Thomas Maurer über sein neues Kabarettprogramm "Zukunft"

Was im neuen Solo-Programm "Zukunft" vom Thomas Maurer passiert? Die WIENERIN hat mit dem Kabarettisten vor der Premiere geplaudert.

Thomas Maurer, im Sommer 50 geworden, legt mit ‚Zukunft’ sein 17. Solo-Programm vor. Damit zählt er, der von sich selbst sagt, „eigentlich recht faul zu sein“, zu den fleißigsten Kreativen im Land. Was ihn gerade bewegt und warum er von sich in der Dritten Person schreibt, hat er der WIENERIN verraten.

WIENERIN: Hinter Kabarett-Titeln steckt selten das, was man vermutet. Das liegt auch daran, habe ich mir sagen lassen, dass die Künstlerinnen und Künstler immer schon sehr früh ihre Programmtitel bekannt geben müssen. Eines Ihrer Programme hieß dann auch einmal „Neues Programm“. Wie ist das jetzt gelaufen? „Zukunft“ – ist hier der Titel auch Programm?

Thomas Maurer: Diesmal wusste ich schon sehr früh, wohin es inhaltlich gehen soll. In diesem Fall ist also auch der Titel der Inhalt. Meine Grundüberlegung war: Wir stehen jetzt an einer echten Zeitenwende mit den massivsten technologischen Umwälzungen seit dem 19. Jahrhundert und enormen Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir leben werden. Und interessanterweise ist das eigentlich überhaupt kein Thema. Diese ganzen Dinge wie Robotik, Job-Wegrationalisierung, Gentechnologie usw. kommen kaum vor. Man braucht sich nur den letzten, in dieser Hinsicht völlig enthirnten Wahlkampf anschauen. Die wichtigen Themen, die darüber entscheiden werden, wie wir in Zukunft leben werden und wie unsere Welt aussehen wird, die wurden nicht einmal gestreift.

Das klingt jetzt mehr nach schwerer Kost, als nach einem amüsanten Kabarettabend.

Ich habe den Wunsch gehabt, ein Programm zu machen über Dinge, die meines Erachtens wirklich wichtig sind. Die Hauptarbeit beim Schreiben war natürlich das Abstrakte, Technologische und Themenfelder, die nicht jeder parat hat und verfolgt in eine Form zu bringen, dass es halt trotzdem ein flotter, kurzweiliger, lustiger Abend wird. Wir hatten ja bereits einige Vor-Premieren und die waren diesbezüglich sehr ermutigend.

Das Programm, das bei der Premiere am 14.12. im Stadtsaal Wien zu erleben ist bleibt dann die gesamte Spielzeit dasselbe? Oder wird da hie und da noch nachgeschraubt?

Bis zur Premiere arbeiten wir an dem Abend. Ich spiele einige Vor-Premieren oder „Proben vor Publikum“ wie man das korrekterweise nennt, die Konturen des fertigen Abends stehen, dazwischen wird noch geprobt. So wie der Abend dann am Premierentag zu sehen ist, bleibt er dann auch. Beziehungsweise die Idee ist, dass er so bleibt. Wenn ich mir so einen durchkomponierten Abend schreibe und monatelang Arbeit reinstecke, dann schmeiß ich das nicht einfach über den Haufen. Ich würde sagen, von einem Abend zum anderen bin ich wahrscheinlich 99 Prozent ident texttreu. Aber so ein Programm ist natürlich einem schleichenden Evolutionsprozess unterworfen. Es fällt einem noch eine Pointe ein, man lässt was weg, man findet einen Zusatzschlenker. Vor der Sommerpause schreibe ich das Skript üblicherweise nochmal in der aktuell von mir gesprochenen Fassung nieder und stelle fest, dass meist kein Satz gleichgeblieben ist. Und wenn nur das Subjekt mit dem Prädikat vertauscht ist. Aber das ist ja auch das Schöne: Wenn ich schon das Privileg habe, ein Stück zu spielen, dessen Autor ich glücklicherweise auch bin, wäre es ja unsinnig, eventuelle Verbesserungen nicht einfließen zu lassen.

Sie verfolgen unterschiedliche inhaltliche und dramaturgische Konzepte in Ihren Programmen und probieren gerne Neues aus. Was darf man sich von „Zukunft“ erwarten?

