Transsexualität: Im falschen Körper geboren

Eine Frau im Körper eines Mannes geboren – so beschreibt Autorin Hannah Winkler Transsexualität. Und sie muss es ja wissen, denn früher hieß sie einmal Dennis. In ihrem Buch „Fe-male“ erzählt sie von ihrem langen Weg bis zur Geschlechtsumwandlung.

In Ihrem Buch "Fe-male" geht es um das Thema Transsexualität. Geboren im falschen Körper kämpfen Sie für ein Leben als Mädchen und Frau. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Hannah Winkler: Nach einer kleinen Sinnkrise im Sommer 2009 habe ich mir die Frage gestellt, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Schnell war mir klar, dass ich anderen Menschen helfen und meine Erfahrungen weitergeben möchte. Vielleicht hilft mein Buch dem ein oder anderen auf seinem Weg der Selbstfindung.

Hannah Winkler im TV

Transsexualität ist angeboren. Wann haben Sie es gemerkt?

Bereits im Alter von drei Jahren habe ich gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt: In den darauffolgenden Jahren habe ich auch begriffen, was: Ich steckte im falschen Körper!

Hannah Winkler als Kind

Wie lange hat der Weg bis zur geschlechtsangleichenden Operation gedauert?
Als ich etwa zwölf war, wurde mir endgültig klar, dass ich ein Mädchen bin. Bis dahin hatte ich ein diffuses Gefühl, dass irgendetwas mit mir nicht in Ordnung war, hätte es aber nicht konkret benennen können. Nach eingehenden, oftmals erniedrigenden, psychologischen Untersuchungen bekam ich mit 14 die ersten Pubertätshemmer, um den Beginn der männlichen Pubertät aufzuhalten. Mit 16 begann dann die Hormonbehandlung zur Einleitung der weiblichen Pubertät. Als ich 17 wurde, änderte ich meinen männlichen Vornamen in einen weiblichen. Ein Jahr später unterzog ich mich dann endlich der geschlechtsangleichenden Operation.

Hatten Sie Angst oder Bedenken vor der OP?
Ich hatte nie Angst oder Bedenken vor der geschlechtsangleichenden Operation. Die Jahre bis zu meinem 18. Lebensjahr kamen mir vor wie eine Ewigkeit in der Hölle!

Sie haben die pubertätshemmenden Mittel und die weiblichen Hormone sehr früh bekommen haben und konnten daher gleich mit 18 operiert werden. Warum sind die meisten Transsexuellen älter, wenn sie diesen Schritt vollziehen?
Ich denke, dass viele transsexuelle Menschen Angst davor haben, ihre wahre Identität zu leben. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Menschen, die nicht der breiten Masse entsprechen, Diskriminierungen ausgesetzt sind. Der Weg, den ich begonnen habe, wäre vor 20, 30 Jahren gar nicht möglich gewesen. Erst langsam akzeptieren Ärzte und Wissenschaftler, dass Transsexualität angeboren ist und keine psychische Erkrankung darstellt. Viele ältere Transsexuelle, die den Weg erst jetzt gehen, wären zur ihrer Jugendzeit wahrscheinlich an den Behörden und der Gesellschaft gescheitert.


Die Behandlung von minderjährigen Patienten ist stark umstritten. Wie sehen Sie das?
Eine medikamentöse Behandlung bei minderjährigen Patienten ist unumgänglich, wenn man das Leid der Betroffenen mindern, und ihnen ein würdevolles Leben schenken möchte. Nach der Pubertät ist der Körper, egal ob weiblich oder männlich, irreversibel „deformiert". Nur durch langjährige Behandlungen und schwere Operationen, die oftmals sehr schmerzvoll sind, lassen sich die geschlechtstypischen Merkmale umformen. Die Entwicklung eines männlichen Körperbaus allerdings kann man nur vor Pubertätsbeginn stoppen. Nach der körperlichen Vermännlichung, lässt sich an der Statur kaum noch etwas verändern.

