Terror-Berichterstattung: "Es kann nicht sein, dass Medien wie oe24 machen, was sie wollen und trotzdem Förderungen kriegen"

Stefanie und Theresa Schneckenreither starteten in der Nacht des Terroranschlags eine Petition mit Forderung der Einstellung aller öffentlicher Förderungen für oe24. Binnen kurzer Zeit hatten sie rund 80.000 Unterstützer*innen.

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Wer in der Nacht des 2. Novembers in Wien war, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit die Medien verfolgt. Es war die Nacht des Terroranschlags, bei dem letztlich vier Menschen getötet und 23 weitere schwer verletzt wurden. Da einige Zeit nicht klar war, ob es sich um einen oder mehrere Attentäter handelt, war es unbedingt notwendig, die Medien im Blick zu behalten, um über Updates und Anweisungen der Polizei informiert zu bleiben. Zwei Medien gerieten wegen ihrer Art und Weise, über die verheerenden Geschehnisse zu berichten, in die Kritik: Eines davon, der Sender oe24.tv, der Aufnahmen zeigte, auf denen der Täter einen Passanten erschießt und einen Polizisten verletzt.

Auch die beiden Zwillingsschwestern Stefanie und Theresa Schneckenreither verfolgten die Medienberichterstattung und erfuhren bald von den problematischen Aufnahmen. Nach kurzem Überlegen beschlossen sie, zu handeln – und eine Petition zu starten. Die Forderung: "Einstellung aller öffentlicher Förderungen für OE24 und Reformierung der Medienförderung". Innerhalb von 24 Stunden hatten sie rund 40.000 Unterstützer*innen. Am Dienstag wurde die Berichterstattung von oe24.tv und krone.at im Presserat geprüft. Das Ergebnis der Sondersitzung ist noch ausständig.

"Uns war klar: Da muss man was tun"

Nachdem die beiden 27-Jährigen in der Nacht des Anschlags sowohl in den sozialen Medien als auch in privaten Chats mitbekommen hatten, dass viele Menschen - wie auch die beiden selbst - über die "unseriöse" und "schamlose" Berichterstattung mancher Medien empört waren, kam ihnen die Idee, eine Petition über die Plattform mein.aufstehn zu starten. "Wir hatten das Hintergrundwissen, dass dies nicht die erste Verfehlung von oe24 ist und es bereits eine Reihe von Vorfällen gab. Daher war uns schnell klar: Da muss man was tun", erklärt Theresa gegenüber der WIENERIN. Durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei der Feuerwehr habe sie gewusst, wie problematisch es ist, wenn Informationen zu schnell bzw. auf die falsche Art und Weise verbreitet werden, sodass Angehörige nicht richtig informiert oder Einsätze behindert werden könnten. "Die Polizei hat wiederholt darum gebeten, derartiges Bildmaterial nicht zu zeigen, da dies den Attentätern in die Hände spielen und die Arbeit der Polizei beeinflussen könne. Die ethische Komponente kommt noch hinzu. Wie diese Medien - trotz Warnungen - vorgegangen sind, hat uns einfach aufgeregt."

Die Plattform aufstehn kannten die beiden bereits, hatten sie in der Vergangenheit doch öfter Petitionen dort unterzeichnet. Selbst ins Leben gerufen hatten sie bis dato allerdings keine. Noch am selben Abend recherchierte Stefanie, die Publizistik studiert hatte, zum Thema Presseförderungen und Inseratsvergaben, auch den Text formulierten die beiden noch in derselben Nacht. Am Vormittag darauf ging die Petition dann online: "Plötzlich ging alles sehr schnell. Innerhalb von 24 Stunden hatten wir rund 40.000 Unterschriften. Inzwischen sind es knapp 80.000", erzählt Stefanie. Mit einer derartigen Reaktion hätte sie nicht gerechnet.

Es braucht ethische und moralische Qualitätskriterien

In ihrer Petition fordern die Schwestern eine Koppelung der Inserate- und Fördermittelvergaben an Medien nach "grundlegenden, ethischen und moralischen Qualitätskriterien". Unter anderem sollen Medien den Presserat und dessen Entscheidungen anerkennen, um Förderungen zu erhalten. Es dürfe nicht sein, dass "Medien wie oe24 machen könnten, was sie wollen – und trotzdem Förderungen kriegen", findet Stefanie. Um ihr Belangen voranzutreiben, sendeten die beiden mit Unterstützung von aufstehn E-Mails mit Verweis auf die erfolgreiche Petition an Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und den Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Eine Rückmeldung gab es bislang nicht.

Behandlung im Presserat

Am Dienstag fand im Presserat eine Sondersitzung bezüglich der Terror-Berichterstattung statt. Mehr als 1.500 Beschwerden waren nach der Terrornacht dort eingelangt. Der Presserat leitete aufgrund der Berichterstattung über den Terroranschlag gegen mehrere Medien Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse ein. Die Verhandlung im sogenannten "Senat 2" dauerte sechseinhalb Stunden – die bisher längste einzelne Sitzung, berichtete Geschäftsführer Alexander Warzilek der APA. Auch etliche Medienanwälte hätten teilgenommen. Bis die Entscheidung vorliegt, werde es allerdings noch dauern.

Auch die Medienbehörde KommAustria wurde tätig und leitete nun ein Verfahren gegen drei private Programmveranstalter ein. Es gehe um mögliche Verletzungen der Menschenwürde, der journalistischen Sorgfalt und von Programmgrundsätzen, teilte die Medienbehörde in einer Aussendung am Mittwoch mit.

Handeln statt nörgeln

Die beiden Schwestern seien froh über den regen Zuspruch und gespannt auf das Ergebnis der Sitzungen. Auch sei es ein besonderes Gefühl, zu wissen, selbst zumindest einen kleinen Beitrag geleistet und Aufmerksamkeit auf eine wichtige Sache gelenkt zu haben. "Oft regt man sich über irgendetwas auf, tut letztlich aber nichts, außer vielleicht einen Post auf Facebook oder Twitter zu schreiben", so Stefanie. Dabei sei es so simpel: "Das ist das Coole daran. Jede*r kann eine Petition auf mein.aufstehn starten und auf diese Weise aktiv werden. Viele wissen nur nicht, wie einfach so etwas geht".

 

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