Tavi Gevinson über Schönheit und Selbstbewusstsein

Mit elf Jahren begann sie ihren Modeblog, saß Front Row bei den Fashion Weeks und brachte die Modewelt durcheinander. Jetzt, mit 19, ist "Style Rookie" Tavi Gevinson erwachsen und weiß, wie man selbstbewusst seine Träume verwirklicht.

Als Tavi Gevinson 2008 als Elfjährige ihren Modeblog The Style Rookie gründete, brachte sie die Welt der erfahrenen Moderedakteurinnen gehörig durcheinander: Mit bunt gefärbten Haaren, einem schrägen Kleidungsstil irgendwo zwischen Oma-Look und einer - eben - Elfjährigen, saß sie neben Vogue-Chefin Anna Wintour in der Front Row. Mit 14 nannte sich Tavi Feministin und gründete das Online-Magazin Rookie, eine gesellschaftskritische Fortsetzung ihres Modeblogs.

Tavi Gevinson und Anna Wintour

Heute lebt die mittlerweile 19-Jährige in New York, arbeitet als Schauspielerin am Broadway und gilt als Vorzeigemodell einer neuen Generation, der sogenannten Millennials: Aufgewachsen mit dem Internet und Social Media, unabhängig, die Welt hinterfragend und bereit, sie jeden Tag aufs Neue auf den Kopf zu stellen.

Als Repräsentantin dieser Millennials oder Generation Y (engl. Why - warum)ist es nur logisch, dass Tavi Gevinson auch das Gesicht der #FaceForward-Kampagne von Clinique ist. Der Beauty-Konzern will damit Frauen inspirieren, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen, ihre Träume zu leben. Selbstbewusst zu sein und sich selbst schön zu finden, ist dabei ein wichtiger Faktor - den aber jede Frau für sich selbst definieren kann, wie Tavi Gevinson im Interview erklärt.

Tavi Gevinson für Clinique


Wann sind Frauen in Ihren Augen am schönsten?

Tavi Gevinson: Ich weiß, es klingt abgedroschen, aber man sieht sich nie ein Magazin an und denkt, "die sind schön", man weiß ja, das ist nur ein Foto. Wenn mich die Schönheit einer Schauspielerin in einem Film etwa wirklich umhaut, dann, weil sie sich mit Haut und Haaren auf ihre Rolle einlässt und das ist mutig und bemerkenswert. Meine Freunde sind schön für mich, wenn sie lustig und süß und ehrlich sind. Mode und Make-up machen es möglich, diese Gefühle darzustellen, egal, wie sie für jeden einzelnen aussehen.

Wie hat sich Ihr Zugang zu Style und Make-up entwickelt?

Anfangs wurde ich sehr stark von dramatischen Filmen und Designern inspiriert, und ich habe versucht, diese Looks nachzumachen und bin sehr provokativ und anstößig in der Schule aufgetaucht. Und wenn man mich ausgelacht hat, habe ich am nächsten Tag versucht, noch seltsamer auszusehen. Dann hat sich, denke ich, meine Kreativität auf andere Bereiche der High School verlagert, ich habe mich nicht mehr so sehr für Mode interessiert. Jetzt ist mein Stil ein wenig mehr basic und minimalistischer - ich möchte nur Dinge in meinem Gesicht haben, die mich ordentlich aussehen lassen, und ein bequemes weißes Hemd tragen. Man sollte einfach tragen, was einen glücklich macht. Manchmal ist Mode mein Ventil, aber manchmal geht es nur darum, etwas zu tragen, in dem man sich wohl fühlt, damit man seine Energie in andere coole Dinge stecken kann.

Schönheit hat nichts mit Perfektion zu tun, sondern damit, ganz du selbst zu sein.
von Tavi Gevinson

Wann fühlen Sie sich am selbstbewusstesten?

Ich denke, wenn ich etwas getan habe, auf das ich wirklich stolz bin. Ich kann so viel Zeit verschwenden, mich mit den dümmsten Dingen und Unsicherheiten aufhalten, aber dann finde ich einen Weg, mich auf das zu konzentrieren, was ich gerade tue. Selbst wenn es nicht gut wird und ich es letztendlich niemandem zeige, bin ich wirklich stolz auf das, was ich gerade geschrieben oder gezeichnet habe. Die Dinge, die man für sich selbst tut, um sich kreativer und offener zu fühlen - sie machen mich zu einem zufriedenen oder auch kompletterem Menschen.

Hat die Angst vor dem Scheitern Sie jemals daran gehindert, etwas zu tun?

