Tabuthema Schamlippen-OP: "Die Patientinnen brauchen Respekt"

Wenn stark vergrößerte innere Schamlippen hohen Leidensdruck verursachen, kann man sich Hilfe holen. Bettina Weidinger, Leiterin des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik, beleuchtet die sexualpädagogische Perspektive des Problems.

Artwork Gloria Dimmel - Vulva in Gips

Ist eine Schamlippen-OP ein aus sexualtherapeutischer Sicht eher ein kosmetisch-optischer Eingriff oder ein medizinisch-notwendiger Eingriff?

Die medizinische Indikation wird nicht immer nach körperlichen Kriterien gestellt. Natürlich gibt es Körpersituationen, die eine Korrektur notwendig machen, da es z.B. durch sehr große Labien zu Schmerzen und erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag kommen kann.

Ich hatte aber schon viele Klientinnen, bei denen die Korrektur nicht nach einer körperlich objektivierbaren Labiensituation durchgeführt wurde, sondern aufgrund der psychischen Belastung. Eine Person, die mit dem eigenen Körper und/oder einem bestimmten Körperteil absolut unzufrieden ist, ist dadurch immer belastet. Dabei stellt sich die Frage, wie es zu einer so massiven Unzufriedenheit kommen kann, die zum Bedürfnis einer chirurgischen Veränderung führt.

Sich nicht im eigenen Körper wohlzufühlen ist eine sehr ernst zu nehmende, belastende Situation.

von Bettina Weidinger, Sexualpädagogin.

Falls medizinisch NICHT notwendig, kann eine Schamlippen-OP trotzdem das Sexleben der Patientin verbessen?

Wenn eine so große Unzufriedenheit mit einem bestimmten Körperteil besteht, dass sich das gesamte Denken und Tun des Tages nur um dieses eine Thema dreht, dann wird eine OP mit Sicherheit als befreiende Entlastung erlebt. Und dies hat auf viele Ebenen Auswirkungen – mit Sicherheit auch auf das Wohlbefinden in der Sexualität. Wenn die betroffene Person den eigenen Körper als Objekt betrachtet, wenig Sicherheit im (sexuellen) Körper verspürt, wenig Zugang zur eigenen Lust hat, dann wird dieses positive Befreiungsgefühl allerdings nicht lange anhalten.

Denn mit der OP wurde dann nur eine Folgesymptomatik behandelt – in Wahrheit geht es aber um einen limitierenden Zugang zum eigenen Körper. Das lässt sich natürlich nicht pauschalieren, da die Motivationen und Zugänge sehr individuell verschieden sind. Tatsächlich aber gibt es Menschen, die nach erfolgter Labienkorrektur bereits die nächste Korrektur planen, sich täglich kontrollierend mit einem Spiegel betrachten und/oder andere Körperteile ins Visier nehmen, die ihrer Meinung nach optimiert werden müssen, um sich selbst und v.a. anderen gefallen zu können. Die psychische Motivation zu einer Korrektur kann eben sehr vielschichtig sein.

Formenvielfalt: in Gips gegossene Vulva-Plastiken

Welche Motivation haben Frauen, sich einer Schamlippen-Korrektur zu unterziehen?

Es gibt sehr pragmatische körperliche Gründe, die auch objektiv feststellbar sind. Diese führen zu einem sehr großen Leidensdruck. Und dann gibt es eben auch Menschen, die eine OP aus rein psychischen Anliegen anstreben – und auch einen extrem großen Leidensdruck haben. Diese Menschen befinden sich bereits in einer Situation, wo sie wenig Zugang zum eigenen Körper haben, möglicherweise kaum einen autonomen Zugang zur eigenen sexuellen Lust, sich nur wohl fühlen, wenn sie sich gemäß normierter Gesellschaftsvorgaben inszenieren können und Bestätigung von außen bekommen und damit den eigenen Körper nicht als Subjekt sondern als Objekt wahrnehmen.

Ist dies der Fall, dann wird der Körper zu einer Konstruktion, die beliebig verändert werden kann. Menschen, die ihren Körper als Subjekt wahrnehmen, fühlen sich sozusagen in diesem Körper "zu Hause", können sich darin wohl fühlen, haben intensive Körperwahrnehmungen und können meist auch ihre sexuelle Lust autonom gestalten. Niemand sucht sich jedoch aus, wie die eigene Entwicklung verläuft. Wenn es nun einfach passiert, dass der eigene Körper, sagen wir mal, als etwas Fremdes, Konstruierbares, erlebt wird, das optimiert werden MUSS, um sich irgendwie wohl fühlen zu können, dann ist dies die Folge einer jahrelangen Entwicklung. Ist dieser Zustand erreicht, dann haben Betroffene, verständlicherweise wenig Interesse irgendetwas anderes zu tun, um sich wohlzufühlen.

