Terror in Europa: Abgrenzung ist keine Antwort

Hass, Nationalismus und Grenzzäune können nicht die Antwort auf den Terror in Europa sein. Nationalistisch gefärbte Selbstinszenierung aber auch nicht.

Der heutige Tag wird als Trauertag in die Geschichte eingehen. Bei Terror-Anschlägen in Brüssel sind dutzende Menschen getötet und verletzt worden (mehr Infos hier). Angesichts dieser Ereignisse fällt es vielen schwer, sich von Hetze und Panikmache zu distanzieren. Unsere Autorin Jelena Gučanin plädierte bereits nach den Anschlägen in Paris für eine würdevolle Berichterstattung und dafür, dass Hass die letzte Antwort auf Terror sein sollte.

Sie ist eine, die den Flüchtlingsstrom nicht erst seit gestern hautnah miterlebt: Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin der italienischen Insel Lampedusa, wo seit Jahren hunderttausende Bootsflüchtlinge ankommen. Viele davon haben es nicht geschafft – bei einem der schwersten Unglücksfälle starben im Oktober vor zwei Jahren 545 Menschen.

Bei der Asylkonferenz, die letztes Jahr in Wien stattfand, schickte die engagierte Bürgermeisterin eine wichtige Videobotschaft aus dem fernen Italien. Ihr Appell: „Wir dürfen die Opfer nicht mit den Mördern verwechseln. Wir müssen auf der richtigen Seite der Geschichte stehen.“ Und: der Terror passiere nicht nur in den großen Städten Europas.



Für die Toten von Lampedusa gab es keine internationalen Trauerbekundungen und bunten Profilbilder. Aber nicht nur sie erregten wenig bis gar kein Mitleid in der Welt der mitleidigen Selbstinszenierung – auch die Opfer von Beirut, die tausenden anderen, die im Mittelmeer ertranken, oder die tausenden Menschen, die den gleichen Terror tagtäglich in Syrien, im Irak und in Afghanistan erleben – sie alle sind uns wohl zu fremd, damit wir eine Träne für sie verdrücken.

Das Schlimmste daran ist aber: wie die Rechten auf dem Rücken hunderter Toter schäbigen Populismus betreiben. Wenig verwunderlich ist, dass auch viele der Facebook-Anhänger des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache damals ihr Profilbild in die Farben der französischen Nationalflagge hüllten. Warum? Die „Gebete“ für Paris und die französische Flagge sind durchdrungen von einem religiösen Nationalismus, der vor allem eines verschleiert: die Mitschuld Europas an dem, was heute passiert – der Radikalisierung und Perspektivlosigkeit junger Menschen. Menschlichkeit hat keine Nationalflagge – ganz im Gegenteil, sie sollte schleunigst davon befreit werden. Denn Nationalismus und Religion sind die Wurzel allen Übels.

Und auch den heutigen Tag, nach den Anschlägen in Brüssel, nützt der FPÖ-Chef auf seiner Faceboook-Seite für weitere Hetze und Ausgrenzung: "Die unverantwortliche Massenzuwanderung aus der arabischen Welt und von radikalen Islamisten unter dem Deckmantel des Asyl, Förderung von Gegen- und Parallelgesellschaften und offene EU-Grenzen müssen ein für alle Mal beendet werden."

Warum ich nicht Paris bin

Grenzen zu schließen, erzeugt nur einen Krieg der Armen.“ Auch das teilt uns Giusi Nicolini, Lampedusas Bürgermeisterin, mit. Und damit hat sie Recht.

Vor einigen Jahren arbeitete ich ein paar Wochen lang mit Jugendlichen in einem der sogenannten „Brennpunktviertel“ vor Paris, einem „Banlieue“. Die Geschichte dieser Vororte ist geprägt von Ausgrenzung, Armut und Abstieg. Dafür muss man nicht weit fahren, nur zwanzig Minuten von schönen Postkartenmotiven entfernt, leben sie: tausende junge Menschen, die vergessen wurden und die wütend sind. Manche drücken das in brennenden Autos aus, andere „schaffen“ es vielleicht nach Paris, andere wenden sich zweifelhaften Ideologien zu. Manche erzählten sogar, dass sie noch nie den Eiffelturm gesehen haben. Das Vier-Euro-Ticket ins Zentrum konnten sie sich nicht leisten.

Es ist eine andere Welt, da draußen vor Paris. Ein Jugendlicher, der erzählte, sein kleiner Bruder sei einige Tage lang entführt worden – er weiß nicht, wo er war, aber das käme in der Gegend sowieso öfter vor. Der Drogenboss, der im schicken Lamborghini vorfährt und von den Jugendlichen bewundert wird, junge Frauen, die viel zu früh Kinder bekommen und heruntergekommene Sozialbauten, in denen viele Menschen auf viel zu engem Raum leben.

Die hohe Arbeitslosigkeit, die Suche nach Identität, Bildungs- und Sprachdefizite – das sind alles Dinge, die man auch aus Belgiens „Problembezirk“ Molenbeek kennt. Und die viel zu lange ignoriert wurden. Schließlich will sich auch in Paris niemand, der mehrere Euro für einen Espresso im schicken Café zahlt, mit der hässlichen Armut vieler MigrantInnen auseinandersetzen. Es sind auch solche Dinge - die hohen Mieten, die unleistbaren Lebensmittel - die eine Gesellschaft der Ausgrenzung erzeugen.

Begegnung auf Augenhöhe

Die Politik muss sich aber auch an anderen Stellen - und auch in Österreich - radikal ändern. Weg von einem sicherheitspolitischen Diskurs hin zu einem humanitären und sozialen Diskurs - das forderte etwa Andreas Babler, der Bürgermeister von Traiskirchen. "Wer Österreich liebt, spaltet es nicht", appelliert auch Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner.



Der Rechtsanwalt Georg Bürstmayr sagte ebenso treffend: "Wir müssen den Menschen auf Augenhöhe begegnen." Statt einer von oben herab diktierten Wertedebatte, sollten wir Perspektiven bieten. Denn: "Wenn Perspektiven fehlen, kann Integration nicht funktionieren."

Das alles zeigen auch die Anschläge in Europa. Wo die Menschen keine Hoffnung haben, blüht der Extremismus. Von beiden Seiten. Denn eine zutiefst verunsicherte Gesellschaft wird sich weigern, die für sie "Fremden" kennenzulernen. Und damit sind wir beim Kern: der Begegnung. Wer jetzt nach den Anschlägen mehr Hetze betreibt und Ausgrenzung fordert, soll wissen: diese Menschen flüchten aus Orten, wo jeden Tag der gleiche Terror passiert. Und sie werden weiterhin kommen. Daher ist es sinnlos, sich abzuschotten. Wir müssen hinaus aus unseren Komfortzonen, den Dialog suchen und uns interessieren, etwas bewegen. Nationalistische Symbole auf Facebook sind da wenig hilfreich - vielmehr brauchen wir echte Solidarität, Ursachenforschung und eine Gesellschaft ohne Flaggen. Denn nur so verhindern wir weitere sinnlose Morde.

Dieser Kommentar erschien bereits am 16. November 2015 und wurde angesichts der heutigen Ereignisse geringfügig geändert.

 

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