Ich bin bestimmt keine furchtlose Person, aber ich habe herausgefunden, dass die Angst, mich selbst zurückzuhalten, die Angst vor den Konsequenzen einer Handlung immer überwiegt. Als wir mit den Proben für das Stück ("This Is Our Youth", Anm.) begonnen haben, war ich gerade erst nach New York gezogen und es ging direkt los. Jeder fragte mich, 'Wie ist es, am Broadway zu spielen?', der Druck der Kritiken - ich habe begonnen, stark an mir zu zweifeln. Aber viel größer war die Angst davor, diese Erfahrung nicht machen zu können, mich selbst daran zu hindern. Die Angst, etwas zu verpassen, ist immer größer als jene, am Ende vielleicht dumm auszusehen. Das schlimmste im Leben ist Reue - zurückzuschauen und zu denken, warum habe ich nicht mehr gegeben, warum habe ich es nicht einfach versucht und jede Nacht Spaß dabei gehabt.


Wer sind Ihre Schönheitsidole?

Ich habe eine Menge Vorbilder, auch wenn ich gewöhnlich einen einfacheren Look für mich wähle. Im letzten Monat meines Engagements am Broadway habe ich mir ein Buch über Glam Rock angesehen und als ich David Bowie darin gesehen habe, habe ich mich selbst gefragt, warum ich nicht manchmal auch so furchtlos bin wie er. An diesem Abend habe ich die Bühne anders betreten. Jemand wie er ist ein großes Vorbild und auch wenn ich seinen Style nicht kopieren möchte, hat es mich doch inspiriert, wie er Mode und Make-up als Mittel verwendet hat, etwas ganz anderes auszudrücken.

Wie gehen Sie mit dem Druck um, perfekt und schön sein zu müssen?

Ich habe viele meiner Jugendjahre und meiner Schreiberei damit verbracht, jedes kurze Aufleuchten von Menschlichkeit und Ernsthaftigkeit und Schönheit festzuhalten. Denn wenn man genau solche Dinge als Zeichen von Schönheit definiert - ernsthaft, menschlich, interessant, vielseitig oder sonderbar zu sein - dann wird es um vieles einfacher, diese Dinge in sich selbst zu schätzen. Wenn ich mir meine Freunde ansehe, dann sind sie für mich schön, weil ich sie in- und auswendig kenne. Ich bin viel weniger streng zu mir, wenn es darum geht, einem bestimmten Look zu entsprechen oder perfekt zu sein, weil ich realisiert habe, dass die Dinge, die ich schön finde, schräge Dinge sind. Deshalb weiß ich, dass ich nicht perfekt oder hübsch oder süß sein muss. Ich muss nur ganz einfach ich selbst sein und Spaß daran haben. Und das ist großartig.

Jane Lauder, Global Brand President von Clinique, glaubt an die Generation Y und widmet dieser nun eine eigene Werbekampagne unter dem Titel #FaceFoward, die junge Frauen nach Ratschlägen für ihr zukünftiges Ich fragt und ermutigen soll, Träume zu leben. Im WIENERIN-Interview erklärt Jane Lauder ihre Beweggründe:

Was steckt hinter dieser Kampagne?
Wir featuren junge Frauen, die Wegbereiterinnen sind. Unsere Kampagne soll ihre Geisteshaltung transportieren und damit Inspiration für alle Generationen sein.

Was ist so besonders an den sogenannten Millennials?
Sie sind mutig, engagiert und selbstbewusst. Oft werden Millennials aufgrund ihrer Online- und Social-Media-Präsenz verzerrt wahrgenommen. Man hält sie gemeinhin für ichsüchtig und unmotiviert. Wir sehen das allerdings anders und wollen mit unserer Kampagne vor allem aufzeigen, zu welchen Leistungen und Erfolgen junge Menschen heute fähig sind.

Welchen Rat würden Sie Ihren zukünftigen Ich geben?
Mein Lieblingszitat ist von Emily Dickinson und lautet: "'Für immer' besteht aus vielen 'Jetzt'." In diesem Sinne wüde ich meinem zukünftigen Ich raten, jeden Moment zu genießen. Ich versuche mich ständig an diesen Vorsatz zu erinnern.

Und welchen Rat geben Sie der Generation Y?
Ich musste kürzlich eine Rede an meiner alten Highschool halten und mein Rat lautete: Niemand wird sich an eurem Abschluss an eure Zeugnisnoten erinnern. Viel wichtiger ist euer Auftreten und welche Erfahrungen ihr mitbringt.


Das Interview mit Jane Lauder führte Martina Parker für die WIENERIN, Ausgabe August 2015.

 

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