Thilo Bode: Der Kampf gegen TTIP

Der 68-Jährige ist Gründer der Verbraucherorganisation "foodwatch - die Essensretter". Der Ex-Finanzberater war Greenpeace-Chef und kämpft nun gegen das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA.

WIENERIN: Sie sagen, TTIP sei das Waterloo für Verbraucher. Warum so kriegerisch?
Thilo Bode: Es ist das erste Mal, dass zwei große Wirtschaftsblöcke, die schon entwickelte Wirtschaften haben, ein solches Abkommen abschließen wollen. Es geht hier also nicht mehr um die Senkung von Zöllen, sondern um Regulierungen. Dabei wird aber nicht nur über technische Vorgaben wie Blinkerfarben oder Schraubenlängen verhandelt, sondern auch über Standards etwa bei Lebensmitteln, in der Chemie, beim Tierschutz. Die Gefahr ist dabei weniger, dass bestehende Regeln abgesenkt werden. Die Gefahr ist, dass eine positive Weiterentwicklung unserer Standards nach TTIP nur noch schwer möglich wäre – und nur noch mit Zustimmung des Handelspartners USA.


Nehmen wir das viel zitierte Chlorhuhn. In den USA dürfen Hühner mit Chlor desinfiziert werden, in Europa nicht. Würde man die Standards angleichen, hieße das ja aber noch nicht, dass ganz Europa mit Chlor desinfiziert, oder?
Nein, außerdem glaube ich, dass die Chlordesinfektion in Europa nicht mehr kommt, das Thema ist mittlerweile zu negativ. Und: Chlordesinfektion ist ja nicht unbedingt ein Sicherheitsrisiko, sondern kann auch hygienische Vorteile haben. Das dahinterliegende Problem ist vielmehr: Die Zustände in der Tierhaltung sind völlig inakzeptabel! Eine Verbesserung der Tierhaltungsstandards auf beiden Seiten des Atlantiks würde durch TTIP aber eher erschwert.


Der Protest gegen TTIP ist Ausdruck von Misstrauen den Konzernen gegenüber, aber auch gegenüber der EU. Warum vertrauen wir nicht?
Es gibt keinen Grund, der Politik zu trauen. Die Leute sind spätestens seit der ­Finanzkrise sehr skeptisch, denn hier wurde die gesamte Weltwirtschaft gegen die Wand gefahren und wir alle leiden noch heute unter den Folgen. Bei TTIP kommt dazu, dass mit einem Mandat verhandelt wird, ohne dass jemals ein Parlament darüber abgestimmt hätte. Und das, obwohl es hier um Gesetze geht, die das tägliche Leben von Millionen Menschen betreffen.


Die Befürworter von TTIP sprechen von milliardenschweren Zuwächsen beim Bruttoinlandsprodukt durch Wirtschaftswachstum. Das klingt doch toll, oder?
Die Zölle zwischen Europa und den USA sind – außer in der Landwirtschaft – ja schon sehr niedrig. Da sind kaum positive Effekte zu erwarten. Zudem müssen eventuelle wirtschaftliche ­Effekte mit den enormen Gefahren für die Demokratie abgewogen werden – das steht in keinem Verhältnis.


Sie sammeln Unterschriften gegen TTIP. Was ist Ihr Ziel?
foodwatch ist eine von 400 Organisationen in Europa, die sich gegen TTIP wendet. Insgesamt wurden schon zwei Millionen Unterschriften gesammelt. Der Widerstand wird umso größer, je mehr die Menschen über TTIP wissen. Wenn es uns gelingt, auch in Ländern wie Frankreich die Debatte so zu drehen, wie es uns in Österreich und Deutschland gelungen ist, wird es eng für Befürworter und Politik.

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