Über eine Liebe, die nicht gleichgestellt wird

In Österreich dürfen homosexuelle Paare zwar Kinder adoptieren, heiraten aber nicht. Wir haben mit einem lesbischen Paar aus Vorarlberg gesprochen, das heiraten will, aber nicht darf und vom jetzigen System enttäuscht ist.

„Ich bin noch auf ein letztes Glas Sekt an die Bar gegangen. Die Blicke haben sich getroffen. Und es hat sofort gefunkt.“ So hat alles angefangen, zwischen Andrea Wagner und Julia Hämmerle. Kennengelernt haben sich die beiden vor mittlerweile zehn Jahren. Julia kommt aus Vorarlberg, Andrea aus Friedrichshafen. Julia war schon immer lesbisch, sie hatte noch nie etwas mit einem Mann, erzählt sie. Andrea war davor zwölf Jahre lang mit einem Mann liiert. Für Julia war das anfangs ein Risiko, sie wusste nicht, ob Andrea es ernst meint oder ob sie es jetzt einfach „mal mit einer Frau probieren“ will. „Doch beim ersten Kuss mit Julia wusste ich, dass das mit den Männern vorbei ist“, erinnert sich Andrea.

Nach ein paar Wochen war für beide klar: da ist mehr. Andrea brach die Verbindungen zu ihrem alten Leben ab und zog nach Vorarlberg. Ein tragischer Moment führte den beiden schließlich vor Augen, dass sie nicht mehr ohne einander können. Julia lag nach einem schweren Unfall im Krankenhaus – das vermeintliche Ende vor Augen, machte Andrea noch einmal bewusst, wie groß die Liebe ist und sie beschloss, Julia einen Heiratsantrag zu machen.

„Unsere Beziehung ist nicht weniger wert als die von Heterosexuellen“

Ihr einziger Wunsch: „Wir wollen heiraten.“ Das aber können sie nach geltendem Recht nicht – denn homosexuelle Paare dürfen in Österreich nicht „normal“ heiraten.

Das muss sich ändern, sagt die Initiative „Ehe gleich!. Diese sammelt seit Mitte August Unterstützungserklärungen für eine Ehe-Öffnung. Die „Parlamentarische BürgerInneninitiative zur Aufhebung des Eheverbots für gleichgeschlechtliche Paare“ wurde bereits von über 33.000 Menschen online unterzeichnet.

Der Grund: In Österreich existieren 32 Unterschiede zwischen Ehe und Eingetragener Partnerschaft (EP). Das reicht von Auflösungsbestimmungen über die Regelung, dass man statt eines „Familiennamens“ nur einen gemeinsamen „Nachnamen“ haben kann, bis hin zum Familienstand. Die Eingetragene Partnerschaft ist ein separater Familienstand – und das würde die Betroffenen sofort brandmarken, sagen auch Julia und Andrea.

„Warum muss ich mich gleich so outen?“, fragt sich Julia. „Man wird sofort auf die Sexualität reduziert, als gäbe es nichts Anderes, das einen ausmacht“, ärgert sich Andrea. „Eine Eingetragene Partnerschaft hat weniger Wert als die Ehe – und ich finde nicht, dass unsere Beziehung weniger Wert hat als eine Beziehung von heterosexuellen Paaren“, meint sie. Deswegen kommt eine Eingetragene Partnerschaft für die beiden nicht in Frage. Sie wollen als Paar ernst genommen werden.

Eine Ehe-Öffnung kommt Kindern zugute


Auch Barbara Schlachter, Obfrau des Vereins „FAmOs – Familien Andersrum Österreich“ – ist überzeugt: „Eine absolute Gleichstellung von homosexuellen Menschen gibt es erst, wenn die Ehe geöffnet wird.“ Ihr Verein setzt sich für Regenbogenfamilien – gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern – ein. „Wir haben vor allem das Wohl unserer Kinder vor Augen, wenn wir die Eheöffnung fordern“, sagt sie. Die gesetzliche Lage ermögliche es homosexuellen Paaren zwar eine Familie zu gründen – Kinder dürfen mithilfe der Fortpflanzungsmedizin gezeugt werden und seit 1.1.2016 dürfen gleichgeschlechtliche Paare Kinder gemeinsam adoptieren – doch ehelich dürfen die Kinder nicht sein.

