Stell dir vor, du wirst in der Bim belästigt. Was tust du?

Diskriminierung ist Alltag. Berfîn weiß das nur zu gut: Sie ist jung, sie ist eine Frau, sie hat Migrationshintergrund. Wenn sie in einer Straßenbahn blöd angequatscht wird, kommt zum Sexismus meist noch Rassismus dazu. Wer das bekämpfen will, braucht neben Mut und Ausdauer auch Wissen - und eine Mehrheit, die Veränderung will. Aber wie erschafft man die?

Stell dir vor, du wirst in der Bim belästigt. Was tust du?

Der Mann lacht. "Von wo bist du?", fragt er. Er schaut die junge Frau, die da in der Straßenbahn vor ihm steht, durchdringend an. Er gafft, sein Blick wandert über ihren ganzen Körper. "Schön schaust du aus."

Sie heißt Berfîn, aber das sagt sie ihm nicht. Schon vorher sei er ihr gefolgt, wird sie später im Gespräch mit der WIENERIN erzählen. In einem Geschäft habe sie bemerkt, wie er sie anstarrt, ständig in ihrer Nähe ist. Sie verlässt den Laden, geht in ein weiteres Geschäft. Der Mann ist auch da. Und er sitzt auch in der Straßenbahn, mit der Berfîn schließlich nach Hause fährt. Da spricht er sie an.

Sexismus und Rassismus, offline und online

Die junge Frau filmt mit. Im Video sieht man sie nicht, hört nur ihre Stimme. Hört, wie sie sich gegen die sexualisierte Belästigung des Mannes wehrt. Als sie nicht wie gewünscht auf die Aufdringlichkeit reagiert, beschimpft sie der Mann rassistisch. Berfîn postet das Video auf Instagram.

Die Plattform ist das Ventil für ihren Online-Aktivismus. Als @berfin.marx politisiert die 21-jährige so, wie man das 2020 machen muss: exzellent informiert, aber trotzdem persönlich. Sie schreibt über Rassismus, das Patriarchat und den Kapitalismus, und von den Erfahrungen, die man als junge Frau mit kurdischem Migrationshintergrund in Österreich machen muss. Mehr als 10.000 Follower*innen lesen mit. Und sie teilen das Video. Schnell verbreitet es sich, schnell sehen es auch Menschen außerhalb von Berfîns Bubble.

Dann kommt der Hass. Das sei doch alles nicht so schlimm. Völlig normal, kann sie denn kein Kompliment entgegennehmen? Sie solle sich nicht so aufregen. Pseudofeministin. Degeneriert und Ekelhaft. Sensationsgeiles, billiges Weib. Verharmlosungen, Beschimpfungen und Drohungen, bis hin zu Vergewaltigungswünschen. Zuviel für Berfîn. Sie löscht das Videoposting, stellt ihren Account kurzfristig auf privat.

Solche Dinge passieren jeden Tag und sie passieren vor allem Frauen und weiblich gelesenen Personen, online und offline. Nur langsam steigt die Wahrnehmung der alltäglichen Belästigungen und Diskriminierungen, nur langsam reagieren Gesellschaft und ihre Vertreter*innen in der Politik. In Frankreich gibt es seit dem Sommer 2018 ein Gesetz gegen sexualisierte Belästigung im öffentlichen Raum. Im gleichen Jahr hat Schweden sein Sexualstrafrecht verschärft, seitdem gilt der Grundsatz "Ja heißt Ja". Dänemark ist erst diese Woche nachgezogen. Und Österreichs Regierung, allen voran Justizministerin Alma Zadić (Grüne) und Familienministerin Susanne Raab (ÖVP), haben monatelang an einem neuen Gesetz gegen Hass im Netz gearbeitet, am Donnerstag wurde es präsentiert. Unter anderem hat man sich auf ein Upskirting-Verbot geeinigt, ein Gesetzesentwurf soll alsbald folgen. Dann wird es endlich verboten sein, Frauen unbemerkt unter den Rock oder in den Ausschnitt zu fotografieren.

Die Misogynie, die Frauenfeindlichkeit, ist aber nur das eine. Das andere wird in Berfîns Fall deutlich, als sie auch auf wiederholte Nachfrage dieses Mannes in der Straßenbahn ablehnend reagiert: Rassismus. Als ihm diese Frau in der Straßenbahn forsch entgegentritt, beschimpft der Mann sie. Geh zurück in dein Land.

