Sudan verbietet Genitalverstümmelung an Frauen und Mädchen

Neun von zehn Mädchen im Sudan werden beschnitten, ihre Genitalien verstümmelt. Der Staat hat die Praxis jetzt unter Strafe gestellt. Aber wie gut schützt das Frauen und Mädchen tatsächlich vor dem grausamen Ritual?

Sudan verbietet weibliche Genitalverstümmelung

Der Sudan hat Genitalverstümmelung bei Frauen und Mädchen unter Strafe gestellt. Ende vergangener Woche hat der Souveräne Rat, die höchste Institution des Landes, das Gesetz nach Angaben des Justizministeriums ratifiziert. Menschen, die den Eingriff bei Frauen und Mädchen vornehmen, können zu einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren und einer Geldstrafe verurteilt werden. Verantwortlichen Krankenhäusern und anderen Einrichtungen droht die Schließung. Das Justizministerium erklärte in einer Stellungnahme, die uralte Praxis "untergrabe die Würde von Frauen." Laut den Vereinten Nationen sind immer noch knapp neun von zehn Mädchen im Sudan Opfer von FGM (Female Genital Mutilation, engl. für weibliche Genitalverstümmelung).

"Diese veraltete Praxis zu verbieten ist ein sehr positiver Schritt der sudanesischen Regierung", sagt Deprose Muchena, Direktor für die Region Ost- und Südafrika bei Amnesty International auf Anfrage der WIENERIN. "Tatsächlich wird FGM im Sudan immer noch weitgehend praktiziert, obwohl die Regierung in den vergangenen Jahren Gesetze eingeführt hat, die diese Praxis verbieten. Die Umsetzung der Gesetze ist aufgrund des tief verwurzelten kulturellen Glaubens an diese Praxis nach wie vor eine Herausforderung."

Was bringt ein Verbot weiblicher Genitalverstümmelung?

Sudan ist bei Weitem nicht das erste afrikanische Land, in dem die grausame Tradition unter Strafe steht. In den meisten Staaten ist FGM (Female Genital Mutilation) inzwischen verboten. Seit den 1980ern arbeiten nichtstaatliche Initiativen in allen betroffenen Ländern im westlichen und nordöstlichen Afrika für ein Ende der Verstümmelung, das größte Netzwerk ist das Inter-African Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children. Auch die internationale Menschenrechtsorganisation Amnesty International fordert seit Jahrzehnten, dass Staaten die schwere Menschenrechtsverletzung an Frauen und Mädchen gesetzlich verbieten.

In Kenia ist das Ritual seit 2002 verboten. 2016 haben insgesamt 300 Gemeinden in Guinea, Guinea-Bissau, Mali und Mauretanien zugesichert, künftig auf die Praxis zu verzichten. Nigeria hat Genitalverstümmelung Anfang 2017 im ganzen Land unter Strafe gestellt - als einer der einflussreichsten afrikanischen Staaten und einer Bevölkerung von 195 Millionen. Dennoch sind nach wie vor Millionen von Frauen und Mädchen von der gewaltvollen Praxis betroffen und gefährdet. Gesellschaftlicher Druck und eine tiefe traditionelle Verwurzelung in der Kultur machen es Einzelnen schwer, sich gegen die Beschneidung ihrer Töchter zu entscheiden. Erwachsene, unbeschnittene Frauen erfahren Diskriminierungen, werden oft sogar verstoßen oder geächtet. Amnesty International fordert deswegen neben dem Verbot auch weitere Maßnahmen, wie Informationskampagnen und Bildungsinitiativen, damit der notwendige Wandel für die Menschen und ihre Rechte auch in der Praxis passiert.

Wieviele Frauen und Mädchen sind von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen?

Bei der extremsten Form der FGM werden Vulvalippen und Klitoris entfernt, häufig ohne Betäubung, unter unhygienischen Umständen und von medizinisch nicht geschultem Personal, oft mit Rasierklingen oder Glasscherben. Auch in Krankenhäusern oder bei Ärzt*innen passiert Genitalverstümmelung in einer Operation, an der menschenrechtswidrigen Dimension des Rituals ändert das nichts. Der Eingriff führt häufig zu einer Vielzahl an physischen, psychischen und sexuellen Problemen, die Betroffene ihr Leben lang begleiten. Im schlimmsten Fall sterben die Opfer an dem Eingriff oder seinen Folgen. Weltweit sind derzeit 200 Millionen Mädchen und Frauen von der Praxis betroffen. Im heurigen Jahr sind laut dem Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen (UNFPA) 4,1 Millionen weitere Mädchen und Frauen von der Praxis bedroht.

 

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