Stöhn ich nur für dich? Wie wenig Lust Frauen bei Heterosex wirklich haben

GENDER-GAP IM SCHLAFZIMMER: Frauen empfinden bei Heterosex weniger Lust als Männer, kommen viel seltener zum Orgasmus, stöhnen aber deutlich mehr und lauter. Warum? Wie viel Sexismus steckt in unserem Sex?

Gender Gap im Schlafzimmer

Der weibliche Orgasmus ist ja so: "Oh, fuck. Mh. Fuck, JA! Ich komme. Hör nicht auf. Jaaa, mach weiter! Adköfljadlsjaödfjdsaöfjdsaöf." Der männliche eher so: "Uh."
Es ist ein Spruchbild, das auf So­cial Media immer wieder die Runde macht. In den Kommentarspalten markieren Frauen dann die Accounts ihrer Partner: "Hihi, Schatzi, schau! Das sind 1:1 wir. ;-)"
Und es ist wahr: Viele Frauen und ihre männlichen Schatzis sind so. Im Durchschnitt sind Frauen beim Sex lauter als Männer. Aber: Es liegt nicht daran, dass sie mehr Lust empfinden. Im Gegenteil, wie eine in Archives of Sexual Behavior erschienene Studie zeigte: 92 Prozent der Frauen stöhnen vor allem, um den Sex schneller zu beenden. Das große Oh ist kein Zeichen von Lust, mehr von Frust. Es soll das männliche Ego stärken, dem Partner zeigen, was für ein toller Liebhaber er ist.
Bei Sex geht es eben nie nur um Sex, sondern immer auch um Regeln, Rollen, Rechte und letztlich Macht. Über die Stichprobe, die Genauigkeit der 92 Prozent, lässt sich in der Wissenschaft streiten – die Aussage stimme aber und sei vor allem nicht überraschend, findet Sandra Konrad: "Zur weiblichen Sozialisierung gehört auch im 21. Jahrhundert, Männern Lust und Befriedigung zu verschaffen."

Fragile Männeregos und überholte Frauenbilder

Konrad ist Diplompsychologin und Autorin. In "Das beherrschte Geschlecht" (Piper, € 12,40) hinterfragt sie den Stand der weiblichen Selbstbestimmung und entlarvt bis heute wirksame Geschlechterklischees. "Die meisten Frauen, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe, beschrieben sich als sexuell selbstbestimmt, verhielten sich aber angepasst, norm- und regelkonform", sagt sie. Auch Männer sind nicht frei von Rollenzuschreibungen und Normen – aber sie haben die Normen gemacht, denen Frauen sich anzupassen hätten. Vor allem Frauen würde es daher schwerfallen, ihre Wünsche zu äußern. Das sei bedauerlich, aber nicht wirklich verwunderlich: "Frauen wurden die längste Zeit in ihrer Lust und Sexualität unterdrückt", so Konrad. Heute gehe es deshalb darum, sich die Erlaubnis zu geben, sich wohlzufühlen.

Das Problem beginnt aber schon früher: Bevor man Wünsche äußern kann, muss man sie kennen. "In Pornos, die Frauen auch zur Weiterbildung schauen, sind Frauen oft nur Lustspenderinnen und Befriedigungsgehilfinnen, anstatt auf ihre eigenen Kosten zu kommen", sagt Konrad. Ist man ständig von solchen Bildern umgeben, verinnerlicht man sie – und damit auch die männliche Lust, wie die Studie Beliefs About Gender Predict Faking Orgasm in Heterosexual Women zeigt: Frauen täuschen vor allem dann Orgasmen vor, wenn sie glauben, das sei für die sexuelle Befriedigung des Mannes nötig.
Bis heute werden Bilder von gefälligen Frauen gezeichnet, die Botschaft ist laut Konrad immer die gleiche: "Sie will, was er will, und sie macht, was er will. Anders gesagt: Vielen Frauen ist es wichtiger‚ 'gut im Bett' zu sein, als sich gut im Bett zu fühlen."