Intersektionalität oder: Diskriminierung in Schichten

"Die Frage 'Wo kommst du her' scheint uns normal", sagt Berfîn später. "Es impliziert aber: Du bist anders. Du bist 'exotisch'. Das ist rassistisch." Wenn mehrere Diskriminierungskategorien miteinander verschmelzen, nennt man das in der Wissenschaft Intersektionalität. Frauen werden diskriminiert, weil sie Frauen sind. Menschen mit Migrationshintergrund, weil sie Migrant*innen sind. Women of Color und Schwarze Frauen erleben also mindestens zwei Ebenen von Diskriminierung: Sexismus und Rassismus. Und das ist noch nicht alles. Klasse, Gender und Sexualität, Alter und Religion, geistige oder körperliche Behinderungen, aber auch Aussehen und Gewicht – Menschen werden für eine Vielzahl an Merkmalen diskriminiert. Öfter als man glaubt für mehrere gleichzeitig.

Diese Diskriminierungserfahrungen sind individuell: Die Lebensrealität einer Schwarzen Frau ist nicht einfach die Summe der Diskriminierung gegen Schwarze Männer und weiße Frauen, sondern ein eigenes Geflecht an Herabwürdigungen und Benachteiligungen. Viele Gegenbewegungen berücksichtigen das immer noch nicht. Darauf wollen intersektional feministische Aktivist*innen wie Berfîn aufmerksam machen – dass 'weißer Mainstreamfeminismus' zwar mehr Aufmerksamkeit bekommt, aber längst nicht an alle Machtstrukturen denkt. "Es ist gemütlicher, sich auf Feminismus auszuruhen. Zu sagen 'Ja wir sind alle im selben Boot und der Feind ist das Patriarchat allein.' Aber der Feind ist auch der Kapitalismus, der Weiße Suprematismus und wie das alles miteinander verbunden sind."

White Supremacy oder Weißer Suprematismus kann auch mit "Überlegenheit der Weißen" übersetzt werden. Vor allem im englischsprachigen Raum werden damit rassistische Ideologien zusammengefasst, die darauf beruhen, dass weiße Menschen anderen überlegen wären. Der Begriff wird oft als präziser empfunden als von bloßem Rassismus zu sprechen. Er bennent die Personengruppe, von der die Ideologien ausgehen und macht zusätzlich klar, dass es dabei um Macht und Herrschaft geht und nicht um Einstellungen oder Vorurteile.

Beratungseinrichtungen müssen diese Intersektionalität im Blick haben, um überhaupt helfen zu können, sagt Barbara Liegl, eine der Geschäftsführerinnen von ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit. Der Verein hilft Betroffenen von Rassismus und betreut auch die Beratungsstelle #GegenHassimNetz. Wer Opfer oder Zeug*in eines rassistischen Vorfalls wird, kann das bei den ZARA-Beratungsstellen melden. Alleine im Juni 2020 gingen rund 500 Meldungen ein – und damit mehr als je zuvor innerhalb eines Monats. Erstmals wird ein bisschen sichtbar, wie tiefgreifend und weitläufig der Rassismus in Österreich verankert ist.

Warum hast du nicht einfach…?

Für Marginalisierte ist nichts davon neu. Sie leben diesen Alltag – mit allen Auswirkungen. Rassismuserfahrungen können von Depressionen über posttraumatische Belastungsstörungen bis zu Suizidgedanken führen. "Eine Gesellschaft, die Menschen abverlangt, jeden Tag unzählige rassistische Vorfälle zu erleben ist eine Zumutung", sagt Liegl. Das müsse sich ändern.

Aber wie reagiert man auf tagtägliche Diskriminierungen, immer und immer wieder? Was rät man Betroffenen? Am besten gar nichts, meint die Expertin. "Wir sprechen lieber davon, Betroffenen Handlungsoptionen aufzuzeigen als Ratschläge zu erteilen." (siehe: Factbox) Fragen wie 'Warum hast du nicht einfach dieses' oder 'Wieso hast du dann nicht jenes' drängen Opfer dazu, sich für das Erlebte rechtfertigen zu müssen. Sie fühlen sich nicht ernst genommen, missverstanden – als würde niemand zuhören. Dabei ist eine Diskriminierungserfahrung oft eine Extremsituation. Den Umgang damit muss man lernen oder wissen, wie man Hilfe bekommen kann.

