Tanzt ihr einen negativen Beziehungstanz?

Es sind die kleinen Probleme, die euch in eurer Beziehung in den Wahnsinn treiben. So groß, dass ihr euch deswegen trennen würdet, sind sie auch wieder nicht. Vielleicht tanzt ihr einen negativen Beziehungstanz und was euch nervt, ist gar nicht das Problem?

Tanzt ihr einen negativen Beziehungstanz?

Er*sie kommt wiederholt zu spät nach Hause ohne Bescheid zu geben, ihr reagiert jedes Mal genervt und mit Vorwürfen, euer Gegenüber zieht sich daraufhin zurück, macht sich über euer Problem lustig, ändert aber auch nichts an dem Verhalten. Was hier beschrieben wird bezeichnen amerikanische Psycholog*innen als "negativen Beziehungstanz". Man befindet sich in einer negativen Spirale, aus der man nicht rauskommt, die aber auch verhindert, dass es zur ultimativen Eskalation und damit der Trennung kommt.

Fehlende Nähe, größere Distanz

Konkret heißt das: Die Nähe wird zwar ständig weniger, die Distanz größer, die negativen Gefühle gegenüber dem*der anderen nehmen zu, aber es kommt auch nicht zur Trennung. Es sind diese kleinen Nörgeleien, die stetige Unzufriedenheit, die so viele Paare zusammenhält, ohne dass sie daran denken, sich zu trennen.

Und ja, ihr vermutet es wahrscheinlich: Das macht doch nicht glücklich! Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach Liebe und Nähe und wenn dieses ausbleibt dann wird er unsicherer, schlechter gelaunt und leichter reizbar. Das führt oft zu noch mehr kleinen Streitsituationen. Ein Teufelskreis.

Stabile Beziehung bedeutet mehr Freiheit

In Amerika wurde die neue Paarpsychologie-Technik ETF entwickelt, die sehr erfolgreich dabei helfen soll, Menschen aus diesem negativen Beziehungstanz zu holen. Denn rund 60 % der Paare, die sich in Therapie begeben, führen genau diesen und ohne professionelle Hilfe ist es oft schwer, dort rauszukommen. Ziel ist es, mehr Nähe zwischen den Paaren zu schaffen, was dazu führen soll, dass die negativen Gedanken reduziert werden. Je emotional stabiler sich die Beziehung anfühlt, umso sicherer sind die Partner*innen und umso weniger werden diese durch Kleinigkeiten getriggert. Es ist ein gewisses Paradox, wie Berliner Paarpsychologie Matthias Angelstorf gegenüber Psychologie Heute erklärt: „Das ist das Paradox der sicheren Bindung. Wenn wir aus Erfahrung wissen, dass der andere da sein wird, wenn wir ihn brauchen, können wir autonomer sein und hinausziehen in die Welt.“

Emotion über Emotion

Doch was hat der Fakt, dass mein*e Partner*in regelmäßig zu spät kommt mit unserer sicheren Bindung zu tun? Die Psychologie geht davon aus, dass der Fakt, dass mich das so nervt, eine Reaktive Reaktion ist. Reaktive Emotionen sind Gefühle, die man als Reaktion auf eine tiefere Emotion empfindet. Wenn die Kernemotion einem Angst macht, dann legt sich die reaktive Emotion (Genervtheit oder Wut zum Beispiel) darüber, um einen vor Verletzlichkeit zu schützen und bringt einen in einen Angriffs- oder Verteidigungsmodus.

Verletzung der Vergangenheit

Um dieses Beispiel anschaulich zu machen, gehen wir einen Schritt zurück in die Vergangenheit mit einem theoretischen Beispiel. Ich war 8, eigentlich sollte ich von meinem Opa von der Schule abgeholt werden, doch er ist zu spät, ich stehe vor dem Gebäude und warte und er kommt nicht. Später erfahre ich, dass er mich nicht abgeholt hat, weil er einen Unfall hatte. Die Szene, wenn ich auf meine*n Partner*in warte und nicht weiß, wo er bleibt, erinnert mich daran. Ich habe Angst, dass etwas passiert ist. Doch meine reaktiven Emotionen überdecken diese Angst und stattdessen werde ich also wütend.

Der Wunsch und die Angst vor Nähe

Stellt euch vor, wie anders ein Gespräch ablaufen würde, wenn ich genau diese Situation mit meinem Opa erklären würde. Vermutlich würde mein*e Partner*in nicht genervt reagieren, sondern emphatisch und verstehen, was das bei mir auslöst. Wahrscheinlich würde er*sie sich künftig kurz melden, wenn sich eine Verspätung ankündigt. Damit eine Partnerschaft langfristig gelingen kann, bleibt es nicht aus, dass man vergangene Verletzungen anspricht und aufarbeitet. Nicht nur Situationen wie mit dem Opa sondern auch innerhalb der Beziehung. Denn auch wenn eine Entschuldigung gesagt wurde, kann eine Lüge beispielsweise langfristig Unsicherheit erzeugen und von Gefühlen wie Wut überdeckt werden. Wir müssen sagen, worum es wirklich geht. Was uns davon abhält das zu tun, ist dass uns Nähe oft Angst macht. Als erwachsene Menschen haben wir alle in unserem Leben schon erfahren, wie es sich anfühlt, wenn der Wunsch nach Verbundenheit nicht erfüllt wird. Und möchten nicht, dass uns das wieder passiert.

LOVE-Gespräche

Als Hilfsmittel, wie solche Gespräche über vergangene Verletzungen klappen können, haben Psychologinnen Tipps definiert. Sie nennen es LOVE-Gespräche.

Lauschen: Damit Kommunikation funktioniert, muss man bereit sein dem Gegenüber zuzuhören. Dabei geht es nicht nur um die Worte, sondern man nimmt auch die transportierten Gefühle über Körpersprache und Gesichtsausdruck auf. Man sollte auf keinen Fall den*die anderen unterbrechen.

Offenheit: Egal was in der Vergangenheit passiert ist, muss man ausblenden. Es geht darum, was in diesem Moment gesagt wird, ohne dass man es durch Vorannahmen einfärbt. Vielleicht erfährt man etwas Neues über den*die Partner*in.

Validieren: Das Ziel ist zuzuhören um zu verstehen, nicht um zu antworten. Lass dir Zeit vor der Antwort. Denn auch wenn du die Situation anders empfindest, haben die Gefühle der zweiten Person eine Berechtigung. Das sollte in die Antwort einfließen.

Eigene Gedanken und Gefühle äußern: In guten Gesprächen spricht man über Gefühle, Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen. Man öffnet sein innerstes und der*die Partner*in geht respektvoll damit um. So kann eine Beziehung neue Tiefe erlangen.

 

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