Masturbation

Oh ist nicht gleich Oh

Was sich gut anfühlt, was gefällt, das finden Frauen mit sich selbst heraus. Die Zahlen variieren je nach Studie, oft sind es um die 80, manchmal sogar über 90 Prozent – jedenfalls immer deutlich die Mehrheit an Frauen, die durch Selbstbefriedigung höhere Chancen auf Orgasmen und bessere Höhepunkte haben. Vielleicht lohnt es sich, da zu beobachten: Werden Duschköpfe, Vibratoren und die eigenen Finger mit demselben Stöhn-Loblied besungen, wenn man alleine ist? Worauf hat man Lust? Hat man überhaupt Lust?
Katja Lewina hat Lust. Und schreibt darüber. In ihrem Buch "Sie hat Bock" (DuMont, € 20,90) debattiert sie weibliches Begehren und reflektiert entlang ihrer erotischen Biografie sexuelle Selbstbestimmung. Sie erschüttert Beziehungsmodelle und Rollenbilder und entdeckt(e) dabei ihre Lust und Wünsche: "Mir hat geholfen, mich mit Feminismus zu beschäftigen", erinnert sie sich, und ist damit ein Beispiel dafür, was wissenschaftlich bewiesen ist: Feministinnen haben besseren Sex, täuschen weniger häufig Orgasmen vor. Wenn Frauen das Ego ihres Partners schützen und ihm das Gefühl geben, ein guter Liebhaber zu sein, verleugnen sie ihre eigene Sexualität. "Frauen in traditionellen Geschlechterrollen zögern eher, offen sexuelle Präferenzen zu kommunizieren", heißt es in der Studie. Vertrauensvolle Kommunikation sei für Beziehungen wichtig, für ein gemeinsames Sexleben unerlässlich. Für den Moment kann es sich wie die leichtere Lösung anfühlen, zu stöhnen, obwohl man keine Lust hat, glaubt Lewina: "Es ist wie Konflikte lösen zu wollen, ohne zu reden. Aber langfristig bringt das nichts. Man lernt nicht, sich zu artikulieren, seine Lust zum Ausdruck zu bringen, und gleichzeitig belastet man die Beziehung zu dem Menschen, mit dem man Sex hat, denn: In dem Moment, wo man etwas vormacht, muss man sich fragen: Wo ist die Beziehungsgrundlage, wo ist die Ehrlichkeit?"

Mehr Lust statt Frust, bitte!

Als Lewina begonnen hat, Normen und Regeln anzuzweifeln, war das ein Dominoeffekt, erzählt sie: "Du fängst dann an, viele andere Dinge auch infrage zu stellen. Man wird kritischer, muss überlegen: Mache ich etwas, weil ich das will? Oder mache ich etwas, weil ich das wollen soll? Diese Unterscheidung ist wahnsinnig schwierig, oft spürt man das nicht so genau." Wie auch? Wie sollen Frauen, die im Patriarchat geboren und aufgewachsen sind, die ständig vom Male Gaze – also dem männlichen Blick – umgeben und bewertet werden, wissen, was sie wollen? Kann man als Frau in einem patriarchalen System überhaupt sexuell selbstbestimmt aufwachsen? "Man muss auf jeden Fall darum kämpfen", erklärt Diplompsychologin Konrad, "und verstehen, dass es einen Unterschied zwischen sexueller Freiheit und Selbstbestimmung gibt." Freiheit sei das, was die Gesellschaft erlaubt, Selbstbestimmung das, was Frauen mit dieser Freiheit machen: "Wir müssen den Raum ausfüllen und schauen, was wir wollen und was nicht. Das ist nicht einfach. Frauen haben heute zwar mehr Freiheiten und Rechte als je zuvor, aber sie wachsen noch immer in einer Welt auf, in der sie lieber gefallen als bestimmen wollen. Der männliche Blick ist immer noch wichtiger als der weibliche Wille."
Lewinas Appell daher: "Scheiß auf die anderen, denk an dich selbst! Frauenzeitschriften, die über besonders 'vorteilhafte' Sexpositionen ­schreiben? Diesen Shit musst du vergessen und dich stattdessen fragen: Was macht dir Spaß?" Dabei gehe es auch immer darum, die eigenen Grenzen spüren zu lernen: Nein zu sagen; nicht zu stöhnen, wenn man nicht will; herauszufinden, was man machen will. "Es ist wie beim Essen. Viele Dinge muss man gemacht haben, um zu wissen, ob man sie mag. Du kannst nicht wissen, ob du gerne bläst, bevor du mal einen Schwanz in deinem Mund hattest", so Lewina. Das klingt einfacher, als es ist – und wahrscheinlich muss man sich auf der Suche nach der Lust unangenehme Dinge eingestehen: "Zugeben, dass man manches nur für den anderen macht, und merken: Ich bin nicht so eine coole Sau, wie ich dachte."
Das sei nicht schlimm. Es geht um das Bewusstsein, wie auch Konrad klarstellt: "Erst wenn wir gesellschaftliche Fesseln erkennen, können wir uns davon lösen." Das Wichtigste ist laut Lewina das Hinterfragen: "Nicht blind unterordnen, sondern verstehen, warum ich etwas tue. Und dann kann ich mich trotzdem dafür entscheiden." Für den anderen zu stöhnen, etwa.
Fürs Lautsein will Lewina ohnehin ein Plädoyer aussprechen – fürs selbstbestimmte, versteht sich: "Es ist ein tolles Werkzeug, um Lust zu steigern. Der Körper ist Resonanzraum, Stöhnen intensiviert nachweisbar die Empfindung." Am besten also einfach ausprobieren! Und vielleicht merkt man dann: Das ist nichts für mich. Oder aber: Es fühlt sich gut an, zu stöhnen. Und noch besser, es auch so zu meinen.

 

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