Was man als Betroffene*r bei Belästigungen im öffentlichen Raum tun kann

  • Zeigen, dass man dieses Verhalten nicht möchte! Das kann verbalen, paraverbalen (Intonation, Stimme) und nonverbalen (Körpersprache) passieren. Klingt erstmal stressig, man kann aber im "Trockentraining" üben: Vor dem Spiegel oder mit Freund*innen einen guten Stand, eine feste Stimmlage, eine gute Lautstärke finden, die man dann im Ernstfall abrufen kann. In der Situation kann es auch helfen, wenn man sich bereits einmal Gedanken dazu gemacht hat, was man sagen möchte. Das kann ein "Stopp, Stopp, Stopp!", oder ein "Hören Sie auf!" oder ein "Ich will von Ihnen nicht so angesprochen werden!" sein.
  • Es ist aber nicht die Aufgabe von Betroffenen, sexistische und rassistische Strukturen durch das Überschreiten eigener Grenzen zu bekämpfen. Es ist auch voll okay, die Situation einfach zu verlassen und in keine Interaktion zu gehen.
  • Verbündete können hilfreich sein und man kann sie sich auch holen! Dabei gilt: Je konkreter man eine Person anspricht, desto wahrscheinlicher bekommt man Unterstützung. Klare Autoritätspersonen im Umfeld (Polizei, Geschäftsbetreiber*innen) können auch zur Situation hinzugezogen werden.
  • Wenn man plant, rechtlich gegen ein bestimmtes Verhalten vorzugehen, sind Zeug*innen wichtig. Personen, die die Situation beobachtet haben, am besten um Name und Telefonnummer bitten. Aufpassen!: Wer gerade eine Diskriminierung erlebt hat, ist im Ausnahmezustand. Als Zeug*in kann man auch aktiv auf die*den Betroffenen zugehen und Hilfe und Daten anbieten.
  • Sollte man den Vorfall filmen können, kann das die Beweislage erleichtern. Veröffentlichungen können wegen Fragen des Persönlichkeitsrechtes und des Datenschutzrechtes aber heikel sein.
  • Ein Gedächtnisprotokoll kann helfen, den Vorfall zu ordnen und zu verarbeiten. Außerdem kann man sich später noch überlegen, ob man etwas mit dem gesammelten Wissen (Datum, Uhrzeit, Ort, Beteiligtenbeschreibung,…) machen möchte.
  • Den Vorfall bei Beratungsstellen melden.
  • Und danach auf jeden Fall gut auf sich schauen, um die Situation verarbeiten zu können. Gespräche mit Vertrauenspersonen, Psychotherapeut*innen, Beratungsstellen usw. können hilfreich sein.

In den Wiener Linien geht das unkompliziert – zumindest theoretisch. Drückt man den Knopf neben der Notbremse in einer Garnitur der Wiener Linien, ist man sofort mit dem*der Fahrer*in verbunden. Ganz unauffällig. Es ertönt kein Signal, das Fahrzeug legt keine Notbremsung hin. Der*die Fahrer*in schätzt die Situation ein und informiert den Sicherheitsdienst der Wiener Linien, der innerhalb von Minuten vor Ort ist. Die Mitarbeiter*innen sind darauf geschult, gefährliche Situationen für Frauen aufzulösen. Im Extremfall wird die Polizei verständigt. Nur: Dafür müssen die Knöpfe erst gedrückt werden. Das trauen sich viele Fahrgäste nicht. Oder sie wissen nicht, dass es die Möglichkeit überhaupt gibt. Und Berfîn kam in der Straßenbahn gar nicht auf den Gedanken, sich Hilfe zu holen. "Ich dachte mir nur: 'Ich will so schnell wie möglich nach Hause.'", sagt sie.

Jenen, die Zivilcourage zeigen oder selbst Hilfe benötigen, kann aber nichts passieren. "Im Zweifelsfall ist es ein Notfall", versichert Christoph Heshmatpour, Pressesprecher der Wiener Linien. Wer sich unwohl fühlt oder eine heikle Situation beobachtet, solle jedenfalls Hilfe holen. "Die Knöpfe sind zum Drücken da!"

Und alle schauen zu…

Die Courage in Zivilcourage steht für Mut. Den braucht es, um sich gegen Ungerechtigkeit zu stellen, auch wenn man nur einen Knopf drückt oder das Handys zückt. "Tatsächlich kann jede Person wesentlich dazu beitragen, dass die Welt Tag für Tag ein Stückchen fairer und besser wird – dieser Macht und dieser Verantwortung müssen wir uns bewusst werden," sagt Liegl, deren Verein auch Workshops gibt, in denen man Zivilcourage lernen kann.

In der Straßenbahn, mit der Berfîn fährt, ist davon nichts zu bemerken. Sie ist nicht alleine mit dem Mann in der Bim, aber sie hätte es genauso gut sein können. Ein Gefühl, das die junge Frau nur zu gut kennt: "Gerade in Wien scheint mir, die Leute kümmern sich nur um sich selbst. Es juckt sie einfach nicht, was im Umfeld passiert." Wenn Diskriminierungen jeglicher Art aber ein gesellschaftliches Problem sind, dann müssen sie auch von der Gesellschaft gelöst werden. Davor muss den Menschen bewusst sein, wie ungerecht das System ist. Oder einfacher gesagt: Wie diese Diskriminierung im Alltag ausschaut.

