Über schäbige Hundezonen und viel Schlafentzug

Ich war eine Woche lang Hundesitter für eine Hündin namens Lilly. Über schäbige Hundezonen, Schlafentzug, die falsche Hosenwahl und den Small-Talk mit Hundehaltern.

Da steh ich also. Ich, der Typ, der sich zwar immer irgendwie ein Haustier gewünscht hat, aber schon als Kind wegen der ganzen Pflichten nicht mit recht viel Nachdruck darauf bestanden hat. Und die liebe Lilly, eine 7 Monate alte Hovawart/Berner Sennenhündin, deren Gene sie bezüglich Größe nicht gerade zum Schoßhund machen - auch wenn sie natürlich eine ganz eine liebe ist, die Lilly. Gell? Jaaa!

Ein Kurzurlaub ihrer Familie brachte uns zusammen. Statt einer Tierpension fand Lilly für sieben Tage bei mir Unterschlupf. Das Maximum, wenn man bedenkt, dass ein Berner Sennenhund schon vom Namen her nicht für eine 60-Quadratmeter-Wohnung ausgelegt ist. Für die eine Woche macht das aber nichts, denn Lilly und ich haben viel erlebt - das meiste außerhalb der eigenen vier Wände. Wie das so ist, für einen, der die Hunde-Welt Wiens das erste Mal kennenlernt, erkläre ich in den folgenden sechs Punkten. Ein paar Zeilen für alle, die sich über meine Beobachtungen amüsieren wollen und für jene, die sich vielleicht einen Hund anschaffen wollen.

1) Hundehalter-Smalltalk ist nicht so schlimm wie normaler Smalltalk

Vorweg: Smalltalk gehört für mich zu den schlimmsten gesellschaftlichen Verpflichtungen, die es gibt. Ein "Wie geht's?" ist für mich eine leere Frage, deren Antwort mindestens genauso uninteressant ist. Als Mann mit Hund ist das nicht so. Man unterhält sich über Rasse, Geschlecht, Name, Kastration, Scheu, Zutraulichkeit, Gewohnheiten - der Hund steht im Mittelpunkt. Das tut gut, da anders als der Mensch ein Hund nie auf Smalltalk reagieren muss. Wenn wir also über Lilly gesprochen haben und sie währenddessen ihren eigenen Schwanz gejagt hat, war das auch in Ordnung. So überlebe selbst ich solche Unterhaltungen. Danke, Lilly!

2) Hundehalter passen einfach zu ihren Hunden

Egal ob Smalltalk oder Ruhe - treffen sich zwei Hundehalter in Wien, baut sich rasch eine besondere Connection auf. Nicht nur Hunde suchen den Blickkontakt zu ihren Gegenübern. Sind wir uns ehrlich, wir, am anderen Ende der Leine, tun das auch. Wer hält den anderen Hund fest? Wie gibt er oder sie sich? Hat er das Tier im Griff oder das Tier ihn? Diese Beobachtungen haben eine Theorie von mir bestätigt: Hundebesitzer passen einfach zu ihren Lieblingen. Der alte Mann mit seinem Dackel (im Gleichschritt), der Dobermann mit Stahlkette und sein Halter in irgendwie passender Camouflage-Hose. Das Pärchen aus dem 1. Bezirk mit dem Dalmatiner, der die Nase schön hoch trägt. Die Mädchen mit Glitzer-iPhone und dem selbst bei 25 Grad am ganzen Körper zitternden Chihuahua. Es wirkt wie ein riesiges Klischee, aber es ist eben so - zumindest sagt mir das meine subjektive Wahrnehmung.

3) Wer braucht den Mars? Es gibt Wiens Hundezonen

Weniger subjektiv, sondern einfach ein Faktum, ist der Zustand von so mancher Hundezone in Wien. Nicht falsch verstehen, liebes Wien. Ich war mit Lilly viel unterwegs, wir haben die wunderschöne Zone im Prater erkundet, waren am Wienerberg und im Schweizergarten - traumhaft für einen Hund vom Land. Doch so manche Hundezone in der Stadt (Hundsturm oder Nähe Naschmarkt) erinnert mehr an die Bilder, die wir bisher vom Mars zu Gesicht bekommen haben. Der einzige Unterschied: Auf dem Mars findet man unter Garantie nicht so viele Hundstrümmerl. Und wenn nur noch Staub aufsteigt, vergeht auch dem Hund die Lust auf ein Spielchen.

4) Die latente Hunde-Abneigung

Wer mit einer derart schönen Hündin wie Lilly (völlig objektiv!), unterwegs ist, hört von der Seite oft ein "Ohh" inklusive Streichelanfrage. Was aber viel mehr auffällt, ist die Abneigung gegen Hunde. Das ist kein Vorwurf, aber eine Beobachtung. Klar, Lilly ist relativ groß, schwarz und schnuppert in ihrer jugendlichen Unbekümmertheit schnell mal rum. Der verpflichtende Beißkorb an so manchen Plätzen macht ihr Image auch nicht besser. Es gibt Menschen, die das stört, es aber nur mit latenter Abneigung zeigen können. Das wird einem erst bewusst, wenn man selbst mit einem Hund unterwegs ist. Was wir erlebt haben: Menschen bleiben stehen, stampfen vor dem Hund auf (ja, auch das habe ich erlebt) und werfen mir als Hundehalter vorwurfsvolle Blicke zu, was ich mit dem Vieh in der Bim will. Sorry, aber es ist eben nicht leiwand mit einem jungen Hund den Gürtel entlang zu wandern. Menschen, die Angst vor Hunden haben, gilt es zu respektieren. Jene, die Hunde allerdings als ein stinkendes, hechelndes Übel ansehen, haben einem solchen Tier wohl noch nie wirklich in die Augen geschaut.

5) Ein neuer Kleidungsstil

Ganz kurz: Wer zum Spielen mit einem Hund eine hellgraue Hose anzieht, ist selber schuld. Gleiches gilt, wenn man eine kurze Hose trägt und der Hund das als regelmäßige Einladung ansieht, alles abzuschlecken, was zur Verfügung steht. Die Kleiderwahl spielt da eine größere Rolle, als man denkt.

Fernsehen? Sicher nicht.

6) Der neue Schlafrhythmus

Ich weiß, alles, was jetzt kommt, ist nichts im Vergleich dazu, ein Kind zu umsorgen. Das ist schlichtweg kein Vergleich, nicht mal annähernd. Aber einen so jungen Hund bei seinem ersten Ausflug in die große Stadt zu versorgen, ist kein Kinderspiel und sollte vor der Anschaffung gut überlegt werden.

Sie will nicht immer in den Lift, in den sie vorher schon 20 Mal eingestiegen ist, eine alte Bim ist gruselig, der Hunger ist unbändig, der Spieltrieb ebenso. Motorräder sind Feinde, eine Wiese ohne Zaun ist automatisch eine Einladung über ungesicherte Straßen kurz abzuhauen und der - nennen wir es - Lulu- und Kackmodus ist noch nicht so eingespielt. Das alles hatte nach sieben Tagen Hundesitten zur Folge, dass die Tage um 20.45 Uhr für mich zu Ende waren. Es kostet eine Menge Konzentration, darauf zu achten, dass es dem Hund gut geht, das Umfeld damit umgehen kann und niemand einen Schock fürs Leben davon trägt. Die Belohnung, dieser Kitsch sei mir erlaubt, war dennoch cool: Eine Hündin, die sich wahnsinnig darüber freut, wenn man munter wird und sie einfach nur begrüßt. Sie ist eben eine ganz liebe, die Lilly. Gell? Jaaaa!

 

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