Es gibt ein paar Videozuspielungen, die teils in der Vergangenheit, teils in der Gegenwart und teils in der Zukunft spielen, soviel kann ich schon verraten. Mein Bühnen-Ich ist so eine Hybridfigur. Es steht dieses Mal wieder ein Kabarettist meines Namens auf der Bühne. Je nach Thema des Abends hat diese Thomas-Maurer-Figur ja immer andere Züge oder Schwerpunkte. In meinem letzten Programm „Tolerator“ war es ein um Toleranz ringender Mann, der aber eigentlich ein Häferl is, der bei jedem Schas in den Saft geht. Dieses Mal sind das abstrakte, wissenschaftliche Interesse, das Nerdige prononcierter. Ich schreibe bei den Kabarett-Texten auch immer ‚Maurer’ und nicht ‚ich’. Anders ist es, wenn ich über Tagespolitik improvisiere. Da gibt es wenig Trennung zwischen mir und der Bühnenfigur, wobei man, sobald man auf der Bühne steht, natürlich immer auch eine Rolle spielt.

Ihre Fans nehmen Sie ja als politischen Menschen wahr, der seine Meinung ganz klar formuliert. Ist „Zukunft“ auch politisch?

Es wird nicht sehr viel ums Innenpolitische gehen. Es gibt einen schmalen tagespolitischen Teil, der in einer anderen Form stattfindet, wie der restliche Abend. Wie gesagt es gibt viele Dinge, über die für mein Gefühl zu wenig gesprochen wird. Wo ich mich schon frage: Warum gibt es auf politischer Ebene nicht einmal ein lautes Nachdenken? Ich denke da beispielsweise an Gentechnologie. Wir haben gerade die ersten erfolgreichen Heileingriffe, bei einem Kind wurde erbliche Leukämie entfernt, mit genmanipulierten Stammzellen konnte die Haut für ein Schmetterlingskind nachgezüchtet werden – das sind die positiven Aspekte. Und dann gibt es die Negativen. Da gibt es Konzerne, die dafür verantwortlich sind, dass wir heute nur mehr 25 Prozent der Insekten haben, wir noch vor 30 Jahren. Das ist Selbstmord mit Anlauf! Es gibt selbst lernende kybernetische Intelligenzsysteme, deep-learning Roboter, die andere deep-learning Roboter programmieren. Wieviel Hirn lagern wir noch in diese Maschinen aus? Wie schaut die Erwerbsarbeit der Zukunft aus, wenn die Robotik breiter, billiger und nutzbarer wird? Und: Wie schaut ein Wirtschaftssystem aus, indem Erwerbsarbeit nicht mehr die Basis ist? Der Blick in die Zukunft ist ambivalent, keine Frage. Ich möchte weder plump und dystopisch, noch als trotteliger Optimist auftreten. Wenn ich mit meinem Programm dazu beitragen kann, dass man diesen massiven Umwälzungen ein bisschen Interessen entgegenbringt, kann mir das nur Recht sein.

Wenn wir kurz in die Vergangenheit gehen. Gibt es Programme von Ihnen, mit denen Sie heute gar nichts mehr anfangen können?

Ich habe ja vor einigen Jahren mit „Out of the dark“ ein Best-Of Programm gemacht. Da habe ich mir alles zuvor noch einmal angeschaut. Ich würde mal sagen, das erste Programm hat auch stark von der jugendlichen Ungeniertheit gelebt. Da würde ich heute einiges vom Schreiberischen her als „angängerisch“ empfinden. Sonst gibt es ein paar Programme, da weiß ich heute gar nicht mehr genau, wie ich überhaupt auf diese Themen gekommen bin. Aber ich bin für mein Gefühl nie unter Mindestanforderungsniveau geraten. Alle Abende hatten inhaltlich und dramaturgisch in der Form andere Schwerpunkte, ich habe schon auch immer versucht mit jedem Programm ein kleines Stück Neuland zu betreten, einen anderen Ton oder Form zu treffen, die ich zuvor noch nicht ausprobiert hatte. Mal sehen, wie lange ich das noch schaffe.

Mit den Jahren kommt natürlich auch eine gewisse Routine. Gibt es noch sowas wie Lampenfieber?

Für das klassische Lampenfieber war ich nie so ein wahnsinniger Kandidat. Auch als Junger war ich eher ein Scheiß-mir-nix. Das Gefühl, bei einem Programm nicht weiter zu kommen kenne ich aber schon sehr gut. Das taucht schon bei jedem Schreibprozess wieder auf. Mittlerweile kann ich auf 17 Soloprogramme zurückblicken und weiß, es ist sich immer irgendwie ausgegangen. Aber dieser abstrakte Trost, wenn du das konkrete Gefühl gerade hast, greift natürlich nicht so wahnsinnig.

