Toxische Pommes: "Bobos haben ein gutes Herz, aber checken ihre Privilegien nicht"

Sie nennt sich Toxische Pommes und bringt eine coole Rotzigkeit in die heile Instagram-Welt. Warum sie sich am liebsten über Bobos lustig macht und sich selbst als Tschusch bezeichnet, hat sie uns bei einem Spritzer verraten.

Auf einen Spritzer mit Toxische Pommes

Wir treffen uns am Wiener Würstelstand in der Pfeilgasse im Achten, wo es vegane Bosna und Bio-Lammwürstel gibt und der Spritzer der Eigenmarke in minimalistischen Fläschchen verkauft wird. Genau die Szene, über die unsere Interviewpartnerin mit Vorliebe Witze macht - wenn sie nicht ihre eigenen Balkanwurzeln aufs Korn nimmt, oder Jurist*innen, von denen sie auch eine ist.

Sie heißt Irina und möchte ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen, aber unter dem Pseudonym Toxische Pommes hat sie es schnell auf über 60.000 Follower*innen auf Instagram und Tiktok gebracht - Tendenz täglich steigend. Ihre Rezeptur ist: laut, provokant, mit Hang zur exzessiven Uneitelkeit - also die Antithese zur pastellenen Insta-Welt. Wir stoßen an und beginnen mit einem entsprechend unkonventionellen Interview.

WIENERIN: Stell dir vor, ein Außerirdischer ist auf der Erde gelandet, um die Menschen zu erforschen. Wie erklärst du ihm Social Media?

Toxische Pommes: Damn! Ich hatte nicht so philosophische Fragen erwartet. Ich dachte eher, es wird so: "Warum heißt du Toxische Pommes?" Ich würde sagen - ohne jetzt wie ein Boomer zu klingen (mit nasaler Stimme):"Jo, die Menschen haben verleeernt, zu kommunizieren, und schuld ist das Interneeet!" Nein, es ist einfach eine erweiterte Form der Kommunikation und ein bisschen eine Bühne für die narzisstischen Seiten in uns. Ich finde, Social Media haben urviele positive Seiten, und auch negative. Aber ich würde sagen, sie sind eine "sexy" Art der Kommunikation oder so.

Wie würdest du dem Außerirdischen beschreiben, wer Toxische Pommes eigentlich ist?

Ich würde sagen: Hast du keine besseren Fragen? (Lacht.) Ich würde sagen: "Ich mache mich lustig über unsere Gesellschaft, über gewisse Phänomene, die absurd sind, wenn man einen Schritt zurückmacht. Irgendwo lästere ich einfach über viele Menschentypen, würde ich sagen.

Welche Menschen sind das?

Ich habe angefangen mit dem ganzen "Ausländer versus Österreicher"-Thema. Mit diesen Stereotypen, die ich versuche, satirisch aufzubereiten. Ich mache gern Witze über Bobos, weil ich auch in so einem Bobo-Viertel wohne; Stichwort: Gentrifizierung. Und immer, wenn ich an einem Spielplatz vorbeigehe, höre ich: "Konstantiiin! Ferdinaaand!" Also Bobos sind sehr präsent in meinem Leben, darum mache ich mich über sie lustig. Und über meinen beruflichen Background als Juristin, und über sehr stereotype Juristinnen und Juristen. Und den Kapitalismus! (Lacht.)

Was sind Bobos für dich? Wie würdest du das beschreiben?

Hast du den Film Parasite gesehen? Das sind jetzt keine Bobos in dem Sinn, aber ich finde, sie verkörpern sehr gut dieses Mindset. Sie haben an sich eh ein gutes Herz, sie wollen eh was Gutes, aber sie checken ihre Privilegien einfach nicht. Sie sind zu einem großen Teil ignorant, versuchen aber, nicht ignorant zu sein, und scheitern kläglich daran. Leute, die glauben, wenn sie bei Denns einkaufen, retten sie die Welt. Und die nicht checken, dass es sich eine Dragana aus Floridsdorf nicht leisten kann, für drei Tomaten zehn Euro zu zahlen. Was sind Bobos für mich? Rich, fancy people, die auf cool tun.

