Thomas Brezina: "Ich bin kein Anhänger des blinden positiven Denkens“

In Thomas Brezinas erstem Liebesroman "Liebesbrief an Unbekannt“ geht es neben der Suche nach dem*der richtigen Partner*in, vor allem um die Suche nach sich selbst.

Thomas Brezina

"Liebesbrief an Unbekannt“ erzählt die Geschichte von Emma, einer Salzburger Hotelierstochter, die nach Brighton zieht, um dort das Bed & Breakfast ihrer Tante zu übernehmen. Der Neuanfang im beschaulichen Küstenstädtchen kommt Emma gerade gelegen, lief es bei der Endzwanzigerin in letzter Zeit doch eher schlecht als recht. Allerdings scheint sich auch in Brighton das Blatt für Emma erstmal nicht zu wenden. Da hat Emmas neue Wahrsager-Freundin Patricia eine Idee: Damit’s zumindest im Liebes-Department wieder bergauf geht, soll Emma Briefe an einen unbekannten Traummann schreiben, um diesen so in ihr Leben zu ziehen. Anfangs ist Emma noch skeptisch, dann lässt sie sich aber doch überreden und schreibt ihren ersten (ja,richtig erraten) "Liebesbrief an Unbekannt“. Der Clou? Obwohl Emma ihre Liebesbriefe nie abschickt, erhält sie eines Tages eine Antwort…

Mit "Liebesbrief an Unbekannt“ hat Thomas Brezina seinen ersten Liebesroman herausgebracht. Wir haben mit dem Autor darüber gesprochen, ob Liebesromane nur was für Mädchen sind, ob es zum Glücklichsein unbedingt eine*n Partner*in braucht und wie man aus hoffnungslosen Situationen wieder herausfindet.

Auf die Frage, warum Sie einen Liebesroman geschrieben haben, antworteten Sie im Interview bei Willkommen Österreich, Sie hätten immer schon die Hälfte Ihrer Bücher für Mädchen (und die andere für Buben) geschrieben. Ist ihr neuer Roman also nur etwas für Mädchen?

Thomas Brezina: Nein überhaupt nicht, das ist ein Missverständnis. Was damit gemeint war, sind weibliche Hauptpersonen und dieses Buch hat eine weibliche Hauptperson, Emma. Zu meinen Lesungen kommen lustigerweise sehr, sehr viele Männer. Ich bin ja jetzt auf Tour in Österreich und bei den Lesungen habe ich nur so gestaunt, wer da schon aller gekommen ist! Die Altersgruppe reicht von 18 bis 70 und ist ganz bunt durchgemischt.

Was hat Sie also dazu bewogen, einen Liebesroman zu schreiben?

Nachdem ich die zwei erwachsenen Fortsetzungen der Knickerbockerbande und zwei Ratgeber geschrieben hatte, hat sich mir die Frage gestellt: Was möchte ich jetzt machen? Was fordert mich auch schriftstellerisch heraus? Da bin ich draufgekommen, dass ich diese Liebesgeschichte, die ich schon längere Zeit im Kopf habe, gerne schreiben möchte und dass das jetzt genau das Richtige ist – So kommt das bei mir im Leben. Ich plane nichts vom Kopf, ich plane aus dem Gefühl heraus und frage mich immer: "Fühlt sich das jetzt richtig an?“ – und dann schreibe ich es.

Sie schreiben ja wahnsinnig viel und haben bereits über 550 Bücher veröffentlicht. Wie machen Sie das? Haben Sie auch manchmal Schreibblockaden?

Schreibblockaden haben zu 80 bis 90% mit Müdigkeit zu tun. Das heißt, was dann wirklich hilft, ist ausruhen. Oder man hat Angst davor, was daraus wird - da habe ich einen Trick, ich sage mir: Hinschreiben kann ich‘s immer, weglöschen kann ich‘s immer - also tue ich es einfach. Bei mir ist es so: Wenn ich ein neues Projekt im Auge habe, überlege ich mir erst den Titel. Die Grundidee einer Geschichte ist ja dann schon da. Dann beginnt das im Kopf zu wachsen und dann ziehe ich offensichtlich Vieles an - Personen, die dann im Buch vorkommen, Teile der Geschichte, Situationen, Örtlichkeiten - was auch immer. Ich bin sehr aufmerksam und mache sehr viele Notizen. Wenn ich etwa 60 Prozent der Geschichte im Kopf habe, dann setze ich mich hin und schreibe.

