Transgenderliebe: So übersteht die Beziehung eine Geschlechtsumwandlung

Ein Ich trifft ein Du und verliebt sich. Da sagt das Du, dass es keine Frau mehr sein will. Sagt das Ich: „Macht nichts. Ich lieb dich so, wie du bist.“ Über eine starke Beziehung, die eine Geschlechtsumwandlung aushält.

"Schatz, ich will in Zukunft nicht mehr als Frau leben, sondern als Mann.“ Das ist schon ein heftiger Satz, wenn er in einer ­Beziehung fällt. Kann eine Partnerschaft so was aushalten? Dass der oder die eine das Geschlecht wechselt? Sie kann, wie wir im Gespräch mit einem außergewöhnlichen Paar erfahren haben. Sarah*, 35, und Richard*, 38, waren noch vor ­einiger Zeit als Sarah und Irene miteinander glücklich. Seit sieben Jahren sind die beiden ein Paar, seit ungefähr eineinhalb läuft der Prozess, der Irene zu Richard macht. Die Hormontherapie hat seine Stimme tief werden lassen, die Brust-OP steht kurz bevor. Trifft man die zwei heute, sieht man einen Mann und eine Frau, auch wenn das rein körperlich aktuell noch nicht ganz so ist.

Die komplette Umwandlung von der Frau zum Mann ist ein langer bürokratischer Weg und schon belastend für beide. Der WIENERIN haben sie ­erklärt, wie sie das meistern und dass das Geschlecht nebensächlich sei, wenn man den Menschen liebt.

Richard, wie war das, als du ­gemerkt hast, hoppla, ich möchte in Zukunft lieber als Mann leben?

Richard: Ich hatte mich früher selber als lesbisch kategorisiert. Ich bin am Land groß geworden – dass es so was wie Transsexualität gibt, wusste ich damals nicht einmal. Eine Fernsehdokumentation hat mir dann so richtig die Augen geöffnet. Sarah war da grad arbeiten, ich hab mit meiner Schwester telefoniert und ihr gesagt: „So eine Umwandlung würd ich auch machen, wenn ich zehn Jahre jünger wäre.“ Und im selben Moment wusste ich, dass das mit dem Alter gar nichts zu tun hat, dass ich mir das Thema für mich auf jeden Fall genauer anschauen muss.

Zu dem Zeitpunkt wart ihr schon einige Jahre zusammen. Hast du ­Sarah sofort drauf angesprochen?

Richard: Ich glaub, ich hab das schon ganz kurz mit mir selber geklärt, aber es noch am selben Abend dann ausgesprochen.

Sarah: Ich hab grad in meiner Bar gearbeitet, als ich die Nachricht bekam: „Müssen dringend miteinander reden.“ Ob ich dann überrascht war, weiß ich gar nicht mehr. Auf jeden Fall war es nichts, was mich wirklich schockiert hätte. Deine Schwester hat dann gemeint, sie hätte es ­sowieso schon immer gewusst.

Geh ich aufs Frauenklo, schauen die Frauen komisch, geh ich aufs Männerklo, schauen die Männer komisch.

von Richard

Und war dir, Sarah, auch sofort klar, dass du diesen Weg mitgehst?

Sarah: Ja, das war überhaupt keine Frage. Man sucht sich das ja nicht aus, ich war einfach da, als das Thema aufgekommen ist. Und grundsätzlich bin ich da eigentlich recht unkom­pliziert und – wie sagst du immer, ­Richard – anspruchslos. Ich werde schon häufig gefragt, wie’s mir dabei geht, und hab den Eindruck, manchmal glauben mir die Leute nicht, dass ich kein Problem damit hab. Dann horch ich schon auch in mich rein und versuch rauszufinden, ob ich das vielleicht nur sag, aber: Nein, ich hab wirklich kein Problem damit.

Was hat sich seither verändert zwischen euch?

Sarah: Prinzipiell ist eigentlich ­alles gleich geblieben zwischen uns. Aber ich kann viele Dinge jetzt besser nachvollziehen als früher, zum Beispiel, warum er nie ins Kino oder in ein Restaurant wollte …

Richard: So was war immer reiner Stress für mich, ich hab sofort überlegt, was da alles auf mich zukommen könnte, zum Beispiel wenn ich auf die Toilette gehen müsste: Geh ich aufs Frauenklo, schauen die Frauen komisch, geh ich aufs Männerklo, schauen die Männer komisch.