Die OP ist dann, aus Sicht dieser Patientinnen, tatsächlich die einzige Lösung. Und damit kommen wir zu einem nicht lösbaren ethischen Problem: Natürlich könnte man jetzt sagen, dass es nicht okay ist, diese Personen zu operieren, da der Leidensdruck letztendlich durch einen limitierten Zugang zum eigenen Körper entsteht. Andererseits stellt sich da auch aus Beratungssicht die Frage, ob und inwieweit es zulässig ist, Menschen vorzuschreiben welcher Art ihre Lösungen für eine psychisch belastete Situation sein dürfen.

Künstlerin Gloria Dimmel mit einer ihrer Plastiken

Was wäre aus sexualtherapeutischer Sicht empfehlenswert?

Aus sexualpädagogischer Sicht geht es darum Menschen, die sich eine OP wünschen, sehr respektvoll auf ihren individuellen Lösungswegen zu begleiten und parallel dazu aber in sehr massiver Weise Überlegungen anzustellen welche Entwicklungswege zu einem objekthaften Zugang zum eigenen Körper führen können. Wenn das klar ist, dann kann auf einer politischen Ebene überdacht werden, welche Entwicklungsbedingungen Kinder benötigen, um gut in ihrem Körper "landen" zu können. Und bei diesen Überlegungen geht es nicht darum, dass eine OP "nicht in Ordnung" wäre, sondern ganz pragmatisch darum, dass es einfacher ist sich selbst sehr zu mögen und schön zu finden, als unter massiven Druck zu geraten, weil ständig überlegt wird in welcher Weise der Körper optimiert werden sollte.

Die Attraktivität des Geschlechtsorgans hat einen sehr direkten Zusammenhang mit der Gestaltungsfähigkeit der eigenen Lust in Bezug auf die andere Person.

von Bettina Weidinger, Sexualpädagogin

Wie groß ist der Leidensdruck der Patientinnen Ihrer Erfahrung nach, sich trotzdem einer Schamlippen-OP zu unterziehen? Kann frau sich diesen Leidensdruck auch "einbilden"?


Leidensdruck ist Leidensdruck. Es gibt keinen "eingebildeten Leidensdruck" - was sollte das sein? Wir sprechen hier von einer subjektiven Empfindung von Menschen. Diese braucht Respekt. Und noch einmal: Es steht niemandem zu, diese zu bewerten und als "echt" oder "eingebildet" zu definieren. Und nochmals: Die passenden Lösungswege dafür sind sehr unterschiedlich und individuell. Eine gute Begleitung orientiert sich an den Möglichkeiten und Fähigkeiten der betroffenen Person, wertet nicht und unterstützt darin, genau jene Lösung zu finden, die individuell gesehen auch passend ist und zu einer Erleichterung führt.

Warum wünschen sich erwachsene Frauen Schamlippen, die so aussehen, wie die eines jungen Mädchens?

Ausgangspunkt ist immer die Instabilität im Zugang zum eigenen Körper. Und nochmals: Das sucht sich niemand aus! Da ist niemand "schuld", wenn sich das so ergibt. Und diese Situation lässt sich auch nicht einfach durch nette Tipps wegzaubern. Sich nicht im eigenen Körper wohlzufühlen ist eine sehr ernst zu nehmende, belastende Situation, die sich über Jahrzehnte entwickelt und meist im Jugendalter bereits in massiver Weise spürbar ist.

Wenn Menschen den eigenen Körper nicht als zu sich gehörig empfinden, dann ist es eine logische Folge, dass Außenbilder, die durch Medien, öffentliche Meinungen, etc. kolportiert werden, große Bedeutung bekommen. Parallel zu einer jahrhundertelangen Tradition in der Abwertung weiblicher Sexualität, sind es immer noch Frauen, die "zu gefallen" haben – u.a. durch ein bestimmtes sexuelles Aussehen.

Also etwas verkürzt würde ich sagen: Jahrhundertelang wurde daran gearbeitet, dass Frauen keine sexuelle Autonomie entwickeln können und damit in ihrem Gefühl der sexuellen Attraktivität vom Außen abhängig sind. Eine Klientin hat mir gegenüber mal betont, dass sie sich nur dann schön fühlt, wenn sie merkt, dass man ihr auf der Straße nachschaut. Ohne Rückmeldung kannte sie kein Attraktivitätsgefühl – die einzige Frage, die sie beschäftigte, war: Werde ich (wem auch immer) gefallen? Und wenn diese Frage im Raum steht, dann greifen gesellschaftliche Vorgaben. Eine davon ist, dass "jung sein" – zumindest auf körperlicher Ebene – als Attraktivitätssymbol gilt.

Dein Körper ein Kunstwerk. Vulven-Diversität gefeiert in den Gips-Abdrücken von Gloria Dimmel.

Gibt es eine bestimmte Altersgruppe, die sich am ehesten einer Schamlippen-OP unterzieht?

Letztendlich hat das Alter, in welchem sich Menschen für diese OP entscheiden, ja auch etwas mit Möglichkeiten zu tun. Wäre es möglich, dann würden vermutlich bereits sehr viele Jugendliche diese OP anstreben. Und wenn eine große Unzufriedenheit mit dem Körper besteht, dann taucht diese eher nicht erst jenseits der 50 Jahre auf, sondern besteht schon früher.

