Tijen Karas: "Dann hat er eine Waffe auf mich gerichtet"

Soll man mit einem regierungstreuen TV-Star aus der Türkei ein Interview machen? Schwieriges Thema. Wir haben uns dafür entschieden und konfrontierten Tijen Karas mit Fragen über die Nacht des Putschversuchs und die Pressefreiheit in ihrer Heimat. Dann passierte plötzlich Erstaunliches.

Vorab ganz kurz: Zum Zeitpunkt dieses Interviews - das ist rund um den Frauentag am 8. März 2017 - herrscht gerade Eiszeit zwischen vielen Ländern der EU und Recep Tayyip Erdogan. Auch aus Österreich gibt es massive Kritik an den angekündigten Wahlkampfveranstaltungen, die in Österreich stattfinden könnten. Daher nehme ich einen türkisch sprachigen Fotoassistenten mit zu dem Termin, um sicher zu gehen, dass alles, was Tijen Karas mir auf türkisch sagt, auch korrekt übersetzt wird. Und zumindest diese Sorge erweist sich als nicht berechtigt - nichts wird geschönt, nichts verschwiegen. Trotzdem wird dieses Interview sehr merkwürdig werden.

Wer ist Tijen Karas?

Tijen Karas hat eine unglaublich rauchige Stimme, obwohl sie nicht raucht. Dabei wirkt sie sonst sehr feminin und zart. Sie ist heute ein Star in der Türkei, denn sie wurde unfreiwillig das Gesicht des Putschversuchs vom 15. Juli 2016. Die 41-jährige Frontfrau des Regierungssenders TRT wurde unter Waffengewalt gezwungen, die Forderungen der Putschisten live vorzulesen. Ein psychologisch smartes Mittel – auf Kosten einer Frau, die in dieser Nacht wirklich dachte, sterben zu müssen.

Noch nie hat sie einem österreichischen Medium ein Interview gegeben, die WIENERIN wird es exklusiv haben. Doch der Zeitpunkt ist kein Zufall. Am 16. April findet das höchst umstrittene Verfassungsreferendum in der Türkei statt, das seinen Ursprung in der Nacht des 15. Juli hat. Ziel ist es, noch mehr Rechte und direkten Einfluss für Präsident Recep Tayyip Erdogan zu erwirken. Auch in Österreich will man hier lebende Türkinnen und Türken für ein Ja mobilisieren. Durch türkische Politiker, die hier wahlkämpfen wollen. Eine Provokation. Das Ergebnis war wochenlang sichtbar, die Türkei wollte den Konflikt mit Europa für innertürkische Solidarisierung nützen. Ich aber wollte das Interview trotzdem machen.

Mich interessiert die Frau hinter dem Gesicht, ihre Geschichte, ihre journalistische Sicht. Wird sie offen sein, berechnend, manipulierend? Wir treffen uns in Wien, im ersten Bezirk, im Büro der UETD, eines türkischen Kulturvereins, der ganz klar der AKP, also der Partei Erdogans zugehörig ist. Neben Tijen Karas und einer Übersetzerin haben noch eine Reihe anderer Frauen Platz genommen. Sie werden im Lauf des Interviews auch eine Rolle spielen.

Jeder, der sich rührt, wird erschossen

WIENERIN: Tijen Karas, dachten Sie irgendwann in dieser Nacht des 15. Juli, dass Sie sterben könnten?

TIJEN KARAS: Es war echt eine Nacht, die nicht mehr aufzuhören schien. Ich war im Sender und hatte gerade die 22-Uhr-Nachrichten fertigmoderiert. Die Redaktion hat zuerst nichts von all dem mitbekommen, nicht von den Jets, nicht von den Unruhen – unser Studio ist extrem schallgeschützt. Meine Tochter rief an und meinte: "Mama, es fliegen Jets!" Irgendwann bekamen wir mit, dass die Brücke in Istanbul besetzt worden war. Da dachten wir erst an einen Terroranschlag. Kurz vor 23 Uhr überlegte ich noch, wie man in den Spätnachrichten berichten könnte, ohne Panik zu verbreiten. Da stürmten plötzlich Soldaten ins Studio, wir mussten uns auf den Boden legen; der Kommandeur sagte, dass jeder, der sich rührt, erschossen werden würde. Ich war minutenlang unten, durfte meinen Kopf nicht heben. Plötzlich gab es einen Befehl und der Kommandeur sagte, dass ich eine Erklärung live auf Sendung vorlesen solle. Er zeigte mir sein Handy, es war eine WhatsApp-Nachricht. Ich sagte, dass ich kurzsichtig sei, es also unmöglich lesen könne. Sie druckten die Nachricht aus, legten den Text auf den Teleprompter und es ging los.

