Tod den Teufelskostümen! Warum ich Halloween in Wien hasse

Der Tod muss ein Wiener sein. Halloween aber nicht. Diese Wienerin hat ein Problem mit neuen Traditionen.

Meine früheste Erinnerung an Halloween ist eine Diskussion zwischen meinen Eltern und mir, wie arschlochig es wäre, die Lichter zu Hause abzudrehen, damit die Kiddos aufhören, anzuläuten. Es muss irgendwann in meinen frühen Teenagerjahren gewesen sein; das erste Jahrzehnt meines Lebens waren diese leidigen verkleideten Bettler nämlich kein Thema, geschweige denn, dass ich in den 90ern selbst "Süßes, sonst gibt's Saures!" schreiend durch Stadlau gelaufen wäre.

Dieser Absatz darf gerne als liebevolle Erinnerung gesehen werden, dass nicht alles, was Kinder machen, süß ist und diese kulturimperialistische Tradition bis ca. 2003 in Österreich in etwa so verbreitet war wie Feminismus in FPÖ-Kreisen. Meine Abneigung ist nicht außerordentlich reflektiert, vergleichbar mit jener gegen Babypartys, und lautet: Es ist neu und übertrieben und amerikanisch und man muss nicht immer aus allem so ein großes Bahö machen. Diesbezüglich ist es vielleicht wissenswert, dass ich aus einem Haushalt stamme, in dem man sich auch gegen Schultüten und den kindlichen Glauben an den Osterhasen oder das Christkind entschieden hat. Vermutlich lässt sich durch die vorenthaltenen Kinderlügen und unaufgeregten Geschenke meine Abneigung gegenüber aufgesetzten Traditionen erklären. Die Ruhe liegt für mich im Wein und nicht in Verkleidungen.

Zu viel David Guetta und zu wenig Georg Kreisler


Verkleidungen kann ich nämlich genauso wenig abgewinnen wie dem Belohnen von Kindern, die einem mit Streichen drohen. Daher kann ich an diesem Abend nicht mal das Haus verlassen. Fortgehen an Halloween bedeutet nämlich, in jedem Club und jeder U-Bahn mit blutverschmierten, betrunkenen Fratzen konfrontiert zu werden, was sogar meine Öffi-Liebe ein wenig trübt. Insgesamt ist das halt alles ein bisschen zu bemüht. Zu viel David Guetta und zu wenig Georg Kreisler. Der Todeslust wird mit zu viel übertrieben guter Laune gefrönt. Wien ist eh die Hauptstadt des morbiden Charmes, aber die hiesige Tradition beinhaltet nicht, sich eine mexikanische Totenmaske aufzumalen und zu "Thriller" zu tanzen. Sie beinhaltet auch nicht, den 31. Oktober als Ausrede zu verwenden, um knappe Kostüme zu legitimieren und sich als "sexy Teufelchen" zu verkleiden. Sie beinhaltet, zu viele Liter/Liter-Kombos bestellt zu haben und plötzlich von einem Bewusstsein überkommen zu werden, dass es den Wein vermutlich länger geben wird als einen selbst.

In Wien ist der Tod Teil des Lebens. Deswegen ist der Zentralfriedhof auch eines der beliebtesten Naherholungsgebiete der Wiener. Wir fragen uns nicht nur im November, was eigentlich der Sinn von all dem hier sein soll, und ertränken unsere Zweifel dann gemütlich in Grünem Veltliner. Aber wenn es kälter wird und die Blätter fallen, entwickelt sich Missmut noch ein bisschen leichter. Deswegen kann man im November auch ruhig mal die Party hinter sich lassen und sich von der Stadt sagen lassen, dass Melancholie auch okay ist.

 

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