Ich schreibe etwa zehn Stunden am Tag, wobei ich jetzt nicht nur sitze und schreibe, ich gehe dazwischen viel spazieren, um nachzudenken. Ich setze mir ein Tageslimit von ungefähr 3.500 Worten, das ich schreiben möchte und das versuche ich zu erreichen. Ich höre immer mitten in einem Satz auf und immer nur dann, wenn ich noch wüsste, wie ich weiterschreibe. Dazu mach ich mir Notizen. Wenn ich am nächsten Tag anfange, muss ich in der Mitte eines Satzes weiterschreiben und kann schon lesen, was ich für Ideen habe, wie es weitergeht. Dadurch komme ich schneller wieder hinein - das ist der Trick, manchmal nützt er auch nix. Und dann brauch ich auch ein paar Stunden für mich, aber das ist normal.

Ihr Verlag teasert Ihren neuen Roman mit Rosamunde Pilcher-Vergleichen an; liest man sich die Inhaltsbeschreibung durch "Hotelierstochter Emma flüchtet nach Liebesdebakel ins britische Seebad Brighton und übernimmt die kleine Frühstückspension ihrer Tante...“ klingt das ebenfalls ziemlich Pilcher-esque. Wie unterscheidet sich ihr Buch vom klassischen Liebes-Schmöker?

Ich kann das nicht vergleichen, ich habe nie eine Pilcher gelesen. Das weiß ich also nicht. Ich kann nur erzählen, wie Thomas Brezina erzählt und das tue ich. Eine Geschichte zu schreiben, in der ein Mensch in eine Situation gerät, in der man das Selbstvertrauen verliert, sich an einen Ort zurückzieht, der weit weg ist… das sind Dinge, die passieren. Die Frage ist ja dann: Wie kommt man aus dem Ganzen wieder heraus? Wie geht’s weiter? Das ist ja auch das, was mich an dieser Geschichte so interessiert hat. Was ist wichtig? Wie findet Emma sich wieder? Mein Grundgedanke bei alldem ist, es ist sehr viel möglich und es ist oft mehr möglich, als wir uns denken. Mit diesem Roman geht‘s mir auch darum, erstens, eine romantische Komödie zu erzählen und zweitens, auch ein bisschen Hoffnung zu geben - Leuten, die vielleicht auch auf der Suche sind.

Hauptfigur Emma ist zu Beginn des Buches sehr unglücklich und unzufrieden mit ihrem Leben und beginnt auf Anraten einer Freundin, Liebesbriefe an ihren bis dato unbekannten Traummann zu schreiben, um diesen so in ihr Leben zu ziehen. Braucht es denn zum Glücklichsein unbedingt eine*n Partner*in? Lässt sich das mit einem modernen Frauenbild vereinen?

Nein, das braucht es nicht - und genau das sagt ja auch Patricia zu ihr. Das Wichtige ist, dass du nicht jemanden suchst, weil du ihn brauchst, sondern weil du ihn willst. Meine Idee einer guten Beziehung oder einer guten Partnerschaft ist ja: „Ich will dich, aber ich brauche dich nicht. Wir sind beste Freunde und wir beschließen, uns das Leben gemeinsam so gut und so schön wie möglich zu machen.“ Daran glaube ich zutiefst. Und natürlich wünscht sie sich einen Partner - wer denn um Himmels Willen nicht? Aber das Wichtige in der Geschichte ist ja, wie sie sich selber wiederfindet. Wie sie herausfindet, was sie machen will, dass sie überhaupt wieder aktiv wird…

Was war die Inspiration für ihre Hauptfigur Emma? Identifizieren Sie sich selbst mit ihr?

Die Personen, die ich beschreibe sind meistens Personen, die es real als Vorlage gibt, wobei die Figuren im Roman meist aus mehreren Figuren zusammengesetzt sind. Das, was Emma und ich gemeinsam haben…ich hatte selbst vor acht Jahren eine ziemliche Krise zu bewältigen - sowohl privat als auch beruflich und habe sehr viel daraus gelernt - und ich habe eben damals auch diese Briefe geschrieben. Damals ist mir auch diese Idee gekommen, ich dachte: "Naja, es wäre schon unglaublich, wenn man auf so einen Liebesbrief an jemanden völlig Unbekannten dort draußen, der nur im eigenen Schreibtisch liegt, eine Antwort bekommt. Wie könnte sowas sein? Wie könnte das weitergehen?“ Das war die Grundidee für diesen Roman.

In ihrer Geschichte kommen ja auch ein paar ziemlich eigentümliche Figuren vor, wie etwa "Christkind“, ein älterer Herr mit blondem Haar und weißem wallenden Gewand, der früher angeblich mal beim Geheimdienst war - gab es dafür auch ein echtes Vorbild?

