Stell Dir das mal vor

Ihr Jugendbuch Nichts war ein Bestseller und erhitzte die Gemüter: zu radikal, zu nihilistisch, klagten Pädagogen – und dass man derlei Skeptizismus jungen Leserinnen und Lesern nicht zumuten könne ... Nun legt die dänisch-österreichische Autorin nach. In Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier regt Janne Teller zu einem Gedankenexperiment an. Ein Interview über anspruchsvolle Jugendliche, das zeitlose Thema Migration – und warum den Dänen Österreich schon mal so fremd vorkam wie Badgad ...

Ihr Buch Krieg versetzt den Leser in die Position eines jungen Deutschen, der nach Ägypten fliehen muss ...


... was Leser und Protagonisten fremd vorkommt. Es ist aber kein Buch über Krieg, sondern eine Geschichte darüber, was passiert, wenn man sein Land verlassen muss und deshalb sein eigenes Leben nicht mehr kontrollieren kann.

Ist Ihr Buch nur was für junge Leser?


Junge sind häufig offener für neue Gedanken. So kann man manche Gedanken viel direkter weiterentwickeln - und dadurch richtet sich der Text dann wieder stärker an Erwachsene.

Schreiben Sie lieber für Jugendliche?


Ich habe ja zuerst nur für Erwachsene geschrieben. Aber gerade bei manchen großen, wichtigen Themen wende ich mich gern an die Jüngeren. Wenn man für Jugendliche schreibt, muss man ganz, ganz ehrlich sein. Sie lesen nichts, nur weil ein berühmter Name darüber steht. Sie lesen es nur, wenn es spannend geschrieben ist.

Sie selbst stammen aus einer österreichisch-deutschen Einwandererfamilie. Inwieweit hat das Ihren Blick auf das Thema Migration beeinflusst?


Meine Mutter kam mit dem Roten Kreuz 1948 als Kriegskind nach Dänemark. Zum anderen stammt mein Großvater väterlicherseits aus Deutschland. Er war Einwanderer nach dem Ersten Weltkrieg. Ich selbst war also ein Immigrantenkind in Dänemark. Das hat mich schon sehr beeinflusst - bis heute fühle ich mich noch als kultureller Mischling. Übrigens war für die Dänen in den 1960/1970er Jahren das südliche Österreich,
woher meine Mutter stammt, genauso weit entfernt war wie heute vielleicht Bagdad.

Bevor Sie sich ganz der Schriftstellerei zuwandten, haben Sie jahrelang als Ökonomin für die EU und die UNO gearbeitet. Das Thema Migration hat Sie auch als Erwachsene nicht losgelassen?


Bei meinen Jobs in aller Welt hatte ich beruflich immer mit Krieg und humanitären Probleme zu tun. Dabei habe ich viel darüber gelehrnt, wie es Menschen ergeht, die deswegen ihr eigenes Leben nicht mehr kontrollieren können - und darüber musste ich schreiben. In erster Linie interessiert mich das Persönliche: die vielen tragischen Schicksale von Menschen. Aber natürlich ist Migration eines der essenziellen Themen unser Zeit - oder vielleicht sogar das Thema aller Zeiten, wenn man sich die Weltgeschichte anschaut...

Sie haben den Essay, der jetzt als Buch vorliegt, schon im Jahre 2001 geschrieben. Was sagen Sie heute, zehn Jahre später: Hat sich in Europa die Debatte über Migration verändert?


Ja, leider muss ich zugeben, dass die hasserfüllte Diskussion über Flüchtlinge und Migranten, die damals in Dänemark im Jahr 2001 begann, heute noch viel ärger ist. Eigentlich hatte ich gehofft, mein Essay Krieg wäre mittlerweile längst überholt. Und dass wir heute den einzelnen sehen, als Menschen, egal woher er kommt - und nicht als Zahl oder als „den Anderen" oder als Fremden. Doch so ist es nicht. Ganz im Gegenteil!

Ihr Bestsellerbuch Nichts hieß im Untertitel „Was im Leben wichtig ist". Was wollen Sie Lesern von Krieg als Erkenntnis mitgeben?


Im tieferen Sinne dreht sich das Buch um mitmenschliches Verständnis und besonders um Identität. Was passiert, wenn man diese Identität aufgeben und ein anderes Leben führen muss? Und wie können sich Menschen aus verschiedenen Kulturen verstehen? Uns geht es so gut in unserem Teil der Welt. Vielleicht verstehen wir die Menschen nicht, die aus Kriegsgebieten zu uns kommen. Genau deshalb stelle ich die Frage: Was wäre, wenn bei uns tatsächlich Krieg wäre? Ich lade die Leser in ein Leben ein, das die wenigsten kennen. Damit sie sich hineinversetzen können in einen Mensch, der ein Flüchtlingsleben führen muss.

Krieg. Stell Dir vor, er wäre hier.

Mit Illustrationen von Helle Vibeke Jensen
€ 7,10 (Hanser Verlag).
 

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