Johannes Wahala, Psychotherapeut und Pädagoge, weiß: „Je selbstbewusster und klarer gleichgeschlechtliche Eltern auftreten, desto weniger Diskriminierung erleben sie.“ Das wirke sich auch positiv auf die Kinder aus. Kinder mit zwei Müttern oder zwei Vätern müssen in Österreich also zwangsweise unehelich sein, weil Ihre Eltern nicht heiraten dürfen. Eine Familie aus dem Innviertel - ein Mädchen gemeinsam mit ihren beiden Müttern – klagt nun gegen das Eheverbot. Damit die beiden Mütter heiraten dürfen. Österreich ist der einzige Staat der Welt mit solch einer Rechtslage. Alle anderen Länder der Welt, die homosexuellen Paaren volle Adoptionsrechte gewähren, lassen die Eltern dieser Kinder auch heiraten.

Liebe kennt kein Geschlecht


Mariella Müller von der Initiative „Ehe Gleich!“ sagt: „Liebe macht keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Jeder Mensch sollte dieselbe Chance auf Glück bekommen.“ Für sie die beste Lösung: „Sowohl die Ehe öffnen für Lesben und Schwule zu als auch die Eingetragene Partnerschaft für heterosexuelle Paare zu ermöglich, quasi als ,Ehe light‘.“

Doch nicht nur hinsichtlich der Ehe zweiter Klasse erleben Homosexuelle Diskriminierung. „Eine sehr große Baustelle ist die Ausweitung des Diskriminierungsschutzes außerhalb der Arbeitswelt im Gleichbehandlungsgesetz“, sagt Mariella Müller. Es komme sehr häufig vor, dass Lesben, Schwule und Trans*Personen Dienstleistungen verweigert werden, nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. „Simple Angelegenheiten wie ein Doppelzimmer im Hotel zu mieten oder einen Nachmittag im Café als verliebtes Paar zu verbringen, können mit einem Rauswurf enden.“

Auch Julia und Andrea haben bereits solche Erfahrungen gemacht. Als sie noch in der Schweiz gelebt haben, war Homosexualität ein „No-Go“, wie sie sagen. „Wenn wir Händchen gehalten haben, wurden wir als ,Scheißlesben‘ beschimpft.“ In Österreich haben sie weniger schlechte Erfahrungen gemacht. „Aber wir halten uns natürlich in Kreisen auf, in denen es geduldet wird“, sagt Julia.

Toleriert, aber nicht akzeptiert


Warum ein solches Tabu der Homosexualität besteht, verstehen die beiden nicht. Sie versuchen aber Erklärungen zu finden. „Vielleicht haben manche Angst, dass die traditionelle Familie zerbricht“, so Julia. „Wobei es ja in den meisten Fällen sowieso nicht funktioniert“, ergänzt Andrea. Sie wundert sich vor allem über die Doppelmoral: „In Deutschland dürfen Homosexuelle nicht heiraten. Aber gleichzeitig wird ein Puff nach dem Anderen eröffnet, es werden Fernsehsendungen ausgestrahlt, bei denen per Blinddate geheiratet wird. Alles ist erlaubt – solange man heterosexuell ist.“ Ihr Fazit: „Homosexualität wird zwar toleriert, aber nicht akzeptiert. Mit dem Outing stellt man sich automatisch an den Rand der Gesellschaft.“

Sollte es wirklich zu einer Ehe-Gleichstellung kommen, haben die beiden schon Pläne, wie ihre Hochzeit aussehen würde. „Sehr klein, fein und persönlich“, sagen sie. Doch vor allem soll die Heirat eins sein: „Ein Statement.“ Ein Statement, dass sie zusammengehören. Und dass auch ihrer Liebe endlich Normalität zugesprochen wird.

Mehr Infos zur Initiative: www.ehe-gleich.at

 

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