Trauer, Trost und Schmerz: Wie findet man sich mit dem scheinbar Untröstlichen ab?

VERLUSTERFAHRUNG. Warum geht Trösten bei Kindern so einfach und dann plötzlich nicht mehr? Psychiater Michael Lehofer meint, weil wir erst wieder lernen müssen, uns mit dem Untröstlichen abzufinden.

Trost spenden

Trösten ist keine leichte Sache. Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft lieber vertröstet, als sich wirklich um Trost zu bemühen. Können wir aus diesen ungesunden Vertröstungen wieder rausfinden? Ja, sagt der Grazer Psychi­ater Michael Lehofer, der gerade mit dem Bischof Hermann Glettler ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat (Trost: Wege aus der Verlorenheit, Styria Books, ¤ 22,–). Was Trost mit Begegnung zu tun hat, wo Spiritualität aufkeimt und warum wir uns dringend vom Optimierungsgedanken lösen müssen, um Trost erfahren zu können, darum geht es in diesem Gespräch.

WIENERIN: Wenn ich meine Kinder tröste, klappt das fast immer. Doch sie sind erst acht, und ich weiß leider, dass es eines Tages eben nicht mehr funktionieren wird. Warum verlernen wir, uns trösten zu lassen?

Michael Lehofer: Wir verlernen es nicht, denn wir sind ein ganzes Leben lang tröstbar. Trost ist ein Phänomen, das notwendig wird, wenn wir einen Verlust erleben, vor allem, wenn er existenziell ist. Dann haben wir einen akuten Mangel an Identität. Erst wenn uns jemand in dieser Situation Begegnung schenkt, bekommen wir die Möglichkeit, uns quasi wieder zusammenzubauen. Existenzielle Verluste sind im Laufe unseres Lebens unvermeidbar.

Also sprechen wir einmal konkret von einem existenziellen Verlust. Wenn jetzt etwa mein Mann oder mein Kind sterben würde – was schon in der Vorstellung extrem schmerzhaft ist –, würde ich so einen Verlust erfahren. Und wie soll dann Trost entstehen?

Wenn ein Mensch stirbt, den man sehr geliebt habt, dann ist man untröstlich, weil man sich nicht vorstellen kann, ohne ihn weiterleben zu können. Sie würden in einem solchen Fall vermutlich wütend werden, würden Schuldige suchen, würden versuchen, sich selbst zu vertrösten. Getröstet würden Sie aber erst, wenn Ihnen jemand dabei hilft, sich vorstellen zu können, auch ohne den unverzichtbaren Verlust weiterleben zu können. So freundet man sich erstaunlicherweise mit der Einsamkeit an und wird langsam wieder offen für neue Begegnungen. Dafür braucht man zumindest einen Begleiter – vielleicht eine Freundin, die ermutigt, die neue Wahrheit anzuschauen. Das alles braucht Vertrauen und vor allem Zeit, denn Trost lässt sich nie erzwingen.

In Ihrem Buch geht es um Trost, aber eben auch um Vertröstung – wo liegt denn aus Ihrer Sicht der Unterschied?

Die Grundlage ist, dass ich tief in das Untröstliche eindringen muss und mich mit dem Untröstlichen ab­finden muss, bevor ich getröstet werden kann. Und das passiert so selten, weil wir auch in unserer optimierten Welt immer möglichst schnell wieder Balance wollen und dieses Ungleichgewicht nicht gut aushalten. In so ­einer Situation laufen wir Gefahr, offen für Vertröstungen zu werden – dass alles „schon wieder gut“ wird oder dass "es vorbeigeht". Das alles tröstet uns nicht, denn erst, wenn wir uns mit der neuen Wahrheit anfreunden, kann Trost wirken.

Erst wenn wir uns mit der neuen Wahrheit anfreunden, kann Trost wirken.

von Psychi­ater Michael Lehofer

Sie sprechen von einer optimierten Welt; auch im Buch kommt so eine ähnliche Stelle vor. Sie ­schreiben, dass Menschen häufig "Sklaven auf einer Galeere sind, die unter ihrem eigenen Namen ­segelt" – was meinen Sie denn damit?

Wir machen alles zum Objekt – das meine ich damit. Und wenn Menschen das mit sich und anderen machen, dann entwürdigen sie sich und andere. Das kann in Partnerschaften geschehen, mit der Umwelt oder auch mit Kindern. Wenn Sie etwa Ihre Kinder nur als Objekt Ihrer narzisstischen Selbst­verwirklichung betrachten, dann werden diese vielleicht Ballett, Klavier und Chinesisch können, und Sie werden sich als tolle Mutter fühlen; aber Sie haben eigentlich nie einen Herzensblick für Ihre Kinder übrig gehabt, und daher fehlt den Kindern trotz allem die wesentliche Voraus­setzung für ein glückliches Leben. Dasselbe gilt für uns selbst: Wenn wir uns zum Objekt unserer Selbstverwirklichung machen, werden wir vielleicht erfolgreich, aber garantiert unglücklich. Das betrifft den Beruf, unsere Gesundheit, das Aussehen, was auch immer. Die Alternative wäre, statt optimiert einfach optimal zu leben.

Das klingt erstrebenswert, ist aber auch nicht leicht zu erreichen. Lassen Sie uns noch einmal zum Trost zurückkommen. Sie haben das Buch ja mit Bischof Hermann Glettler geschrieben. Spielt Reli­gion für Sie eine Rolle beim Thema Trost?

Zweifelsohne ist das "Geschäftsmodell" von Religionsgemeinschaften nicht selten eine klassische Vertröstung, kein Trost. Ich kann das Thema nur persönlich beantworten: Ich denke, es ist eine Tatsache, dass die Welt nicht an der Grenze unserer Wahrnehmung endet, denn wir können etwa anerkennen, dass Hunde besser riechen und Adler besser sehen als wir. Es gibt also jenseits unserer Wahrnehmung eine Welt, zu der wir keinen unmittelbaren Zugang haben, und da beginnt für mich Spiritualität. Mich interessiert diese Seite der Welt seit meiner Kindheit, wobei mich die Fragen ehrlicherweise immer mehr befriedigt haben als die Antworten.

 

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