahrscheinlich hässlichste Warzenschwein on earth, Hunde und Ziegen. Sondern auch vier Geparden, die sich nicht nur von Züchter C. B. Nolte füttern lassen, sondern auch von mir streicheln. Kuschelweich ist was anderes, ihr Fell erinnert eher an einen Hotelteppich. Doch ihr Schnurren ist so allerliebst, dass ich Matze Klein bedaure, der das vor lauter Adapterstress verpasst hat.
Dass ich jetzt - am Ende meiner Reise - doch wieder an ihn denke, liegt übrigens an einer Begegnung mit Erdmännchen Lollo. Lollo ist so niedlich, dass ich ihn am liebsten mitgenommen hätte. Doch das wäre - und hier hat Hummeldumm ausnahmsweise recht - echt hummeldumm gewesen ...


Praktische Reiseinformationen über Namibia finden Sie hier.

 

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