Und plötzlich waren alle Mensch

Nachdem sich tagelang die Horrormeldungen übertroffen haben, ist die Gesellschaft gestern Abend zusammengerückt. Es war ein großer Moment, in dem die Menschlichkeit im Vordergrund stand und der uns Mut gab für Österreich.

Meldungen über humanitäre Katastrophen und Hasspostings jagten einander die letzten Tage, da bekam man schon manchmal Angst: Denkt wirklich ein großer Teil unserer Gesellschaft so? Will ein Drittel Österreichs Wasserschläuche gegen Feuerwerfer tauschen und Menschen, die auf der Flucht sind, keinen Schutz gewähren?

Ich habe jetzt keine Angst mehr. Es mag diese Menschen geben, aber gestern haben wir ihnen entgegengehalten: Nicht wer am lautesten schreit, gibt den Tenor in unserer Gesellschaft an. 20.000 Menschen sind gestern auf die Straße gegangen und vom Westbahnhof bis zum Parlament marschiert, um zu zeigen: Es ist uns nicht egal, wie mit Menschen, die aus dem Krieg kommen, in unserem Land umgegangen wird. Sie verdienen eine adäquate Unterkunft und mit Respekt behandelt zu werden. 20.000 Menschen, die die Straße okkupieren und für Liebe, Respekt und Solidarität stehen, das ist ganz gewaltiges Zeichen. So eine Masse an Menschen die für den Frieden steht, berührt einfach wahnsinnig. Nicht selten kämpft man da mit den Tränen, aber das ist ja noch nicht alles.

Um 21 Uhr am Westbahnhof zeichnet sich dieses Bild. Alle wollen helfen.

Zur gleichen Zeit haben sich mehrere hundert freiwillige Helfer am Westbahnhof eingefunden, um Tausende von Flüchtlingen, denen endlich die Weiterreise aus Budapest gestattet wurde, zu empfangen und mit Wasser, Essen und Hygieneartikeln zu versorgen. Die ÖBB bedankte sich auf den Anzeigetafeln für die Helfer und gab bekannt, was noch gebraucht wurde. Die Polizei ließ alle Flüchtlinge problemlos weiterreisen.

Einer der Helfer hat die Situation auf Facebook beschrieben:

Was gestern am Westbahnhof passiert ist: nachdem die ungarische Polizei am Montag den großteils syrischen Flüchtlingen, die bereits seit Tagen in Budapest am Bahnhof campierten, überraschend die Weiterreise gestattete sind im Laufe des Abends einige völlig überfüllte Züge mit übermüdeten, hungrigen und durstigen Menschen in Wien angekommen. Fast alle von ihnen sind jedoch nur auf der Durchreise, "Which train to Germany?" werde ich ständig gefragt. Vor Ort sind am frühen Abend bereits dutzende Menschen, großteils in meinem Alter, die die ankommenden Flüchtlinge mit Obst, Wasser und Brot versorgen. Dankbar greifen die Menschen aus den Zügen, die allesamt sehr müde aussehen, schnell nach ein, zwei Bananen und einer Flasche Wasser, bevor sie in den bereits wartenden Zug nach Salzburg drängen, von wo aus es weiter nach Deutschland gehen soll. In kürzester Zeit ist im Merkur am Westbahnhof die gesamte Obstabteilung leergekauft, auch die Regale mit den Wasserflaschen, wir kaufen soviel wir zahlen und tragen können, auch Mannerschnitten für die Kinder, Windeln und Babynahrung für die Kleinsten. Später lässt der Filialleiter einen ganzen Wagen mit Getränken aus dem Lager zu den Gleisen bringen.

Plötzlich Aufruhr am Bahnsteig, eine Menscheintraube, mitten drin ein verzweifelter junger Mann der einen weinenden kleinen Jungen hochhält, der seine Eltern verloren hat. Panisch ruft er den Namen des Jungen, "Aziz, Aziz", der Kleine wird auf den Schultern am Bahnsteig herumgetragen, sein Name wird von dutzenden Menschen laut gerufen und weitergesagt, jeder hilft, schließlich können unter Tränen die Eltern gefunden werden, es gibt Applaus. Minuten später steht eine Frau weinend neben mir am Bahnsteig. Ich frage sie was los ist, ein junger Mann übersetzt bereitwillig: ihr 10-jähriger Sohn ist beim Aussteigen verschwunden. Wieder helfen alle zusammen, die Flüchtlinge rufen den Namen des Kindes, am Bahnsteig, in den wartenden Zügen, nach wenigen Minuten wird er von einem Mann gefunden und zur Mutter gebracht.

Mittlerweile werden die Helferinnen und Helfer mehr und mehr, im Minutentakt trudeln Privatpersonen mit Einkaufswägen voller Essen und Wasser ein, auch die Suppenküche der Caritas ist eingetroffen, zwischen Gleis vier und fünf hat eine Gruppe junger Menschen angefangen die bereits gewaltigen Mengen an Wasserflaschen und Nahrungsmitteln in kleine Pakete abzupacken. Alle helfen zusammen, was fehlt wird aus eigener Tasche gekauft. Die ÖBB bedanken sich auf den Monitoren die sonst über Abfahrtszeiten informieren bei den Helfern, und geben an was dringend gebraucht wird: Hygieneartikel für die Menschen die in den bereitgestellten Quartieren übernachten werden, um am nächsten Tag nach Deutschland weiter zu reisen. Viele Menschen die Arabisch oder Farsi sprechen sind mittlerweile zum Bahnhof gekommen und übersetzen wo es notwendig ist, oder sagen einfach nur den Neuankömmlingen dass sie hier in Sicherheit sind. Gegen Mitternacht rollt ein weiterer Railjet aus Budapest unter Applaus ein, es ist der vorletzte Zug für heute, mittlerweile sind hunderte Menschen am Bahnhof, die winkend mit Willkommensrufen auf Deutsch, Englisch und Arabisch die ankommenden Flüchtlinge begrüßen. Ein Mann sagt mir weinend in gebrochenem Englisch dass er kaum glauben kann wie herzlich er hier empfangen wird. Die Flüchtlinge erzählen von schlechter Behandlung in Rumänien und Serbien, viele wissen gar nicht genau wo sie hier momentan sind, diejenigen die es wissen sagen, Österreich ist ein gutes Land. Ein kleiner Junge zeigt mir strahlend eine Flasche Cola die er ergattert hat, sein Vater hat eine große Flasche Wasser, einige Nektarinen und ein halbes Fladenbrot bekommen, eine Zigarette wird ihm angeboten. Sonst haben die beiden gar nichts, kein Gepäck, keine Koffer, nur was sie am Körper tragen. Der Vater lächelt müde, hält seinen Sohn fest an der Hand, sagt im Vorbeigehen leise "thank you, thank you, thank you", und wir kämpfen beide mit den Tränen.

‪#‎refugeeswelcome‬

Danke, danke, danke an alle, die die letzten Tage und Wochen helfen, den Mund aufmachen, für Frieden, Respekt und Menschlichkeit stehen. Danke an die Polizei Wien, an den Filialleiter vom Merkur am Westbahnhof und an die ÖBB. Danke an jeden einzelnen, der gestern auf die Straße gegangen ist.
Wien ist eine Stadt der Menschlichkeit, dafür stehen wir. Wir haben jetzt genug internationale Headlines aufgrund von Menschenrechtsverletzungen gemacht.
Ab heute wird alles anders.
Weil wir alle Menschen sind.