Hast du Angst, dass du selber ein Bobo werden könntest? Du wohnst in einem Bobo-Viertel ...

Auf jeden Fall. Aber ich muss sagen, als ich dort hingezogen bin, war es eine extrem drogige Gegend. Das ist mein Excuse. Ich habe eine billige Miete bekommen, weil lauter Junkies und Drogendealer meine Nachbarn waren.

Du hast insgesamt über 60.000 Follower*innen. Könntest du dir vorstellen, eine Influencerin zu werden - Leuten zeigen, welche Waschmaschine und welchen Fernseher du von irgendwelchen Firmen geschenkt bekommen hast?

Ich judge Leute, die das machen, überhaupt nicht. Aber ich habe das Glück, dass ich Jus studieren konnte und ein Einkommen habe. Insofern glaube ich nicht, dass ich jetzt groß Produkte vermarkten würde. Also Waschmaschinen eher nicht. Außer, es ist eine urtolle Waschmaschine. (Überlegt.) Einen Trockner würde ich vermarkten - ich brauche eigentlich einen Trockner! (Lacht.)

Subtiler Aufruf?

Ja, bitte, liebe Trocknerhersteller! (Lacht.)

Du hast deinen Beruf als Juristin erwähnt. Wie verträgt sich das mit deinem doch sehr kantigen Auftritt auf Social Media - wissen deine Kolleg*innen davon?

Ich habe gerade eine neue Stelle angefangen, die im jetzigen Büro wissen das, und das finde ich auch sehr cool, weil ich das Gefühl habe, ich muss nichts verstecken. Ich habe mit dieser exzessiven Produktion von Videos angefangen, nachdem ich letztes Jahr meinen damaligen Job gekündigt hatte. Ich habe mir gedacht, ich habe nichts zu verlieren, ich kann mich zum Affen machen im Internet. Und ich habe dann für ein paar Monate Auszeit gehabt.

Dann stelle ich jetzt trotzdem die Frage: Warum heißt du Toxische Pommes?

(Lacht laut los.) Ich wollte die Frage nicht shamen. Es ist einfach nur, weil ich in einer toxischen Beziehung war und Pommes mag - that's it.

Was anderes: Wie erklärst du eigentlich Österreicher*innen, dass du das Wort "Jugo" benutzt? Ich wurde ja selber schon ausgebessert, obwohl ich ein Jugo bin.

Voll. Ich sag lieber Ex-Jugos. Es gibt dieses Land nicht mehr und es gibt genug Menschen, die nicht Jugos genannt werden möchten. Aber wenn Österreicher dazu etwas sagen, denke ich mir: Ich wurde als Kind so beschimpft und jetzt darf ich mich nicht so nennen? Ich würde sagen, das ist für mich - auch, sich als Tschuksel oder Tschusch zu bezeichnen - im Endeffekt eine Form des Ownens einer Beleidigung.

Gibt es etwas, worüber du dich nicht lustig machen würdest?

Ja, klar. Ich versuche, keine Menschen in ihrer Identität tief zu kränken oder mich nicht über traumatische Erlebnisse von anderen lustig zu machen. Es gibt schon auch Grenzen und ich versuche, mich an denen zu bewegen.

Aber schon ein bisserl zu provozieren ...

Das habe ich wahrscheinlich von meinem Balkan-Dad, der den ganzen Tag nichts anderes macht, als Menschen zu provozieren. Da kann man auch sagen, das ist toxisch, aber ja. (Lacht.)

Letzte Frage -vielleicht als Gourmet-Tipp an unsere Leserinnen und Leser: dein persönlicher Serviervorschlag für Pommes?

Am geilsten finde ich die Pommes im Freibad. Wenn sie so soggy sind, so ang'saftelt, wo viel zu viel Ketchup drauf ist. Und dann kommst du da nicht rein mit den Fingern und bist voll. Es ist urgrindig, aber irgendwie hat es auch was Schönes.

 

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