Tristan Horx: "Wir haben immer noch eine fucking Quotendebatte!"

Tristan Horx ist Zukunfts- und Trendforscher und ruft in seinem Buch Unsere Fucking Zukunft dazu auf, für den Wandel zu rebellieren. Mit uns spricht der 28-Jährige darüber, was ihn so wütend macht.

Tristan Horx

Zukunfts- und Trend­forscher Tristan Horx sieht mich durchs Fenster, als er auf die Chinabar zukommt; er winkt. Als wir feststellen, dass wir gleich alt sind, ist die Frage, ob wir uns siezen, überflüssig. Wir bestellen zwei Spritzer, sein Buch Unsere Fucking Zukunftliegt vor uns. Für das Zukunftsinstitut, das sein Vater leitet, übersetzt er Studien und präsentiert diese verdaulich. Er ist Experte in der Generationenforschung.

Tristan, du bist erst 28. Fehlt dir für deinen Beruf nicht ein bisschen die Lebenserfahrung?

Tristan Horx: Ich glaube eigentlich, dass das ein Vorteil ist. Mir ist unsere Zukunft ein größeres Anliegen, weil ich noch wesentlich mehr vor mir habe. Ich fand es immer seltsam, dass Zukunftsforschung von so alten weißen Guru-Männern wie meinem Vater besetzt ist. In diesem Business braucht es mehr junge Menschen und vor allem Frauen.

Wie blickst du in die Zukunft? Gibt es Gründe für Optimismus?

Ja, die sind vor allem durch die jüngeren Generationen bedingt. So intelligent, gebildet, mit so viel Wohlstand aufgewachsen und so "weiblich" war bisher keine Genera­tion. Corona hat uns aus dem 20. ins 21. Jahrhundert getreten. Das tut zwar weh, aber es hat auch ganz viele Probleme sichtbar gemacht, und das war total wichtig. Jetzt kann sich niemand mehr hinter Aussagen wie "Ach, es läuft doch alles gut und wir haben so einen tollen Wohlstand für euch Kids geschaffen!" verstecken.

Der Titel deines Buchs klingt wütend, insgesamt schreibst du aber, dass sich die Generationen annähern müssen, damit wir die Klimakrise abmildern können. Wieso ist das wichtig?

Das Frustrierende ist für mich, dass wir gerade einen Scheinkonflikt austragen. Viel mehr Menschen als je in der ­Menschheitsgeschichte ­mögen ihre Eltern – diese Trennung à la "Okay, Boomer" durch die Altersschubladen ist kompletter Bullshit, weil jeder Omas, Opas und ­Kinder hat, die er zutiefst gernhat. Ich versuche klarzumachen, dass uns viel mehr eint als trennt. Am Ende kannst du nur gute Zukunft machen, wenn du sie für Leute machst, die du nie kennenlernen wirst. Die Politik hat aufgegeben – deshalb muss das aus der Zivilgesellschaft kommen.

Tristan Horx

Würdest du die Verantwortung für diese Krise also eher bei uns als bei der Politik sehen?

Die Politik als Sündenbock herzunehmen, weil nichts passiert, ist Quatsch. Auf die Straße gehen funktioniert, denn irgendwann sind alle gezwungen, zuzuhören. Es gibt keinen Politiker, der sagt: "Bitte steht vor dem Rathaus und protestiert" – das kommt aus der Zivilgesellschaft. Aber dann reagieren die Politik und die Wirtschaft darauf, die Zündung muss von uns kommen.

In deinem Buchkapitel über Political Correctness rufst du zu mehr Verständnis und Toleranz in alle Richtungen auf. Wofür fehlt dir aber die Toleranz?

(Ohne zu zögern:) Für den Fakt, dass wir noch eine fucking Quotendebatte in Politik und Wirtschaft führen müssen. Ich komme durch meine Arbeit auch in die Chefetagen rein, und da muss ich deren Sprache sprechen. Ich sage: "Schaut her, ich kann euch beweisen, wenn ihr mehr Frauen habt, hat das einen intrinsischen Mehrwert für die Produktivität der Gruppe." Dann frage ich: "Wollt ihr keine gesteigerte Produktivität?" Wenn ich mit der Moral­keule komme, dann passiert wenig. Diese Art ist vielleicht unmoralischer, aber ich glaube, sie hilft am Ende dem Ziel, das wir erreichen wollen.

Du selbst bist in einer sehr privilegierten Situation: jung, weiß, männlich, aus guter Familie. Hat die Arbeit am Buch deinen Blickwinkel darauf verändert?

Auf jeden Fall! Ich habe mir die Zahlen und Fakten dazu angeschaut, wie es unserer Welt geht. Am Ende des Tages arbeite ich in der Wirtschaft. Ich kann nicht herumgehen und Leuten sagen, sie sollen kein Geld mehr verdienen. Aber ich kann mir anschauen, was wir tun müssen, damit das Wirtschaftswachstum allen hilft. Das eigene Privileg als weißer Mann im Westen zu kennen ist wichtig. Sich einzureden, man sei nicht privilegiert, ist immer Quatsch.

Du hast in deinem Buch ein ganzes Kapitel dem Journalismus gewidmet und beschreibst diesen, ich zitiere, als "selbstgefällige Kreiswichserei". Was sollten Journalisten besser machen?

(Lacht.) Oje, diese Stelle hast du gefunden! Vermutlich müsste man versuchen, den Journalismus von der Ökonomie wegzuziehen. Wie wäre es mit einem Grundeinkommen für Journalistinnen und Journalisten? Jeder bekommt – egal, was er schreibt, und egal, wie viele Klicks er darauf kriegt – dieselbe Kohle. Ich glaube, dass dann anders berichtet werden würde. Konstruktiver und positiver Journalismus haben sich ja nie wirklich durchgesetzt. Erzürnung ist zu einfach. Es gibt fantastische Journalisten, ich glaube nur, die müssen sich ein bisschen selbst aufräumen.

Das eigene Privileg zu kennen ist wichtig!

von Tristan Horx

Du forderst zu radikaler Ehrlichkeit auf. Wie sieht das aus?

Ich glaube, das wäre eine neue Art von Kommunikation. Die radikale Ehrlichkeit soll ein Versuch sein, mit starker Verletzung die höflichen Scheinmauern von beiden Seiten zu durchbrechen, damit man danach ehrlich diskutieren kann. Ich bin in dem Buch teils schmerzhaft ehrlich – und auch nicht zimperlich, die Fehler unserer Genera­tion aufzuzeigen.

Wie radikal ehrlich warst du in diesem Interview?

(Lacht.) Ich glaube, ich war zu ehrlich, daran ist der Spritzer schuld. Aber in dem Moment, als du "Kreiswichsen" gesagt hast, ­dachte ich: "Okay, es gibt keine Regeln mehr!"

 

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