Ja! Ich war letzten Juni in Brighton, weil ich dort zu tun hatte und genau diese Person ist mir auf der Straße begegnet. Ich war dort mit einem Freund aus Österreich unterwegs - da kam uns dieser Mann entgegen mit dieser blonden Perücke und diesem weißen Kleid. Mein Freund hat gesagt: "Der schaut ja aus wie das Christkind" und ich dachte: "Genial!" Das ist halt Brighton, dort schaut niemand hin. Jeder kann dort herumgehen, wie er will und sich ausdrücken, wie er will - und ob dieser Mann wirklich beim Geheimdienst war oder bei der Polizei, wie ich es im Buch schreibe, das weiß ich nicht, aber das spielt ja auch keine Rolle – also, ja den hab‘ ich gesehen (lacht).

So wie Emma haben Sie ja damals auch Briefe an einen Unbekannten geschrieben – und bald darauf Ihren Mann getroffen. Haben Sie beim Verfassen wirklich geglaubt, dass Sie auf diese Weise jemanden kennenlernen?

Woran ich wirklich glaube, ist geistige Energie, die wir produzieren können. Es steht jedem von uns frei, welche geistige Energie er produzieren möchte, er darf sich nur nicht wundern, was dann im Leben passiert und das kann sowohl positiv als auch negativ ausgehen. Das ist diese berühmte selbsterfüllende Prophezeiung. Ich habe das damals gemacht, wirklich aus dieser Einsamkeit heraus, weil ich einfach gesagt habe: Lieber kreiere ich für mich ein Gefühl als gäbe es jemanden, weil mich das mehr tröstet und mehr beruhigt, als wenn ich mich weiter darin versenke, wie unglaublich einsam ich bin. Ob jetzt jemand daran glauben will oder nicht, ist seine Entscheidung.

Wenn man sich so ein Wunschszenario ausmalt, das dann niemals eintritt - ist man dann letztendlich nicht noch frustrierter?

Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, es ist immer besser, in sich etwas Gefühlvolles, Freudiges zu kreieren, als es nicht zu tun. Ich sage ja auch, du kannst nicht eine bestimmte Person in dein Leben ziehen, du kannst nicht eine Partnerin oder einen Partner bestellen wie ein Automodell - das geht nicht - aber du kannst dir darüber klar werden, was ein Lebensgefühl wäre, das du gerne hättest und dieses Lebensgefühl für sich zu kreieren, wird eine positive Auswirkung haben - wie schnell es passiert, das ist nicht gegeben. Wenn man ständig hinterfragt und zweifelt, dann darf man sich aber auch nicht wundern, dass es nicht eintritt. Ich finde, es ist immer besser, Bilder zu kreieren, die ein freudiges Lebensgefühl haben als zynisch durch die Welt zu laufen.

Wie gehen Sie mit persönlichen Krisen oder schwierigen Lebensphasen um? Welche Tipps haben Sie für andere?

Jeder Mensch ist anders, ich muss drüber reden. Ich habe Gott sei Dank rund um mich Menschen, mit denen ich das tun kann, bei denen ich mir den Kummer von der Seele reden kann. Das ist mein Zugang. Welchen Zugang hier andere Menschen haben, ist wiederum etwas anderes. Oft ist es ja so: Wenn man in der Situation drinsteckt, hat man das Gefühl, es wird nie wieder gut. Jahre später merkt man dann aber, wofür das Ganze gut war. Es hilft, sich das in solchen Momenten vor Augen zu führen. Auf Englisch gibt es diesen Spruch "all for the better": Das heißt einfach, es wird mich zu etwas Besserem führen. Aber ich kann jetzt nicht nur passiv sein, sondern ich muss mir schon auch aktiv überlegen: "Was will ich denn und was kann ich jetzt tun?“. Wenn ich nur herumsitze, wird sich wahrscheinlich nicht so viel ändern. "Was kann ich dazu beitragen? Was kann ich selber für meine Situation tun?“ – Das ist eine ganz wichtige Sache.

Man kann doch aber nicht immer alles positiv sehen?

Ich bin kein Anhänger des blinden positiven Denkens. Das ist was völlig anderes. In unserem Leben passieren Schicksalsschläge, es passieren sehr traurige Dinge. Wir bekommen oft Dinge nicht, die wir uns sehr wünschen - das ist einfach so. Dann zu sagen, das ist alles wunderbar, das ist ein sich-selbst-Belügen. Da finde ich es besser, sich einzugestehen: "Ja das ist schrecklich, ja ich bin sehr traurig, ja ich bin wahnsinnig enttäuscht - und ich erlaube mir auch darüber traurig zu sein, das nächste ist aber dann: Was will ich jetzt machen? Was möchte ich erreichen und wie kann ich das schaffen?“ Und sich dann dieses Ziel vorzustellen, sich das auszumalen. Aus meiner Sicht kann das nur helfen. Das heißt aber nicht, dass ich mich darüber hinweglüge, in welcher Situation ich bin oder was passiert ist.

 

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