Wie schaut ihr Publikum aus, hat sich das verändert?

Ich habe schon auch noch junges Publikum, das ist nicht nur aus Gründen der Geschäftsmodellpflege angenehm. Aber wahrscheinlich ist der größere Teil so in meinem Alter. Was man teilweise anhand von Reaktionen schon merkt, ist, wie sich Stimmungen verschieben können. Als ich 2015 mit „Tolerator“ Premiere hatte, da war noch diese Willkommen-Kultur und das zivilgesellschaftliche Engagement so breit, dass sich ja sogar der Herr Kurz zumindest rhetorisch auf die Seite der Helfer, der Schützer und Integrierer gestellt hat. Aber auch der hat ein ganz gutes Sensorium dafür, wenn sich die Stimmung dreht und das hat er ja dann auch gemacht und sich auch gedreht. Natürlich nicht ohne daran aktiv mitzuwirken, diese Stimmung abzudrehen. Um die Premierenzeit ist mir das also fast ein bisschen zu affirmativ vorgekommen, was ich da mache und gegen Ende der Spielzeit hat es die Leute fast gerissen, dass jemand in diesem ganzen Wahnsinn noch zu Sachen, die ‚oasch’ sind, auch ‚oasch’ sagt. Da hat sich also innerhalb von zwei Jahren eine Stimmung gezielt und mit Hilfe der Massenmedien manipuliert fast ins Gegenteil verkehrt. Der verdanken wir jetzt auch diesen 60-Prozent Wahlsieg zweier kaum voneinander zu unterscheidenden Parteien.

Auf Ihrer Facebook-Seite schleichen sich immer wieder mal Trolle herum. Lassen Sie sich da auf Diskussionen ein?

Ich bin überhaupt kein starker Social-Media-Nutzer. Ich weiß, gerade in meinem Beruf, wäre das eh auch sinnvoll, aber vergesse manchmal, dass es Facebook gibt. Ich habe Phasen, da setzt ich zwei-, dreimal die Woche was ab und dann wochenlang gar nichts. Bei Trollen oder Agressivlingen habe ich auch keine strikte Policy. Ich habe auch schon mal geantwortet, wenn ich zeitnah ein Posting gelesen habe, aber meistens ignoriere ich das.

Solo, im Kollektiv, im TV oder auf der Bühne – wo liegt Ihre Zukunft?

Der Wechsel ist mir sehr angenehm. Ich mag die gruppendynamischen Prozesse mit den Kollegen. Bei „Wir Staatskünstler“ mit Florian Scheuba und Robert Palfrader war es zum Beispiel eine sehr respektvolle, angenehme Arbeit, weil wir auch alle im Grunde das Gleiche wollten. Es gibt gerade Gespräche, vielleicht ergibt sich in dieser Sache wieder etwas. Es ist auch nett, einen Abend alleine zu gestalten und auf der Bühne zu stehen. Ich bin ja eigentlich von meiner Grundstruktur her eher faul, also, dafür arbeite ich eigentlich eh sehr viel.

Sie haben selbst drei Söhne. Was wünschen Sie sich für die Zukunft ihrer Kinder?

Die Kinder kommen auch im Programm ein bisserl vor, sind auch sowas wie die Grundierung. Es ist ja so, dass spätestens, wenn man eigene Kinder hat, ist der Zugang den man zur Zukunft hat, nicht mehr nihilistisch. Man wünscht sich dann schon sehr, dass es irgendwie gut ausgeht. Auch wenn vieles, was mit ihnen nahebringt, dagegenspricht.

16.12.2017, 20 Uhr: Irmgard Knef – „Glöckchen hier – Glöckchen da“

Die verschollene Schwester von Hilde selig kommt mit einem unterhaltsamen Weihnachtsprogramm zum ersten Mal nach Wien.

4.1.2018, 20 Uhr: DOTA – Mit Pauken und Trompeten

Kritisch, frech und musikalisch „Hammer“: Das Berliner Quartett rund um Frontfrau Dota Kehr feiert seine Österreich-Premiere.

7.1.2018, 11 Uhr: Auf dem roten Stuhl – Live Show mit Willi Resetarits

Nach mehr als 100 Interviews auf YouTube geht der gnadenlose Nachfrager Bernhard Egger auf die Bühne. Zur Weltpremiere nimmt Willi Resetarits am roten Stuhl Platz.

Tickets: www.oeticket.com

 

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