WIENERIN: Können Sie sich noch erinnern, wie Sie sich fühlten und was Sie gelesen haben?

KARAS: Der Kommandeur hat sich schräg rechts vor mich hingestellt und eine Waffe auf mich gerichtet. Ich habe so gezittert, dass meine Beine ständig am Tisch anstießen, und ich musste meine Hände festhalten, damit man nicht sah, wie sie zuckten. Dann las ich den Text. Live. Immer wieder. Mit fünf Sekunden Pause. Nach der zehnten oder elften Wiederholung wurde endlich eine Aufzeichnung gemacht. Mir war nicht bewusst, was ich inhaltlich gelesen hatte.

WIENERIN: Wie ging diese Nacht zu Ende?

KARAS: Irgendwann hat der Kommandeur telefoniert und sich fertig gemacht, um zu gehen. Da dachte ich, jeden Moment werden jetzt Spezial­einheiten kommen oder das echte Militär und das Studio stürmen. Ich dachte, ich werde sterben und meine Tochter nie wiedersehen. Es war zum Glück anders. Dann waren alle weg, wir gingen nach draußen, umarmten uns. Ich habe diese Nacht überstanden, aber der Schock wirkte lange nach. Zwei Monate später bekam ich plötzlich Panikattacken. Ich wurde psychologisch behandelt und nahm Medikamente.

Ja, ich bin für das Referendum

WIENERIN: Dieser 15. Juli war auch Ausgangspunkt für das geplante Verfassungsreferendum im April. Unterstützen Sie das Referendum?

KARAS: Ich finde nicht, dass der Putschversuch etwas mit dem Referendum zu tun hat. Das sind zwei Paar Schuhe. Ich finde das Referendum aber grundsätzlich wichtig und man soll das Volk dazu befragen. Ja, ich bin dafür.

WIENERIN: Derzeit gibt es in Europa eine große Debatte rund um geplante türkische Wahlkampfauftritte für das Referendum. Auch Österreich ist davon betroffen und will nicht, dass die Türkei hier Wahlkampf betreibt. Wird darüber auf TRT berichtet?

KARAS: TRT ist der öffentliche Rundfunk, das heißt, wir berichten ausschließlich das, was die Regierung offiziell erklärt.

WIENERIN: Heißt das, Sie berichten nicht über diese Konflikte?

KARAS: Es gibt sicher Diskussionsrunden dazu, aber die habe ich nicht gesehen. Wir bemühen uns um Objektivität und sind unparteiisch, deshalb sind solche Sendungen sicher gemacht worden.

Plötzlich übernehmen die anderen Frauen das Gespräch

WIENERIN: Könnte es nicht ein Widerspruch sein, wenn Sie einerseits nur Regierungserklärungen berichten und ­andererseits objektiv sein möchten …?

(Für die nächsten Minuten übernehmen andere Frauen im Raum die Antworten, zuerst die Übersetzerin: Sie sagt, dass Tijen ja nur die Nachrichtensendungen meinte. Ich bin trotzdem verwirrt – und frage noch mal.)

WIENERIN: In den TRT-Nachrichten wird das also nicht berichtet?

(Jetzt kommen Stimmen der anderen Frauen der UETD: Jeder in der Türkei kenne bitte Sebastian Kurz und seine Aussagen dazu. Natürlich werde über all das berichtet, sagen sie recht trotzig.
Ich verstehe trotzdem nicht, warum Tijen nicht antwortet. Wir hätten hier eine Expertin, sie wisse es doch am besten, werfe ich ein. Wieder antworten die Frauen, der Ton wird rauer: „Sie stellen hier sehr politische Fragen und diese waren nicht im Fragenkatalog." Ich versuche zu erklären, dass die aktuellen Ereignisse der letzten Tage und Wochen zu anderen Fragen geführt hätten. Die geplante Frage zur Pressefreiheit - ja, es gab tatsächlich einen Themenkatalog, der vorher abgegeben werden musste - würde ich trotzdem gerne noch stellen. Daraufhin meint eine Frau, dass Tijen ja nur Nachrichtensprecherin und keine Politikerin sei. Ich frage: „Aber Journalistin ist sie schon, oder?" Tijen selbst blickt ratlos zwischen der Frauengruppe auf der Couch, mir und der Übersetzerin hin und her. Ich nehme das Interview wieder auf.)