Stimmt es, dass Männer beim Sex gar nicht darauf achten, ob die Schamlippen objektiv oder subjektiv gesehen "schön" sind und auch NACH der Schamlippen-OP nicht viel Unterschied beim Sex merken?

Ich glaube nicht, dass sich das geschlechtsspezifisch pauschalieren lässt. Aber eines kann sicher gesagt werden: Die Attraktivität des Geschlechtsorgans hat einen sehr direkten Zusammenhang mit der Gestaltungsfähigkeit der eigenen Lust in Bezug auf die andere Person. Etwas platt ausgedrückt: Wenn Menschen sehr geil sind, dann wird auch der Körper der anderen Person als sehr geil wahrgenommen. Die Lustwahrnehmung beeinflusst also die Attraktivitätswahrnehmung.

Was aber auch bedeutet, dass Menschen, die in ihrer sexuellen Lustwahrnehmung und der Gestaltungsfähigkeit limitiert sind, mehr von äußeren Kriterien abhängig sind. Es kann also sehr wohl vorkommen, dass Menschen den Körper der anderen Person kritisch und objekthaft betrachten und dann auch bewerten. So etwas kränkt extrem – auch wenn aus Beratungssicht deutlich gemacht werden muss, dass Bewertungen dieser Art lediglich etwas über die Limitierungen jener Person aussagen, die wertet, und nichts über die Person, die bewertet wird.

Ich würde der Porno-Industrie nicht so viel Macht zuschreiben. Menschen haben ja schon ein Genital bevor sie das erste Mal einen Porno sehen.

von Bettina Weidinger, Sexualpädagogin

Ist eine Schamlippen-OP Trend geworden? Statistiken der ISAPS (International Society of Aesthetic Plastic Surgery) legen nahe, dass sich die Zahl der Schamlippenkorrekturen 2019 um 24,1 % und seit 2015 um 73,3% erhöht hat…

Angebote schaffen nun mal auch Nachfrage. Zusätzlich ist das Thema OP im Schönheitsbereich weniger tabuisiert als noch vor zehn Jahren. Und möglicherweise sind auch die Bedingungen gut in der eigenen (sexuellen) Körperwahrnehmung zu landen schwieriger geworden. Kinder sind so kontrolliert wie nie zuvor, es gibt kaum Intimräume, wenig Bewegungsmöglichkeiten und daher auch wenig Entwicklungssituationen, wo Kinder sich selbst in ihrem Körper wahrnehmen können.

Hat die Porno-Industrie hier einen Einfluss?

Die Pornoindustrie bedient einen Markt. Und nimmt Trends auf. Es wird das gesendet, geliefert, was Menschen sehen wollen. Natürlich ist das eine ständige gegenseitige Beeinflussung an Bedarf und Nachfrage – dennoch würde ich der Porno Industrie da nicht so viel Macht zuschreiben. Menschen haben ja schon ein Genital bevor sie das erste Mal einen Porno sehen. Und wenn da der Zugang ein sehr lustvoller, positiver ist, dann wird das Außenbild des Pornos an diesem Zugang nichts verändern können.

Wenn allerdings das eigene Genital bereits als unangenehm, ekelhaft und mangelhaft gesehen und wahrgenommen wird, dann werden sämtliche Außenbilder, auch jene in Pornos, sehr viel Einfluss nehmen können. Den weit größeren und nachhaltigeren Einfluss hat die gesellschaftliche Haltung: Immer noch wird das Genital negativiert, als schmutzig definiert, Berührungen im Genitalbereich gelten als unanständig etc.

Die Teilung von kognitiv = edel und gut und körperlich/genital = tierisch, böse, schlecht …existiert eben immer noch. Wie sollen da Menschen einen positiven, lustvollen Bezug zum eigenen Genital entwickeln können? Genau dieser negative gesellschaftliche Einfluss macht sich vor allem in der pädagogischen Arbeit mit Kindern in massiver Weise bemerkbar, ist aber auch in sehr banaler Weise überall dort spürbar, wo das Genital entblößt werden muss: Öffentliche Toiletten in Österreich sind meist ekelhaft und unangenehm. Eine klare Rückmeldung der Respektlosigkeit an den eigentlich sehr sensiblen Intimbereich. Rein hypothetisch würde ich also behaupten, dass mehr Genitalfreundlichkeit automatisch zu weniger OPs im Intimbereich führen würde, aber auch das ist letztendlich keine belegbare Aussage.

Gloria Dimmel

Die 27-jährige Künstlerin Gloria Dimmel erfreut mit ihren in Gips gegossenen Vuvlen-Plastiken seit 2017 nicht nur die Kunstwelt, sondern bietet Frauen in Sessions an, ihr eigenes Geschlechtsteil in Gips zu verewigen. Ziel ist es, das immer noch sehr Tabu behaftete Wort Vulva in den Mund zu nehmen und die Vulva in ihrer bunten Formenvielfalt zu feiern.

Hier geht es zu ihrem Instagram-Account.

 

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