Undercover bei den Terroristen

Die Wiener Terrorismusforscherin Julia Ebner hat für ihr Buch "Die Wut" recherchiert, warum sich rechtsextreme und islamistische Extrempositionen gegenseitig brauchen. Für die WIENERIN schreibt sie exklusiv über die Recherche zum Buch.

Ausgangspunkt für mein Buch war, dass ich den gleichzeitigen Anstieg von Dschihadismus und Rechtsextremismus verstehen wollte. Als Terrorismus- und Extremismusforscherin bei der ersten Anti-Extremismus-Organisation Quilliam, die von ehemaligen Islamisten gegründet wurde, verbrachte ich viel Zeit damit, die Propaganda von Dschihadisten und Neonazis zu analysieren und neue Präventionsmethoden zu entwickeln. Dabei fiel mir auf, wie ähnlich sich die Narrative von Islamisten und Rechtsextremen waren und wie die beiden Extreme einander verwendeten, um das Bild eines unvermeidbaren Kultur- oder Rassenkrieges zu vermitteln. Ich wollte genauer untersuchen, inwiefern die beiden aufeinander angewiesen waren und wie sie sich wechelseitig in die Hände spielten – es gab kaum Forschungsmaterial zu dieser Wechselwirkung, die sich reziproke Radikalisierung nennt.

Meine Urgroßmutter und Jo Cox

Zwei starke Frauen inspirierten mich dazu, das Buch zu schreiben: einerseits meine Urgroßmutter, die es als Kriegsüberlebende und Alleinerzieherin als eine der Frauen in den Wiener Gemeinderat schaffte. Andererseits war da die britische Abgeordnete Jo Cox, die kurz vor dem Brexit-Referendum von einem Rechtsextremisten ermordet wurde, weil Sie sich für die Rechte von Flüchtlingen einsetzte. Jo Cox war eine unglaublich starke Frau, die sich weder vom enormen politischen Druck noch von Morddrohungen einschüchtern ließ und weiterhin für ihre Werte einstand.

Die Sicherheitsbehörden, und vor allem der Anti-Terrorismus-Bereich, sind sehr stark männerdominiert. Da war es als junge Frau ehrlich gesagt nicht immer leicht, sich durchzusetzen. Meine Übergeordneten bei Quilliiam waren alle männlich, fast alle davon waren außerdem ehemalige Islamisten - das war am Anfang schon ganz schön einschüchternd.

Die Extremisten sind erstaunlich offen

Mir fiel aber bald auf, dass einem gerade als Frau viele Türen offen stehen, die Männern eher verschlossen bleiben. Zum Beispiel hatte ich direkten Zugang zu Islamistinnen - sei es in Female-Only Chats auf Telegram oder bei persönlichen Gesprächen mit MitgliederInnen der islamistischen Organisation Hizb-ut-Tahrir, als ich an deren Event teilnahm und im segregierten Frauenbereich sitzen musste. Aber auch männliche Extremisten waren mir gegenüber erstaunlich offen, was vermutlich daran lag, dass ich weniger schnell verdächtigt wurde - eben weil junge Frauen nicht mit dem Bereich Terrorismusbekämpfung assoziiert werden.

Andererseits nehmen Frauen sowohl im Terrorismus als auch in der Terrorismusbekämpfung wichtige strategische Rollen ein. Schon als ich meine Masterarbeit an der LSE zu Selbstmordattentäterinnen schrieb, fand ich es faszinierend, zu sehen, wie Frauen in unterschiedlichsten Terrororganisationen nicht nur in Sekundärrollen (als Mütter, Dschihadbräute, Propagandainstrumente) sondern auch in Primärfunktionen (als Kämpferinnen, Strateginnen, Anwerberinnen) fungierten.

Bei Quilliam leitete ich das paneuropäische Netzwerk "Families Against Terrorism and Extremism" (FATE), wobei ich gezielt mit Frauen, vor allem Müttern und Schwestern von IS-Kämpfern und radikalisierten Individuen, arbeitete. Weibliche Bezugspersonen sind teilweise besser für Radikalisierungspräventionsprojekte geeignet, da sie mehr Nähe und Vertrauen in der Familie genießen und eine gute Intuition haben, um Verhaltensveränderungen und Radikalisierungsanzeichen zu bemerken.

In meiner Arbeit gab es aber auch zahlreiche persönlich und professionell herausfordernde Situationen, in die ich als Mann nicht geraten wäre. Seien es Machtstrukturen, sexistische Kommentare oder Vergewaltigungsdrohungen. Als Frau erhält man oft die doppelte Dosis an Hass. Bei unseren letzten Publikationen am Institute for Strategic Dialogue erhielt ich mehr als doppelt so viele Drohungen aus extremistischen Kreisen wie meine männlichen Kollegen, oft waren sie sexueller Natur und komplett unter der Gürtellinie. Am Anfang ist die Verdacht gegenüber Frauen deutlich geringer, aber sobald man auffällt, wird man viel stärker als Bedrohung wahrgenommen. Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Rechtsextremisten und islamistische Extremisten ihre rückgängigen Einstellungen zur Rolle der Frau, Sexualität und Familiensystem generell gemein haben.

Das Buch "WUT" wird am 16. März 2018auf Deutsch erscheinen.

 

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