Übergriffe in Köln: Wir brauchen eure Scheinheiligkeit nicht

In Köln wurden in der Sliversternacht dutzende Frauen am Bahnhof sexuell belästigt. Manche entdecken deshalb das Thema Frauenrechte für sich - aus den falschen Gründen.

In Köln sollen in der Silvesternacht große Gruppen von Männern Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt haben. 90 Anzeigen liegen vor, darunter eine wegen Vergewaltigung.

Diese abscheulichen Taten lösen berechtigte Kritik und - wegen des Feiertags und Wochenendes mit ein wenig Verzögerung - auch heftige Reaktionen in Deutschland und Österreich aus. Sexuelle Gewalt gegen Frauen sei streng zu verurteilen und die Täter sofort zur Rechenschaft zu ziehen, schreien jetzt viele. Aber nicht etwa, weil sie sich so sehr für die Rechte von Frauen interessieren - sondern weil die Täter aus dem "arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen.

Wenn Frauenrechte zum Instrument werden


Erst kürzlich wurde auch der Fall einer Vergewaltigung in Graz öffentlich – sechs Schüler, die zum Tatzeitpunkt alle erst 14 Jahre alt waren, vergewaltigten ein Mädchen im Essensraum der Schule. Mehrere Augenzeugen griffen dabei nicht ein. Auch die WIENERIN hat berichtet – und dabei keinen Angaben zur Herkunft der Schüler gemacht. Es gab keine Kommentare, wenig Interesse.

Anders ging das in anderen Medien zu, die einen kleinen, aber wichtigen Zusatz – „mit afrikanischen Wurzeln“ – dazuschrieben. Die hunderten Postings ließen nicht lange auf sich warten und drehten sich allesamt um „Rasse“, Religion und deren vermeintlichen Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen. Auch sachliche Kommentare, wie etwa einer aus dem derStandard.at-Forum haben die Diskussion nicht beruhigen können: „Ich arbeite mit Sexualstraftätern und ich kann KEINEN Zusammenhang zw. religiöser Herkunft oder Nationalität feststellen, ganz im Gegenteil. Aber wenn Sie es schon so auslegen wollen, die meisten, mit denen ich gearbeitet habe waren Österreicher und wahrscheinlich Christen.“

Eine andere Straftat, doch ebenso fragwürdige Medienberichterstattung zog das Attentat in Chapel Hill nach sich. Im Februar 2015 wurden drei MuslimInnen von einem weißen US-Amerikaner getötet. Viele kritisierten damals, dass die Berichterstattung unterschiedlich ausfällt, je nachdem ob MuslimInnen Opfer oder TäterInnen sind. Nicht auszumalen, welch mediales Interesse die Morde in Chapel Hill nach sich gezogen hätten, wäre es andersherum gewesen.

Sie drehen die Fahne nach dem Wind


Wenig überraschend ließen auch die Kommentare unter den WIENERIN-"Sexisten des Jahres" nicht lange auf sich warten. „Da schweigen die Femen der Stunde oder wie? Denkbar ungünstigen Zeitpunkt habt ihr da ausgewählt für euren Artikel", schreibt ein User auf Facebook und verlinkt zu den Übergriffen in Köln. Nur eines hat er dabei vergessen: Gewalt gegen Frauen ist bei uns Thema, ständig, jeden Tag, immer. Und nicht nur, wenn wir endlich in aller Öffentlichkeit unseren Rassismus ausleben wollen.

Sogar Marcus Franz, der zum „Sexisten des Jahres“ gekürt wurde, spielt sich auf einmal als großer Retter der Frauenrechte auf und interessiert sich angesichts der Übergriffe in Köln auf seiner Twitter-Seite plötzlich für Gewalt gegen Frauen. Zur Erinnerung: Franz war es auch, der „Pograpschen“ in der Öffentlichkeit nicht zum Straftatbestand machen wollte, denn: „Ob der Popsch hält, was der Blick verspricht? Das erfahren zu wollen wird nun bestraft“, twitterte er damals.

Erstaunlich ist daher, dass jetzt den "linkslinken Feministinnen" Doppelmoral vorgeworfen wird, obwohl diese seit Jahrzehnten sexuelle Gewalt verurteilen und kritisieren, während die großen Neo-Frauenrechtler ihre Fähnchen schamlos nach dem Wind drehen.

Rassistische Parolen auf Kosten der Frauen


Wie so oft, sind jetzt genau die, für die Frauenrechte vorher ein Fremdwort waren, die großen Kämpfer gegen Gewalt an Frauen. Das Maß an Doppelmoral und Scheinheiligkeit ist kaum zu übertreffen. Als ich vor einigen Monaten über meine Erfahrungen mit sexueller Belästigung im öffentlichen Raum berichtete, erreichten mich zum großen Teil Nachrichten wie „Das stimmt nicht“, „Sie haben bloß eine Sozialphobie“ und „Wenn Sie belästigt werden, dann sicher nur von Migranten“. Ernst genommen fühlte ich mich damals nicht. Was ich daraus gelernt habe: über sexuelle Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit wird sich erst dann empört, wenn die Täter und somit die Feinde gleichzeitig die „Fremden“ sind, im besten Fall also Migrationshintergrund, eine andere Hautfarbe und eine andere Religion besitzen als die Mehrheitsbevölkerung. Beruhigend zu wissen, dass österreichische und deutsche Männer nie übergriffig werden (auch wenn die Zahlen etwas anderes sagen).