Recht im Unrecht

Unterdrückung und ungleiche Machtstrukturen waren natürlich niemals ein Geheimnis. Soziale Medien und neue Technologien machen es der Mehrheitsgesellschaft aber immer schwerer, einfach wegzuschauen. Auf Plattformen wie Instagram und Twitter haben plötzlich Menschen eine laute Stimme, die im Mainstream über Jahrzehnte ignoriert worden sind. Sie wollen nicht nur Bewusstsein schaffen, sie wollen Veränderung. Das birgt Risiken und erfordert erneut Wissen – darüber, was juristisch erlaubt ist.

Das Video, das Berfîn postet, zeigt den Mann in der Straßenbahn eindeutig. Rechtlich ist das ein Problem: Eine Veröffentlichung verletzt seine Persönlichkeitsrechte. Bilder von Personen dürfen nicht öffentlich gemacht werden, wenn dadurch die Interessen der*des Abgebildeten verletzt werden. Das gilt auch dann, wenn eine Veröffentlichung moralisch vielleicht nachvollziehbar wäre. Denn Rechte gelten grundsätzlich für alle Menschen, sie unterscheiden erstmal nicht zwischen Gut und Böse. "Aus dem Bauchgefühl heraus mag das nicht befriedigend sein", sagt Sabine Matejka, Präsidentin der Richter*innenvereinigung. "Aber man muss das zu Ende denken: Würde jede*r nach eigenem Ermessen handeln, wäre das eine Welt, in der wir nicht leben wollen."

Auch jetzt gibt es Rechtsmittel gegen Diskriminierung und Belästigung. Ob sie genügen, darüber müsse in einer Demokratie diskutiert werden, das sei nicht nur eine staatliche Aufgabe: "Zivilcourage und Bewusstsein kann man rechtlich nicht regeln. Es ist ein gesellschaftlicher Prozess", sagt Matejka. Den können und wollen Aktivist*innen durchaus anstoßen. Aus juristischer Sicht müsste man ihnen dennoch raten: Informiert euch vorher, was das Gesetz sagt, damit ihr nicht plötzlich selbst zu Beschuldigten werdet und vor Gericht steht.

Wie verändert man eine Gesellschaft?

Manchmal passiert gesellschaftliche Veränderung aber gerade dann, wenn die Ausgangslage rechtlich fragwürdig ist. Als Sigi Maurer, heute Klubobfrau der Grünen, vor zwei Jahren sexistische Privatnachrichten veröffentlichte, brachte sie das Land dazu, über Hass im Netz zu reden. Dass die Regierung diese Woche eine neue Gesetzesvorlage präsentiert, ist auch Maurers Verdienst. So wurde aus einem Einzelfall ein gesellschaftliches Bewusstsein, auf das eine politische Handlung folgte. Nur lässt sich das nicht beliebig auf eine Privatperson umlegen. "Sigi Maurer ist eine Person des öffentlichen Lebens. Sie hat Aufmerksamkeit und Medienecho genutzt und diesen Weg auf sich genommen", sagt Matejka. Der Fall zieht sich inzwischen seit mehr als zwei Jahren hin. Das muss man sich auch leisten können – finanziell und emotional. Gerade mehrfach marginalisierte Personen können das oft nicht. Und gerade ihre Stimmen sind für den Prozess so wichtig. Eine Pattsituation.

Und dann macht man es manchmal einfach trotzdem. "Mir waren die Konsequenzen schon bewusst, auch mögliche strafrechtliche Schwierigkeiten", sagt Berfîn. "Aber es war einfach wichtig, dass diese Konversation überhaupt stattfindet." Für sie ist diesmal alles – na sagen wir okay ausgegangen. Sie wurde nicht geklagt, die negativen Erfahrungen wiegen dennoch schwer genug. Eine gefährliche Situation, die emotionale Belastung, danach Hasskommentare und schwierige Auseinandersetzungen mit Follower*innen, die sich vom Online- ins Offlineleben gezogen haben. Aber sie hat auch geschafft, was sie schaffen wollte: Berfîn hat etwas bewegt.

Das zeigt allein ihre Inbox. Zwischen Hass, Anfeindungen und Hetze steht da auch dutzende Male 'Hey, du inspirierst mich', 'Du hast mich dazu gebracht, über dieses nachzudenken' und 'Ich habe jenes geschafft, weil du mir die Augen geöffnet hast.' Das ist nicht die ganze Gesellschaft, das ist keine große Revolution – aber es kann ein Anfang sein, für den sich der Aufwand und das Risiko lohnen, sagt Berfîn. "Wenn nur eine Person davon profitiert und etwas verändern kann, dann reicht das für mich."

 

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