Sucht nach Bräune

Auf der Suche nach der perfekten Bräune werden etliche Sonnenanbeter zu brutzelbraunen Grillhenderln - ein ebenso fragwürdiges wie gefährliches Schönheitsideal mit Suchtgefahr namens Tanorexie.

UM JEDEN PREIS BRAUN

"Sonnst du noch oder brätst du schon (wieder)?", würde wohl mancher die knusperbraun gebrannten Mädels, denen man Sommer wie Winter auf der Straße begegnet, am liebsten fragen. Und ihnen bei der Gelegenheit auch gleich mahnend einen Spiegel vor die leuchtendbraunen Nasen halten. Allerdings liefe man dann auch Gefahr, dass
viele in Anbetracht ihrer vermeintlichen Blässe bloß
panisch nach Kleingeld für den nächsten Solariumbesuch
kramen.

BRÄUNEN MACHT FARBENBLIND

Das Fatale ist nämlich: Menschen, die übertrieben
gebräunt sind, merken das meist nicht. Sie sind
längst süchtig - die sogenannte Tanorexie, also die
Sucht, sich zu bräunen, hat sie fest im Griff. 2005
wiesen Forscher erstmals das Suchtpotenzial von regelmäßigen Solariumbesuchen und Sonnenbädern
nach. Einige Testpersonen, die plötzlich nicht mehr
wie gewohnt ins Solarium gehen durften, wurden
teilweise sogar von typischen Entzugserscheinungen
wie Zittern und Übelkeit geplagt. Hinzu kommt, dass solche Menschen im Laufe ihrer zahlreichen Bräunungs-Sessions eine völlig falsche Selbstwahrnehmung entwickeln. Während ihre Bräune längst abnormal bis abstoßend auf Außenstehende wirkt, fühlen sie sich immer noch zu blass um die Nase. Und so bräunen viele so oft wie möglich nach. Schlimmstenfalls täglich oder unter Zuhilfenahme gefährlicher Hilfsmittel wie Sonnenreflektoren oder Körperöl ohne Lichtschutzfaktor.

IM BRÄUNUNGSWAHN

Ein erschreckender Zustand, vor dem Dermatologen,
Krebsexperten und Jugendschützer eindringlichst warnen und gegebenenfalls zu einer Therapie raten. Denn Tanorektiker leugnen meist die Gesundheitsrisiken von übermäßiger Sonnenbestrahlung - oder spielen sie herunter. Dabei steigt das Risiko, an bösartigem Hautkrebs zu erkranken für jeden, der oft ins Solarium geht oder ungeschützt sonnenbadet, laut dem Vorsitzenden Dr. Eckhard Breitbart auf bisher fast 200 Prozent. Die am stärksten gefährdete Risikogruppe stellen dabei junge Frauen bis 35 dar. Außerdem drohen vorzeitige Falten, Lederhaut, Pigmentstörungen und sogar Zahnausfall. Für die Organisatoren der Londoner
Fashion Week Gründe genug, seit diesem Jahr nicht mehr mit solarium- und sonnengebräunten Models zusammenzuarbeiten.

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Tanorexie (Deutsch: Bräunungssucht) wird von einigen deutschsprachigen Fachleuten das übertriebene Verlangen, die Haut exzessiv zu bräunen, genannt. Der Begriff setzt sich aus dem englischen Begriff to tan (bräunen) und Anorexie (Magersucht) zusammen. Die Betroffenen sollen die „perfekte Bräune“ anstreben und ihr Schönheitsideal über stark gebräunte Haut definieren. Ihr Wunsch nach Körperbräune übersteige dabei ein normales und gesundes Maß.

BRANDHEISSER SKANDAL

Gleichzeitig vermitteln negative Vorbilder wie das
diesjährige H&M-Bikinimodel jedoch weiterhin das
lebensgefährliche Schönheitsideal vom tiefbraunen
Bronzekörper - für einen Mitteleuropäer übrigens kaum zu erreichen. Es sei denn, man hilft mit Bräunungsmitteln - oder wie H&M mit dem Photoshop- Pinsel - nach. „Es ist traurig, aber H&M wird durch diese Kampagne nicht nur mehr Badeanzüge verkaufen, sondern auch dazu beitragen, dass mehr Leute an Krebs sterben", ließ die Schwedische Krebsgesellschaft kurz nach Auftauchen der Plakate entrüstet verlautbaren. Und sie war bei Weitem nicht die einzige, nicht die einzige, die stinkesauer über so viel Unverantwortlichkeit war. Aufgrund der weltweiten Kritik entschuldigte sich H&M dann auch brav in Form einer Stellungnahme: „Es ist keinesfalls unsere Absicht gewesen, ein spezifisches Ideal zu propagieren oder zu gefährlichem Verhalten zu ermutigen." Die Skandal-Plakate hängen trotzdem noch immer.

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SCHATTEN & LICHT

Und auch so manche Designer, Schauspieler und Reality-Stars wie etwa Katie Price, Donatella Versace und Giorgio Armani scheinen das Gefühl für die berühmte „gesunde Bräune" schon lange verloren zu haben. Auch wenn man zu ihrer Verteidigung sagen muss, dass die meisten inzwischen auf die künstliche Bräune aus der Tube oder Dusche umgestellt haben. So wie Lindsay Lohan. Mittlerweile wieder weit entfernt vom Prolo-Teint, geriet sie vor Kurzem noch aufgrund von sagenhaften 41.000 US-Dollar Schulden in die Schlagzeilen. Die soll sie angeblich innerhalb der letzten zwei Jahre unter der Bräunungsdusche angehäuft haben. Zugegeben: Der massive Einsatz von Selbstbräunern macht den Grillhenderl- Look zwar nicht unbedingt attraktiver, aber gesünder ist es allemal. Bleibt nur zu hoffen, dass die eingefleischten UVStrahlen- Freaks, die ihre Gesundheit für ein zweifelhaftes Schönheitsideal aufs Spiel setzen, bald heller werden. Und erkennen, wie dumm ihre ständigen Solarienbesuche und ungeschützten Sonnenbäder in Wirklichkeit waren.

 

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