Sarah: Deshalb freu ich mich schon irrsinnig auf die Zukunft, dass wir einfach schwimmen gehen können, denn Badeanzug oder Bikini waren ja auch ein absolutes No-Go. Wir haben schon große Pläne gemacht, was wir dann in aller Unbeschwertheit tun werden: Kino, essen gehen, Stand Up Paddling, klettern, baden.

Und worauf freust du dich am meisten, Richard?

Richard: Das klingt jetzt so belanglos, aber darauf, ein ganz stinknormales T-Shirt anziehen zu können, ohne irgendwas verstecken zu müssen. Ich hab mich schon immer recht locker angezogen und auch ­keine Riesenoberweite, aber es hat gereicht, dass es mich genervt hat.

Dann fängt er ja eigentlich eine Art neues Leben an und ob ich da dann noch reinpasse und Platz haben werde, das wissen wir halt auch noch nicht.

von Sarah

Du nimmst jetzt schon seit einiger Zeit Hormone, die Brustoperation steht kurz bevor, fühlst du dich in deinem Körper grade wohl?

Richard: Im Großen und Ganzen, ja. Ich merk, dass diese Testosterontherapie einen Kampf in meinem Körper verursacht, und das fühlt sich komisch an, es zwickt dort und da. Wenn das einmal weg ist, bin ich froh. Aber im Grunde geht’s mir gut. Auch wenn’s so mittendrin in dem Prozess noch nicht stimmig ist, ich fühl mich wohler als vorher. Ich will das ja so.

Die Umwandlung hat ja auch ­Einfluss auf eure Sexualität, wie schwierig ist das?

Sarah: Das ist überhaupt kein Problem, ich seh mich selber weder als Lesbe noch als klassischen Hetero, ich würde sagen, ich bin ein Menschenfreund, auch wenn das blöd klingt. Ich hab mich in die Person verliebt, in die Art, und dadurch, dass ich schon mit beiden Geschlechtern in Kontakt war, ist mir das echt egal. Ich lieb sie so, wie sie ist, ich lieb ihn so, wie er ist, und auch wenn er sagen würde, er bliebe so – ich nenn ihn grad ­„Inbetweeny“ (lacht) –, wär das völlig okay.

Was empfindet ihr als belastend an der aktuellen Situation?

Richard: Ich hab grad das Gefühl, dass ich weder auf die eine Seite passe noch auf die andere. Ich fühl mich im Moment als Zwischenwesen und das ist schwierig. Man muss funktionieren und fragt sich, was will ich jetzt sein: mehr der kantige Typ oder will ich das Weiche beibehalten? Ich hab Maschinenbau gelernt und in ­einer männerdominierten Branche hat man es halt auch nicht leicht, wenn man zu „weich“ ist.

Sarah: Ich finde es belastend, dass sich grade alles um dieses eine Thema dreht und es auch alles beeinflusst. Zum Beispiel wäre unsere ­finanzielle Situation einfacher, hätte Richard grad einen Job. Aber mitten in einer Umwandlung einen zu ­finden, das ist fast unmöglich. Man kann auch schlecht auf frühere ­Arbeitgeber verweisen, weil dort ja nicht Richard, sondern Irene ­gearbeitet hat. Oder die Stimmungsschwankungen wegen der Hormone. Man muss schon viel Verständnis füreinander aufbringen. Man schiebt auch jeden Streit, jede Kleinigkeit auf die Umwandlung, wurscht, ob das stimmt oder nicht.

Klingt schon recht herausfordernd. Was ist euer Rezept, dass die Beziehung nach wie vor gelingt?

Sarah: Puh, ich glaub, unser Motto ist: Augen zu und durch! Und wenn wir das überstanden haben, dann kann uns ja nichts mehr passieren. Ich mein, was soll dann noch kommen? Wobei ich schon auch dran denk, wie das weitergeht, wenn die Umwandlung einmal durch ist. Dann fängt er ja eigentlich eine Art neues Leben an und ob ich da dann noch reinpasse und Platz haben werde, das wissen wir halt auch noch nicht. Vielleicht heiraten wir aber auch! Das wär ja dann viel leichter möglich, als es bisher war.
Richard: Ich denk mir oft, ich ­hätte die Nerven an ihrer Stelle nicht, ich weiß schon, dass es viel aussagt, wenn jemand so einen Weg mitgeht.

