Susan Sarandon über Feminismus, #metoo und Flüchtlinge

Schauspiel-Ikone Susan Sarandon im exklusiven WIENERIN-Gespräch über #metoo, die Flüchtlingskrise und den Launchs des Duftes "Sunlight" von Jil Sander.

Hamburg im Nieselregen. Eine moderne Villa am Stadtrand. Die Adresse wird wegen der Paparazzi geheim gehalten. Mein Treffpunkt für das Interview mit Hollywoodstar Susan Sarandon. Sie begrüßt mich persönlich am Eingang. Nach einem kurzen Gespräch verabschiedet sie sich mit den Worten "Ich muss dann mal zurück in meinen Käfig" und meint damit den Interviewraum, in dem sie JournalistInnen trifft. Und ich bin hingerissen von ihrem Charisma, ihrer Selbstironie, ihrem spröden Humor. Ein Fan von Susan Sarandon bin ich schon, seit sie im Roadmovie Thelma &Louise den Lkw eines übergriffigen Truckfahrers in die Luft jagte. Auch im wahren Leben setzt sie sich stark für die Rechte Benachteiligter ein. Und egal, welches Thema wir anschneiden: Diese Frau nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Am wichtigsten sei es, authentisch und echt zu sein, auch, wenn man polarisiert und sich die Finger verbrennt. Ein Duftmodel mit echter Vorbildwirkung - Jil Sander hätte kein zeitgemäßeres Testimonial finden können.

Welchen Stellenwert haben Parfums für Sie?

Susan Sarandon: Ich habe mich erst spät für Düfte interessiert. Meine stärksten Dufterinnerungen als Kind waren Weihrauch und Myrrhe. Ich bin katholisch erzogen worden und wir waren oft in der Kirche. In meiner Hippiezeit trug ich wie alle damals Duftöle. Später bevorzugte ich leichte Parfums, nur nicht zu auffällig. Heute bin ich mutiger.

Wir leben in gefährlichen Zeiten, deshalb dürfen wir nicht länger schweigen. Wir müssen unsere Stimmen erheben. Hitler hat auch eine sehr lange Zeit gebraucht, bis er an die Macht kam. Noch haben wir Zeit, zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.
Susan Sarandon

Welche Rolle spielt Duft für Sie im Alltag?

Ich verwende für jede meiner Rollen ein anderes Parfum. Das hilft mir und den anderen Schauspielern, sich besser in den Charakter hineinzuversetzen. Spiele ich zum Beispiel eine Frau, die gerne kocht, greife ich zu einem süßen Gourmandduft. Am schwierigsten war es bei einer Rolle als Krankenschwester, da habe ich mich für einen Duft, der wie Seife riecht, entschieden.

Sie sehen rasend gut aus, was ist das Geheimnis?

Ich beginne jeden Tag mit Meditation, Atemübungen und Stretching. Danach Gesichtsreinigung, Feuchtigkeitspflege mit Sunblocker und zum Frühstück eine ganze Reihe Vitamin-Supplements.

Wie fühlen Sie sich als Repräsentantin für den neuen Duft Jil Sander Sunlight?

Wenn Sie darauf anspielen, wie ich dazu stehe, dass Jil Sander mit mir ein älteres Model für eine glamouröse Kampagne gewählt hat, kann ich nur sagen: Es gibt einfach sehr viele von uns Babyboomern da draußen. Menschen leben heute länger, sie geben besser auf sich acht, sie essen besser, sie sind fit. Und unglücklicherweise denken sie auch gar nicht daran, ihre Jobs aufzugeben und den Millennials zu überlassen.

Was verbindet Sie mit Jil Sander?

Ich habe mit der Modemarke immer eine sehr eigenständige Weiblichkeit assoziiert. Klassisch, aber mit dem gewissen Etwas. Nichts Vergängliches, sondern etwas Zeitloses. Ich habe gehofft, dass auch der Duft diesen Ansprüchen gerecht wird. Und ich wurde nicht enttäuscht. Sunlight riecht klassisch, klar, stark und trotzdem feminin. Es ist schön, einen Signature-Duft zu haben, mit dem dich die anderen assoziieren.

Die einzigen Probleme, die ich mit Harvey Weinstein hatte, waren beruflicher Natur, aber auch davon gab es genug.
Susan Sarandon

Sehen Sie sich als Feministin?

Vor ein paar Jahren dachte niemand mehr über Feminismus nach. Selbst wir, die in den 1960er-und 1970er-Jahren losgezogen waren und für Abtreibung und andere Frauenrechte gekämpft hatten, hielten das Thema für abgehakt. Das hat sich geändert. Ja, ich bin Feministin, aber in erster Linie bin ich Humanistin. Feminismus darf die Männer nicht ausschließen. Es geht um gleiche Rechte für alle und um die Freiheit, seine Meinung vertreten zu dürfen. In Amerika wurde Feminismus in der jüngsten Vergangenheit sehr schräg ausgelegt. Nehmen wir mal das Beispiel Hillary Clinton: Wenn du als Frau nicht für sie als Präsidentin warst, wurdest du als Verräterin am eigenen Geschlecht bezeichnet.

Wie sehen Sie die heutigen Frauen?

Sie sind die, die Veränderungen vorantreiben. Und davon hängt unser Schicksal ab.

