"Teilzeitsklaven interessieren mich nicht"

Sabine, 32, ist dominant und lebt mit unterwürfigen PartnerInnen in einem SM-Haushalt. Im Interview erzählt sie von ihrem Alltag.

Warum gerade SM?

Mein "normales" Leben langweilte mich. Die Männer kamen mit meiner dominanten Art nicht klar - weder im Bett noch im Alltag. Zu Beginn meiner SM-Laufbahn lernte ich einen Bondage-Profi kennen, der mir diverse SM-Praktiken näher brachte. Gefesselt zu werden faszinierte mich. Doch ich merkte schnell, dass mir die dominante Rolle mehr lag.

Die Rolle der Frau in der Szene?

Als Frau wird man genauso angebaggert wie überall anders auch. Vor allem, wenn man aktiv ist. Aber warum sollte es in dieser Szene anders sein? Die meisten Frauen sind devot, wobei viele gern switchen, das heißt, auch mal den aktiven, dominanten Part übernehmen. Die Doms, also die rein aktiven Frauen, sind in der absoluten Minderzahl.

Die Männer in der SM-Szene?

Die Mehrheit ist submissiv, also devot. Ich sehe das als Reaktion auf den Druck der Gesellschaft, in der Männer permanent ihren Mann stehen müssen. In vielen Beziehungen geht es dauernd um Machtverteilung zwischen der emanzipierten Frau und dem Mann, der Angst hat, irgendwann nicht mehr das Sagen zu haben. Ich verstehe sehr gut, dass Männer ab und zu ihren Machtpanzer ablegen wollen.

Wie stehen devot und dominant zueinander in Beziehung?

SM ist ein psychologisches Wechselspiel zwischen Macht und Unterwerfung. Devotes Verhalten bedeutet, dass der Mensch Verantwortung und Macht an den aktiven Part abgibt, was darauf schließen lässt, dass er auch im "normalen" Leben nicht gern Verantwortung übernimmt. Wobei er mit der Machtabgabe an den "Dom" diesen im selben Moment kreiert. Dominant veranlagte Menschen sind starke Persönlichkeiten, die süchtig nach Verantwortung und Macht sind, diese aber nie missbrauchen würden. Woher welche Neigung kommt? Ich denke, manche Menschen verarbeiten so seelische Traumata, andere wiederum sind einfach neugierig und haben Spaß an SM.

Deine Idealbeziehung?

Ich brauche einen 24/7-Mann, der gemeinsam aufgestellte Regeln akzeptiert und es genießt, mir zu gehorchen. Einer, der sich zwei Stunden pro Woche versohlen lässt und dann wieder nach Hause zu seiner Frau geht, hat mich nie interessiert. Solchen "Teilzeit-Sklaven" empfehle ich den Besuch einer professionellen Domina. Ich habe das Glück, seit fünf Jahren mit einem submissiven Mann zusammenzuleben, der auch akzeptiert, wenn zeitweise mehrere meiner PartnerInnen in unserer Wohngemeinschaft leben.

Wie funktioniert das im Alltag?

Meine Untergebenen haben alle Freiheiten und Rechte, solange sie nicht mit mir zusammen sind. Sobald sie sich aber in meiner Gesellschaft befinden, habe ich das Sagen. Sei es beim Einkaufen, beim Sex etc.

Die Nachteile deines Herrinnen-Daseins?

Ich darf nie die Kontrolle aus der Hand geben oder aus der Rolle fallen. Weil mein submissiver Partner bzw. meine Untergebenen sonst den Respekt vor mir verlieren. Ich muss aufpassen, niemals Grenzen zu überschreiten. Denn es handelt sich ja um Menschen, für die ich Gefühle habe.

Wie vertragen sich Alltags-SM und Familie?

Die klare Machtverteilung kommt auch meiner zehnjährigen Tochter zugute: In unserer WG hört man nie ein lautes Wort, weil sich alle an meine Vorstellungen halten. Von wechselnden WG-Bewohnern ist sie eher fasziniert. Zur Zeit lebt ein Transvestit mit uns. Meine Tochter hat kein Problem damit. Sie findet es lustig, wenn ein Mann einen Rock trägt. Erstens, weil sie noch jung ist und nicht alles hinterfragt. Zweitens, weil ich sie zu einem toleranten Menschen erzogen habe. Was nicht heißt, dass sie mitbekommt, was ihre Mama im Bett anstellt. Auch hier weiß ich sehr wohl, wo die Grenzen liegen.

Dieser Sex erschien zuerst in der WIENERIN Nummer 163 vom 01.04.2003.

 

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