Sollte sexuelle Gewalt gegen Frauen also nur dann zum Thema werden, wenn sich auch weiße westliche Hetero-Männer damit identifizieren können? Und noch viel wichtiger: davon abgrenzen können? Ein gutes Beispiel ist der Hashtag #Aufschrei, unter dem Frauen Anfang 2013 auf Twitter sexistische Erfahrungen sammelten. Jene Neo-Frauenrechtler, die jetzt wegen der Straftaten in Köln aufspringen, sprachen damals von „Tugendfuror“ und „Hysterie“, um die Erfahrungen der Frauen ins Lächerliche zu ziehen und als überemotional zu betiteln.

Statt jetzt also rassistische Parolen auf dem Rücken der Opfer zu brüllen, sollten die Neo-„Feministen“ Lebensrealitäten von Frauen endlich wirklich ernst nehmen und sie nicht bei der nächsten Gelegenheit – wenn kein fremder Sündenbock zur Hand ist – wieder als unwichtig abstempeln. Auf Twitter beschreibt das eine Userin ganz treffend: „Natürlich ist auch Köln ein #aufschrei wert. Aber nicht von euch pseudoempörten Rassist_innen die sich das jetzt praktisch aneignen.“ (@Autofocus)

Niemand rechtfertigt Gewalt gegen Frauen - schon gar nicht jene, die wirklich dagegen ankämpfen


Und weil es offenbar ein "Argument" ist: Hier geht es nicht darum, diese abscheulichen Taten zu verteidigen oder gar zu rechtfertigen – schließlich berichten wir nicht erst seit heute über Gewalt gegen Frauen und diese ist IMMER zu verurteilen – sondern darum, die Scheinheiligkeit und Doppelmoral jener Pseudo-Frauenrechtler zu kritisieren, die jetzt auf die Barrikaden steigen, nur um ihre rassistischen Parolen so laut wie möglich in die Öffentlichkeit zu brüllen.

Es sind nämlich genau diese Menschen, die einen ernsthaften Diskurs über sexuelle Gewalt gegen Frauen seit Jahren verhindern, die die schrecklichen Erfahrungen der Opfer jetzt für ihre Zwecke instrumentalisieren und die nicht einmal realisieren, was sie damit eigentlich anrichten.

Im Jahr 2016 haben wir es in Österreich endlich geschafft, dass sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit strafbar sind. Gratulation! Wären diese "Grapsch-Attacken" also vor einem Jahr in Wien passiert, wären sie kein offizieller Straftatbestand gewesen. An dem Paragrafen gab es sogar heftige Kritik seitens des Justizministers Wolfgang Brandstetter (ÖVP), der ihn als übertrieben darstellte und tatsächlich davon redete, dass es „nicht möglich wäre, zu unterscheiden zwischen im Prinzip noch tolerierbaren Berührungen und solchen, die es nicht mehr sind“. Was wohl die empörten Neo-Frauenrechtskämpfer heute zu solch einer skandalösen Behauptung sagen würden? Schneller wäre eine Sexualstrafrechts-Reform wohl nie zustande gekommen, hätten wir ein Ereignis wie jenes in Köln vor einem Jahr in Wien gehabt.

Die Abwertung von Lebensrealitäten


Was wir daraus lernen: wenn Vergewaltigungen von einem weißen, der Mehrheitsbevölkerung angehörigen Mann begangen werden, interessiert es genau niemanden. Viele Frauen wagen den Schritt zur Polizei nicht einmal, weil sie wissen, dass sie dafür kämpfen müssen, um überhaupt ernst genommen zu werden. Opfer werden in die Rechtfertigung geschickt, sie haben keine Definitionsmacht darüber, was sie selbst als Belästigung empfinden. Und Alltagssexismus ist immer noch ein Tabuthema. Dabei sprechen die Zahlen für sich: drei von vier Frauen waren schon Opfer sexueller Belästigung. Das ist die Realität - und genau diese prangern Feministinnen seit Jahrzehnten an.

Unsere Gesellschaft macht Männer zu Vergewaltigern, sie macht Menschen zu Kriminellen, und sie macht manche zu den ewig "Anderen". Wie? Indem sie täglich und ständig einen Diskurs reproduziert, in dem Frauen Objekte sind und Männer Macht haben, indem die Erfahrungen und Lebensrealitäten von Frauen abgewertet werden, indem Opfer zu politischen Zwecken instrumentalisiert werden, wenn es gerade passt, und indem wir Straftaten mit zweierlei Maß messen, je nachdem, woher die Täter kommen. "Es gibt überall Arschlöcher", sagt man so schön. Die Frage ist nur, wie wir aufhören können, sie zu solchen zu machen.

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