Hollywood ist immer noch mit der Aufarbeitung der #metoo-Vorwürfe beschäftigt. Wussten Sie Bescheid?

In meiner Branche werden das Aussehen und die sexuelle Ausstrahlung bewusst eingesetzt -es ist ein Teil von dem, was die Leute "kaufen", wenn sie dich engagieren. Aber sie kaufen nicht dich. Ja, ich hatte zweideutige Angebote. Aber ich wurde nie dafür bestraft, wenn ich diese ablehnte. Und ich wurde nie in die Ecke gedrängt. Ich wurde nicht durch ein Zimmer gejagt. Niemand hat mich in einen Raum gesperrt. Ich wurde nicht vergewaltigt. Die einzigen Probleme, die ich mit Harvey Weinsteinhatte, waren beruflicher Natur, aber auch davon gab es genug.

Wie sehen Sie die #metoo-Bewegung heute?

#metoo war gedacht, um Frauen zu ermutigen, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Viele dachten ja tatsächlich, mit sexuellen Belästigungen konfrontiert zu sein gehöre einfach zum Frausein dazu. Mir fehlt bei der ganzen Debatte aber der Fokus auf die Männer. Welche Verantwortung und welche Konsequenzen tragen sie, nachdem das Ganze ans Licht gekommen ist? Was haben sie sich dabei gedacht? Welche Wiedergutmachung wollen sie leisten? Nur, wenn man hier ansetzt, kann man so etwas in Zukunft vermeiden.

Sie setzen sich aktiv für Flüchtlinge ein. Wo fängt man hier am besten an?

Wir müssen aufhören, die Heimat dieser Menschen zu bombardieren, sonst wird das nie aufhören. Ich war auf Lesbos und habe mit Betroffenen gesprochen. Ich habe eine Mutter mit zwei kleinen Kindern gefragt, warum sie diese lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer auf sich genommen hat. Ihre Antwort war: "Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich im elften Stock eines brennenden Hochhauses und Springen wäre Ihre einzige Überlebenschance. Natürlich würden Sie springen."

Dennoch gibt es sehr viele Ressentiments gegen Flüchtlinge.

Die westliche Bevölkerung hat Angst vor Flüchtlingen, weil ihr Angst gemacht wird. Man erzählt ihr, die Flüchtlinge wären eine Bedrohung. Niemand spricht von den Chancen, den Einsteins dieser Welt, den Menschen, die ein Gewinn für jedes Land sein können. Auch unter den Flüchtlingen gibt es talentierte Menschen, die mit ihrer Arbeit zu einer positiven gemeinsamen Zukunft beitragen. Und genau genommen stammt jeder, der in den USA lebt, von Immigranten ab, außer die indianischen Ureinwohner. Mein eigener Großvater kam 1915 als Kriegsflüchtling von Sizilien in die USA. Immigranten haben dieses Land aufgebaut. Aber alles, was viele politische Führer derzeit tun, ist das Schüren von Angst und Hass.

Europa blickt besorgt nach Amerika. Viele fürchten, dass die Demokratie in Gefahr ist...

Diese Angst ist nicht unberechtigt. Das einzig Positive ist, dass sich Menschen heute viel weniger gut mit ihrem Hass in einem Hinterhalt verstecken können. Durch das Internet kann man heute sehr viel erfahren, aufdecken und Stellung beziehen. Man muss nur seine digitale Blase verlassen. Wenn der Irak weiterhin destabilisiert wird, wird das auch die restliche Welt betreffen. Wir leben in gefährlichen Zeiten, deshalb dürfen wir nicht länger schweigen. Wir müssen unsere Stimmen erheben. Hitler hat auch eine sehr lange Zeit gebraucht, bis er an die Macht kam. Noch haben wir Zeit, zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Wir müssen achtsam sein und vor allem unsere Kinder anders erziehen.

Sind Sie öfters in Europa?

Ich spiele leidenschaftlich gerne Pingpong. Und letztes Jahr flog ich nach Deutschland, um Tischtennistische in die Flüchtlingslager nach Berlin zu bringen. Die Kids dort haben beim Pingpongspielen Deutsch gelernt. Das zu sehen hat mich glücklich gemacht.

Mir fehlt bei der ganzen #metoo-Debatte aber der Fokus auf die Männer. Welche Verantwortung und welche Konsequenzen tragen sie, nachdem das Ganze ans Licht gekommen ist? Was haben sie sich dabei gedacht? Welche Wiedergutmachung wollen sie leisten?
Susan Sarandon

Was hat Sie das Leben gelehrt?

Am Ende des Tages zählt nur, ob du dein Bestes gegeben hast, freundlich und authentisch warst, auch, wenn die Ergebnisse nicht immer sichtbar sind.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Dass Menschen wichtiger sind als Profit. Das Ende der Petrochemie und natürlich Frieden auf Erden.

Susan Sarandon wurde 1946 als ältestes von neun Kindern einer streng katholischen Familie italienischwalisischer Herkunft geboren.

Den Durchbruch feierte sie mit dem Kultfilm The Rocky Horror Picture Show (1975), in dem sie die Janet Weiss spielte.

Sie wurde fünfmal für einen Oscar nominiert und gewann ihn schließlich für Dead Man Walking (1995). In der Serie Feud (seit 2017) ist sie als Bette Davis zu sehen.

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