Welche Rolle spielten Ihre Eltern? Sie hatten sich früh scheiden lassen. Ihre Mutter, bei der Sie gewohnt haben, starb, als Sie erst 13 waren. Danach sind Sie zu Ihrem Vater gezogen.
Meine Mutter schenkte mir einmal ein Kleid aus ihrer Jugend, da war ich sechs Jahre alt und überglücklich. Ich dachte, meine Gebete wurden erhört und ich dürfte von nun an für immer so herumlaufen. Leider war das ein Irrtum. Viele dachten, ich sei einfach schwul und kleide mich gerne weiblich. Die Komplexität meiner Situation konnte ich als Kind nur durch Emotionen ausdrücken, nicht aber mit Worten. Dementsprechend war ich ein ziemlich unglückliches Kind. Mein Vater betrachtete das Geschehen mit leichter Ignoranz. Als ich dann zu ihm zog und er merkte, dass es mir ernst war, unterstützte er mich. Er hatte aber auch große Angst, etwas falsch zu machen, und arbeitete gegen mein Vorhaben, körperlich eine Frau zu werden.


Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Vater heute?
Heute verstehen mein Vater und ich uns ziemlich gut. Die Wogen sind geglättet und er hat verstanden, dass Transsexualität keine psychische Krankheit ist, die man mit der vermeintlich richtigen Erziehung „heilen" kann.

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Sie hatten einen wichtigen Verbündeten, einen Sozialarbeiter. Er vermittelte Ihnen den richtigen Therapeuten und sorgte so dafür, dass die pubertätshemmende Medikation rechtzeitig beginnen konnte, bevor die Pubertät einsetzte. Wie wichtig war das für Sie?
Dieser Schritt war lebensnotwendig für mich. Wäre diese Hilfe einen Tag später gekommen, würde ich nicht mehr leben.


Was haben Ihre Mitschüler zum Coming-Out gesagt?

Meine Mitschülerinnen haben mich immer als Mädchen gesehen. Bei den Jungs stieß ich natürlich mit meinem gegengeschlechtlichen Verhalten auf heftige Reaktionen und erlebte verbale und nonverbale Attacken.


Ihre Betreuern und Lehrern haben anders reagiert. Was glauben Sie ist der Grund dafür?

Das Thema Transsexualität ist erst in den letzten Jahren mehr und mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Und dennoch hält sich die mittlerweile widerlegte
These hartnäckig, dass transsexuelle Menschen psychisch krank seien. Solange dieses Vorurteil existiert, werden wir unter Menschen, wie ich sie in meinem Buch beschreibe, ein Leben lang leiden.

Oft hat Ihnen Ihr Umfeld suggeriert, dass es sich nur um eine Phase handele. Wie haben Sie es geschafft, dennoch an Ihrem Traum festzuhalten?
Ich bin weder ein besonders starker Mensch, noch besitze ich irgendwelche außergewöhnlichen Fähigkeiten, die mich durch diese Zeit gebracht hätten. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist die nackte Angst, die mich jeden einzelnen Tag begleitet hat. Die Angst ist eine immense Kraftquelle. Nur durch sie bin ich so weit gekommen.

Sie haben immer wieder zur Flasche gegriffen, bis Sie schließlich mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet sind.
Meine Alkoholvergiftung hat mich in die Knie gezwungen. Als ich damals im Krankenhaus lag und mein Körper so geschwächt war, musste sich einfach etwas ändern. Alkohol ist nun mal keine Lösung!