Nein, ich bin keine Journalistin, ich bin nur Nachrichtensprecheri
von Tijen Karas

WIENERIN: Tijen, sind Sie Journalistin?

KARAS: Nein, ich bin keine Journalistin, ich bin nur Nachrichtensprecherin.

Gibt es Pressefreiheit in der Türkei?

WIENERIN: Darf ich Ihnen trotzdem eine Frage zur Pressefreiheit stellen?

KARAS:Wieso nicht...

WIENERIN: Derzeit sind mehr als 150 Journalistinnen und Journalisten in der Türkei in Haft. Im Index zur Pressefreiheit liegt das Land auf Platz 151 von 180. Wie schätzen Sie die Pressefreiheit in der Türkei ein?

KARAS: Ich möchte meine persönliche Meinung sagen. In der Türkei gibt es Pressefreiheit und die Ereignisse, die am 15. Juli begonnen haben, sollte man nicht kommentieren. Ich vertraue hier den Gerichten.

WIENERIN: Meinen Sie damit, dass man über die Inhaftierungen nicht berichten sollte?

KARAS: Man berichtet in den Medien doch aus unterschiedlichen Blick­winkel darüber.

WIENERIN: Nun, wenn man so frei berichten könnte, dann würden vielleicht nicht so viele Journalistinnen in Haft sein, oder?

KARAS: Darüber weiß ich nicht viel, ich vertraue der Justiz. Und ich finde, die Pressefreiheit ist okay.

Ja, ich bin jetzt ein Star

WIENERIN: Kehren wir zurück zum 15. Juli. Sind Sie jetzt ein Star?

KARAS: (Zum ersten Mal in unserem Gespräch lockert sich ihr Gesicht, sie lacht sogar herzhaft.) Ja, ich bin ein Star. Aber es ist trotzdem nicht so rosig. Ich dachte wirklich, ich würde sterben, meine Tochter nicht mehr sehen.

WIENERIN: Wie war das Treffen mit Ihrer Tochter nach dieser Nacht?

KARAS: Wir haben uns einfach umarmt und beide geweint.

(Die Emotionen aus dieser Nacht kommen hoch, sie wischt sich schnell die Tränen aus den Augen. Ein authentischer Moment.)

WIENERIN: Und sagen Sie, welche Frage wird Ihnen seit dem 15. Juli am häufigsten gestellt?

KARAS: „Hat er wirklich eine Waffe auf dich gerichtet?"

(Jetzt wird die Stimmung kurz wieder etwas angespannt, psychisch scheint ihr die Situation wirklich zugesetzt zu haben. Eine Bedrohung, die durchaus nachvollziehbar ist. Als Frau hat mich Tijen irgendwie angesprochen, sie wirkt so offen, wenn sie mir später auf der Straße noch erzählt, dass es nicht leicht war, nach ihrer Scheidung das Kind allein groß zu ziehen und dass Frauen im Fernsehen ein biologisches Ablaufdatum haben - Männer aber gar nie. Da kommt sie mir sehr authentisch vor und die Themen sind ja quasi ident mit jenen, die Frauen bei uns haben. Daher will sie als Plan B später selbst als Coach arbeiten, will anderen Körpersprache und Stimmtechnik beibringen. Das alles klingt plausibel und nach einer vorausblickenden selbstständigen Frau. Aber wenn die Politik ins Spiel kommt, dann wechselt dieselbe Frau augenblicklich ihren Ausdruck. Ihre tiefen Stimme wird noch kräftiger, lauter, energischer. Und trotzdem wirkt was sie sagt seltsam platt. Die Moderatorin, die von sich selbst sagt, keine Journalistin zu sein, bleibt für mich während unserer gemeinsamen Zeit undurchschaubar.)

 

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