Sarah: Manchmal denk ich mir, ­vielleicht bin ich aber auch eine Belastung in dem ganzen Ding, weil er halt auch Rücksicht nehmen muss auf mich. Wär es einfacher, wenn er den Weg allein gehen würde?

Richard: Ich frag mich das umgekehrt auch, ob sie es nicht leichter hätt ohne mich …

Sarah: Und dann reden wir viel und bleiben zusammen (lacht). Wir gehören halt einfach zusammen, wir sind das Beste, was uns gegenseitig passieren hätte können.

Sarah, hast du dich eigentlich schon dran gewöhnt, einen Mann an deiner Seite zu haben?

Richard: Das hätt ich dich eigentlich auch schon mal fragen können …

Sarah: Ich merk da eigentlich ­keinen Unterschied, er ist für mich halt immer noch dieselbe Person. Ich seh ihn einfach durch liebende Augen und deshalb fühlt sich da nichts anders an als vorher.

Und punkto Vorname? Richard hieß mal Irene, „er“ war mal „sie“.

Sarah: Beim Namen tu ich mir tatsächlich noch immer schwer, wobei mein Vorteil ist: Ich hab von Anfang an „Schatzi“ gesagt und ihn nur ganz selten beim Vornamen genannt. Wo ich mich umgewöhnen musste, ist im Umgang mit unserem Hund. Da hab ich früher immer gesagt: „Geh zum Frauli“ und jetzt sag ich „Geh zum Chef“ und der Hund hat’s auch schon kapiert. In Erzählungen muss ich mich auch noch stark konzentrieren, dieses „er“ flutscht noch nicht so selbstverständlich aus mir raus, da muss ich mich zusammenreißen.

Richard: So geht’s mir selber aber auch noch, ich verwechsle das auch noch manchmal.

Sarah: So einfach ist das alles dann eh nicht, wenn man drüber nachdenkt. Aber das schaffen wir auch noch, wir haben die letzten Jahre auch hingekriegt. Und da gab es viele Hochs und Tiefs – zuerst, weil wir nicht wussten, warum es ist, wie es ist, dann, weil wir es wussten. Vielleicht ist das jetzt unsere Vorbereitungszeit und unsere richtige Beziehung beginnt, wenn das ­Leben wieder ganz normal ist.

Das sagt die Therapeutin dazu: „Die größten Herausforderungen für solche Paare sind die Veränderungen im (sexuellen) Rollenbild. Das ist für Frauen, deren Mann sich umwandeln lässt, häufig recht schwierig und daran zerbrechen auch Beziehungen. Wenn man den Weg gemeinsam geht, ist es wichtig, sich über anstehende Schritte gut zu informieren, viel miteinander zu reden und sich ev. mittels Paartherapie helfen zu lassen. Wir sollten auch Rollenklischees hinterfragen, dann hätten es solche Paare leichter.“

Transidentität. Bedeutet: die gefühlte Geschlechtsidentität stimmt nicht oder nur teilweise mit dem biologischen Geschlecht überein.

Umgang damit. Manchen Personen reicht es, sich ein wenig weiblicher oder männlicher anzuziehen, um sich wohler zu fühlen. Andere greifen zu weiteren geschlechtsangleichenden Maßnahmen wie Hormontherapie oder Operationen (z. B. Brustabnahme, Penoidaufbau oder Hodenentfernung, Bildung einer Neovagina).
Angleichung. Sofern man alle ärztlichen und psychologischen Stellungnahmen vorweisen kann, übernimmt die Kranken­kassa angleichende Maßnahmen.

Beratung. 1. Courage Wien ­berät transidente Personen, deren Partner und Angehörige, courage-beratung.at. 2. Transsexuellen ­Ambulanz betreut Transidente, v. a. während der Hormontherapie, AKH Wien. Leitung: Ulrike Kaufmann, T: 01/404 002-34 40.

 

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