Umfrage: Jede*r Zweite wünscht sich die 30-Stunden-Woche

Die durch die Coronakrise verschärfte Situation am Arbeitsmarkt legt eine Diskussion nahe: Arbeiten wir zu lange?

Jede*r Zweite wünscht sich 30-Stunden-Woche

In Österreich gilt die 40-Stunden-Woche - und das seit 45 Jahren. 1975 wurden 40 Stunden als Normalarbeitszeit festgelegt, seit 1985 gelten für manche Branchen auch 38,5 Wochenstunden. Seitdem hat sich nicht viel getan. Die Forderungen nach einer neuerlichen Arbeitszeitreduktion werden aber immer lauter. Und warum auch nicht? Befürworter*innen argumentieren mit mehr Gleichstellung, weil Frauen nicht mehr so leicht in der Teilzeitfalle landen und sich Familien- und Carearbeit besser verteilen ließe. Zudem könnte eine Reduktion für höhere Beschäftigungsquoten und zufriedeneren Mitarbeiter*innen sorgen. Die Gegenseite bringt gerne eine geschwächte Kaufkraft und geringere Nachfrage ins Spiel, die gerade in Krisenzeiten für die Wirtschaft schwierig zu verkraften wäre. Aber was sagen die, um die es eigentlich geht? Das Karriereportal karriere.at hat aktuell bei seinen User*innen nachgefragt: Was ist die ideale Arbeitszeit?

Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen finden 30-Stunden-Woche ideal

Fast die Hälfte (49 Prozent) der 477 befragten Arbeitnehmer*innen findet: 30 Stunden pro Woche sind die ideale Arbeitszeit. Im Mittelfeld liegt die 35-Stunden-Woche, knapp ein Viertel (23 Prozent) bevorzöge diese Regelung. Eine Halbierung der Normalarbeitszeit auf 20 Stunden kann sich nur jede*r Zehnte vorstellen. Knapp jeder Fünfte (18 Prozent) würde an der aktuell geltenden Normalarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche nichts ändern.

Wer jetzt glaubt, die 30-Stunden-Woche sei ein Hirngespinst der Arbeitnehmer*innen, irrt sich gewaltig. Auch bei den 204 befragten Unternehmensvertreter*innen sieht die Gewichtung ähnlich aus: 60 Prozent der Befragten sehen eine Reduzierung der Normalarbeitszeit auf 30 Stunden als ideal an. Die klassische 40-Stunden-Woche findet nur bei 12 Prozent Zustimmung. Eine Minimalreduktion der Normalarbeitszeit auf 35 Stunden ist für jede*n Fünften interressant, eine Halbierung auf 20 Stunden fänden nur acht Prozent ideal.

"Die Coronakrise hat viele Unternehmen flexibler gemacht – gewollt oder ungewollt. Dieses Stück gewonnene Freiheit sollte auch Arbeitsort und -zeit betreffend genutzt werden, um den Mitarbeiter*innen entgegenzukommen. Ob das Vertrauensarbeitszeit, eine sechste Urlaubswoche oder eine 35-Stunden-Woche ist, müssen Unternehmen natürlich individuell abwägen", so Thomas Olbrich, Chief Culture Officer von karriere.at in einer Presseaussendung. Und wischt auch gleich den Vorwurf der faulen Angestellten und Arbeiter*innen vom Tisch: "Dass Mitarbeiter sich eine kürzere Arbeitswoche wünschen, heißt im Übrigen absolut nicht, dass sie arbeitsscheu sind. Im Gegenteil: Viele wollen neben ihrem 'Hauptberuf' noch andere Jobs, selbstständige Projekte oder Ehrenamtliches unterbringen."

Arbeitszeitreduzierung: Eine alte Forderung der SPÖ

Die letzte Arbeitszeitreduzierung passierte erst nach einem 1969 von der SPÖ initiierten Volksbegehren zur schrittweisen Einführung der 40-Stunden-Woche. 889.659 Personen haben es damals unterzeichnet, es ist nach wie vor das fünfterfolgreichste Volksbegehren der Geschichte. Am SPÖ-Parteitag 2018 haben die Sozialdemokrat*innen die Forderung nach der 35-Stunden-Woche als Schritt zur 30-Stunden-Woche beschlossen, seitdem taucht das Thema immer wieder auf- und gerade jetzt. Den durch die Corona-Krise gebeutelten Arbeitsmarkt könnte eine Arbeitszeitreduzierung entschärfen - als bessere Alternative zur jetzigen Kurzarbeit, argumentierte SPÖ-KlubfrauPamela Rendi-Wagner erst Anfang Juli.

Das SPÖ-Modell sähe dabei so aus: Die Arbeitszeit wird für vorerst drei Jahre um 20 Prozent verringert. Ein Drittel der Kosten trägt der Betrieb, ein Drittel das AMS und der Arbeitnehmer bekommt um fünf Prozent seines Nettogehaltes weniger. Die Arbeitgeber sollen sich dadurch 15 Prozent der Lohnkosten ersparen – bei gleichzeitig steigender Produktivität. Erwartungsgemäß ablehnend zeigte sich die Wirtschaftskammer zu dem erneuten Vorstoß. Eine Reduzierung der Arbeitszeit würde nur zu mehr Überstunden führen, heißt es da.

 

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