Über die Gewalt gegen syrische Frauen und Mädchen im Libanon

1,5 Millionen syrische Geflüchtete leben im Libanon. Die angespannte Situation ist vor allem für Frauen und Mädchen gefährlich.

Etwa 1,5 Millionen der aus Syrien geflüchteten Menschen leben im Libanon. Sie machen damit ein Viertel der Bevölkerung aus. Sie dürfen im Libanon nicht arbeiten, bekommen keine staatliche Unterstützung und sind meist von extremer Armut betroffen. Laut UNO-Flüchtlingshilfswerk leben 76 Prozent der syrischen Geflüchteten im Libanon unter der Armutsgrenze und haben weniger als 3,84 Dollar pro Tag zur Verfügung.

Diese alarmierende Situation ist vor allem für Frauen und Mädchen sehr gefährlich, warnt Jihane Isseid von der Organisation ABAAD, die Gewalt gegen Frauen bekämpfen will. So ist etwa die Zahl der Kinderehen gestiegen und Frauen stärker von Gewalt betroffen. Im WIENERIN.at-Gespräch berichtet die Sozialarbeiterin von den Lebensrealitäten dieser Frauen und Mädchen - und erklärt, warum internationale Unterstützung dringend notwendig ist.

Wie sieht die derzeitige Situation von geflüchteten Frauen und Mädchen im Libanon aus?

Jihane Isseid: Es ist generell schwierig für Geflüchtete aus Syrien im Libanon. Im Libanon gibt es keine klare Vision davon, wie man mit der Situation der vielen Geflüchteten umgehen soll. Sie haben keinen legalen Status, dürfen nicht arbeiten - und wenn dann illegal. Dort können sie jederzeit verhaftet werden. Das ist vor allem für Frauen und Mädchen schwierig. Sie werden ausgebeutet, sind sexueller Gewalt ausgesetzt oder erleben Diskriminierung. Sie sind die gefährdetste Gruppe unter den Geflüchteten.

Vom wem geht die Gewalt gegen geflüchtete Frauen und Mädchen aus?

Es kann überall passieren. Von den Arbeitgebern, den Landbesitzern, von Menschen aus der Aufnahmegesellschaft, aber auch von den Geflüchteten selbst. Frauen arbeiten 12 Stunden lang in der Landwirtschaft, werden ausgebeutet, sexuell belästigt, und verdienen sehr, sehr wenig. Es ist auf keinen Fall genug, um ein gutes und gesundes Leben führen zu können.

Wie würden Sie die Situation der Frauenrechte im Libanon generell beschreiben?

Oh, da sieht es leider nicht gut aus. Trotz des Fortschritts und der Arbeit, die wir als Zivilgesellschaft und NGOs leisten, um die Gesetze zu ändern, erleben Frauen nach wie vor eine starke soziale Diskriminierung. Letzte Woche wurden einige Frauen bei uns im Frauenhaus von ihren Ex-Männern attackiert. Auch wenn nationale und internationale Organisationen daran arbeiten, die Situation zu verbessern, erleben Frauen im Libanon weiterhin viel Gewalt, Aggression und lebensbedrohliche Zustände.

Würden Sie sagen, dass Frauen in sehr traditionellen und religiösen Gemeinschaften einer größeren Gewalt ausgesetzt sind - oder ist es überall gleich?

Ich denke, es ist überall gleich. Im Libanon haben wir eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft, aber es geht nicht nur um Religion und Tradition. Es geht um sozioökonomische Bedingungen und Stressfaktoren. Wir leben in einer sehr stressigen Situation, einer sehr stressigen Region im Libanon von der wirtschaftlichen und der Bildungssituation her. All das wirkt sich sehr negativ auf die Situation von Frauen aus.

Wie wurde die #metoo-Bewegung im Libanon wahrgenommen?

Einige Frauen wurden darin bestärkt, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Die Medien haben dabei eine sowohl positive als auch negative Rolle gespielt. Sexuelle Belästigung ist nämlich ein großes Tabu in unserem Land. Viele Frauen trauen sich leider nicht, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Wir versuchen Frauen öffentlich zum Sprechen zu bringen, indem wir ihre Identitäten und Stimmen verändern. Es ist nämlich enorm wichtig, zu wissen, wie Frauen mit der Gewalt, die ihnen widerfahren ist, umgehen und wie sie weitermachen. Andere Überlebende von sexualisierter und körperlicher Gewalt zu unterstützen, ist für so viele Frauen jetzt in diesem Moment überlebenswichtig. Das Wichtigste ist die Unterstützung. Wer keine Unterstützung hat, kann nicht nach vorne schauen.

Was denken Sie über die derzeitige politische Situation in Österreich, verglichen mit Ihrem Herkunftsland?

Wir stehen alle vor ähnlichen Herausforderungen. Natürlich gibt es riesige regionale Unterschiede. Doch im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass die Frage des sozialen Zusammenhalts für beide Länder eine große Herausforderung darstellt. Wie man Brücken baut zwischen der Aufnahmegesellschaft und den Geflüchteten, wie man aktiv werden kann - im positiven Sinn. Im Libanon stehen wir vor der gleichen Frage, auch wenn die politische Ausgangslage wesentlich schwieriger ist. Wie man die Brücke schlägt zwischen denen, die Schutz suchen und denen, die Hilfe bieten oder bieten sollten - das ist die Frage unserer Zeit. Und dafür braucht es internationale Solidarität und Unterstützung.

Jihane Isseid ist Sozialarbeiterin und Leiterin eines Programms gegen Gewalt an Frauen und Mädchen der Organisation ABAAD im Libanon. Sie war eine der Gäste der Internationalen BürgermeisterInnenkonferenz NOW in Wien von 29.-30. Jänner 2018. Im Zentrum der fünften NOW Konferenz stand das Thema sozialer Zusammenhalt. Weitere Informationen: www.now-conference.org & www.act-now.com

 

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