Sie hatten den Mut, mitten im Unterricht aufzustehen und zu sagen: „Ich bin ein transsexuelles Mädchen. Ich will mich nicht länger für das schämen, was ich bin. Denn ich bin genauso viel wert wie jeder von euch auch." Wie kam es dazu?
Den Mut habe ich aus den jahrelangen Demütigungen und der angestauten Wut gezogen. Durch meine Erfahrungen lernte ich schnell. Mir wurde klar, dass nicht ich das Problem bin, sondern die Einstellung meiner Mitmenschen. Einer muss ja der Erste sein, der aufsteht, also dachte ich mir: „Hey, warum nicht ich! Zu verlieren habe ich ja sowieso nichts mehr."

Mit 17 haben Sie Ihren Namen offiziell in Hannah geändert. Ein wichtiger Schritt?
Den Namen zu ändern war einer der wichtigsten Schritte. Endlich konnte ich meinen Ausweis überall zeigen, ohne auf Irritationen zu stoßen. Eine große Last verschwand
von meinen Schultern. Ich war nun offiziell Hannah Winkler. Nie wieder würde mich jemand mit meinem falschen Namen ansprechen dürfen. Meine Eltern hätten mich Hannah genannt, wenn ich eindeutig als Mädchen zur Welt gekommen wäre. Darum entschied ich mich für diesen Namen. Das Leben ist ja kein Wunschkonzert und normalerweise suchen ja auch die Eltern den Namen des Kindes aus. Weil sie sich das erste Mal ziemlich vertan hatten, wollte ich Ihnen die Möglichkeit geben, diesen Fauxpas zu korrigieren.

Am Ende des Buches schildern Sie eine kurze leidenschaftliche Begegnung mit einem jungen Mann. Warum wendet er sich von Ihnen ab, nachdem Sie von Ihrer OP erzählt haben? War es Hilflosigkeit?
Viele Menschen verstehen Transsexualität nicht. In den Medien werden wir oft als verstörte Menschen, die einen krankhaften Zwang ausleben möchten, dargestellt. Letztlich bin ich eine ganz gewöhnliche Frau, die mit den falschen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen ist. Das passiert häufiger, als man denkt. Ich denke, dass es vielen schwerfällt, über den Tellerrand zu schauen. Alles, was von der vermeintlichen Norm abweicht, wird als abnormal oder krank bezeichnet. Es gibt, so glaube ich, nur wenige Menschen, die die Gabe besitzen, einen Menschen ganzheitlich mit all seinen Facetten und in seiner Vielfalt wahrzunehmen. Menschen haben sich schon immer vor dem gefürchtet, was sie nicht kennen.

„Mannweib", „Transe" und schlimmere Beschimpfungen mussten Sie lange über sich ergehen lassen. Wie haben Sie das ertragen?
Die vielen Anfeindungen haben meine Seele sehr vergiftet, und ich war als Jugendliche sehr misstrauisch anderen gegenüber. Nur durch meine Freunde habe ich das Vertrauen wiedergefunden und weiß, dass es Menschen gibt, die mich verstehen und annehmen, wie ich bin. Da ist es mir nicht mehr so wichtig, was Fremde von mir denken. Hauptsache ist doch, dass man sich selbst mit einem Lächeln begegnen kann.

Gibt es Ihrer Meinung nach ein öffentliches Bewusstsein für das Thema Transsexualität in der Gesellschaft?
Zum Glück wendet sich langsam das Bild von uns in der Öffentlichkeit. Es gibt immer mehr Wissenschaftler, die ihre Forschungen über das Thema veröffentlichen und zweifelsfrei belegen, dass Transsexualität keine Krankheit ist. Ich hoffe, dass diese Botschaft große Aufmerksamkeit erregt und sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Darum habe ich „Fe-male" auch geschrieben. Ich möchte diese spannende und längst nötige Veränderung aktiv mitgestalten. Ich wünsche mir sehr, dass die Politik und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aktiver mit dem Thema umgehen und dass sich das Transsexuellengesetz zum Wohle der Betroffenen ändert. Und es müssten mehr Printkampagnen und Werbespots gestartet werden, so wie man sie von Aids oder Homophobie kennt.

 

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