True Crime: Wie die Jeffrey Dahmer Serie die Familien der Opfer retraumatisiert

Beim Streamen von True Crime Serien vergessen wir auf die Opfer und deren Angehörige. Sollten wir unseren Konsum von Verfilmungen über Serienmörder überdenken?

Dahmer. Monster: The Jeffrey Dahmer Story. Evan Peters als Jeffrey Dahmer in Folge 105

Was im Kopf eines Mörders abgeht, finden viele True Crime Fans spannend. Besonders die grausamen Machenschaften der Serienmörder John Wayne Gacy und Jeffrey Dahmer faszinieren viele zurzeit. Die aktuelle Netflix Serie Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffery Dahmer steht in Österreich auf Platz eins. Viele haben alle zehn Folgen der Serie, die die schrecklichen Taten des berüchtigten Serienmörders Jeffrey Dahmer erzählt, innerhalb eines Wochenendes gestreamt. Verstörend, aber gleichzeitig spannend soll die Netflix Serie sein. Doch die Angehörigen der Opfer sind anderer Meinung.

Für die Verwandten ist die Serie retraumatisierend. Denn sie bringt schreckliche Erinnerungen hoch. Schließlich sind die Morde gar nicht so lange her. Das Schlimmste dabei? Die Familienmitglieder wurden vor der Verfilmung nicht darüber informiert, dass ihre Angehörigen und auch sie selbst in der Netflix Serie zu sehen sein werden. Sollten wir als Zuschauer*innen unseren Konsum von Verfilmungen über Serienmörder vielleicht überdenken und so die Angehörigen mitdenken?

Wenn wahre Verbrechen verfilmt werden

Tausende Memes und TikToks sind derzeit im Netz zur Netflix Serie über Jeffrey Dahmer zu finden. Evan Peters, der den Serienmörder Jeffrey Dahmer spielt, wird in unterschiedlichen Szenen gepostet und für sein schauspielerisches Talent gelobt, aber auch für sein gutes Aussehen gepriesen. Andere Zuschauer*innen gehen soweit, dass sie den echten Serienmörder anhimmeln: "Ich wünschte, dass er noch am Leben wäre, dann würde ich ihm Briefe [ins Gefängnis] schicken!" oder "Jeff war ein guter Mann, deswegen hat er seine Opfer schnell umgebracht, damit sie keine Schmerzen spüren. Ich habe geweint, als er gestorben ist."

Wie ist das möglich, dass so viele Mitleid mit Jeffrey Dahmer haben, nachdem sie gesehen haben, wie dieser seine Opfer brutal ermordet und deren Organe verspeist?

True Crime ist retraumatisierend

Insgesamt hat Jeffrey Dahmer 17 Männer umgebracht. Das sind 17 Familien und mehrere Schicksale, die der Serienmörder in den Jahren 1978 bis 1991 eigenhändig verändert und zerstört hat. Rita Isbell ist die Schwester eines der Opfer (Errol Lindsey) und erklärt in einem Interview gegenüber Insider, wie es ihr dabei ging, sich selbst in der Netflix Serie zu sehen:

"Als ich einen Ausschnitt der Serie gesehen habe, hat es mich gestört, mich selbst zu sehen. Als ich sah, wie mein Name auf dem Bildschirm erschienen ist und diese Dame wörtlich genau das gesagt hat, was ich damals sagte, ihre Haare wie meine waren und sie die gleichen Kleider trug - das fühlte sich an, als würde ich alles noch einmal durchleben." Für Rita und viele andere Opfer war das Erlebnis retraumatisierend.

Warum schauen trotzdem viele von uns so gerne Geschichten über wahre Verbrechen?

Ist True Crime toxisch?

Dr. Johanna Schäwel, Expertin vom Fachgebiet für Medienpsychologie der Universität Hohenheim, erklärt, dass es mehrere zentrale Gründe gibt, die uns bei True Crime Formaten faszinieren: "Einerseits ist das Gefühl, dass das Gezeigte wirklich passiert ist sehr reizvoll für uns. Der zweite Grund ist, dass sehr viele Emotionen ausgelöst werden. (…) Von Angst und Verletzlichkeit bis hin zu Neugierde und Vergnügen. Der dritte Grund ist, dass wir selbst zur Falllöser*in werden und miträtseln können. Wir verspüren diese Faszination, weil wir etwas über den*die Mörder*in oder die Täter*in erfahren. Es geht nicht nur um das Opfer, sondern auch um den Täter und was ihn zum Täter gemacht hat.“ Außerdem ergänzt sie, dass wir als Publikum einfach unterhalten werden möchten.

Rita Isbell kann diesen Punkt fast nachvollziehen: "Ich finde Netflix hätte fragen können, wie es uns damit geht die Show zu machen. Ich wurde nie gefragt. Außerdem könnten zumindest die Familien der Opfer mit den Einnahmen der Serie entschädigt werden. Mir geht es aber nicht um das Geld. Mit einer Entschädigung würde es sich für die Enkelkinder und Kinder der Opfer weniger hart und unachtsam anfühlen. Aber Netflix verdient an dieser Tragödie."

 

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